Juli 18th, 2016 by Silversurger

Wenn ich in früheren Artikeln über mehr oder weniger brauchbare Pitcher-Statistiken geschrieben habe, dann ging es in erster Linie um Starting Pitcher. Heute möchte ich meinen Blick stärker Richtung Bullpen richten und ein paar Gedanken festhalten, welche Stats man heranziehen kann, um die Leistung von Relief Pitchern sinnvoll zu beurteilen.

Wins und Losses

Mein „ceterum censeo“ setze ich gleich an den Anfang: Das Zählen von Pitcher-Wins und -Losses ist für Reliever noch blödsinniger als für Starter, aber über das Thema habe ich hier eigentlich schon alles gesagt.

IP, ERA, FIP

Die wichtigsten Aufgaben eines Pitchers – in dem Punkt unterscheiden sich Reliever nicht von Startern – sind das Produzieren von Outs und das Verhindern von Runs. Das führt direkt zu Indikatoren wie Innings Pitched (IP), ERA und FIP, die ich allesamt hier erklärt habe. Einige Fallstricke machen die Interpretation dieser Zahlen jedoch für Relief Pitcher etwas schwieriger als für Starter. Zum Beispiel sind für Reliever, dadurch dass sie im Laufe einer Saison in der Regel deutlich weniger Innings pitchen als die Starter, Durchschnitts- und Anteilswerte wie ERA, FIP, HR/9% oder SO/BB% deutlich unzuverlässiger und anfälliger für Ausreißer, wenn man die Betrachtung nicht auf einen großen Zeitraum (am besten mindestens eine ganze Saison) bezieht.

Hinzu kommt, dass man erst mal identifizieren muss, wer überhaupt als Reliever gelten soll. Wählt man die Relief-Pitcher-Tabelle auf Baseball-Reference und sortiert sie nach IP, so stellt man fest, dass auf den ersten vierzig Plätzen ausnahmslos Pitcher stehen, die auch Spiele gestartet haben. Da steht Tanner Roark ganz oben mit 124.2 IP, was im Zusammenhang mit Relief Pitching völlig in die Irre führt, weil er in seinen zwanzig Spielen dieses Jahr nur ein einziges mal als Reliever auftrat. Fangraphs hingegen bezieht in die Standardtabelle ausschließlich die Relief-Einsätze ein, was für unsere Zwecke informativer ist. Hier sieht man auf den ersten Blick, dass Brad Hand (Padres) diese Saison bisher von allen Relief Pitchern die meisten Outs produziert hat und dass Brad Brach (Orioles) ein ganz fantastisches Jahr hat, in dem er nicht nur die zweitmeisten Relief-Innings gepitcht hat, sondern in diesen mit 0.88 ERA auch extrem dominant war.

Eine interessante Möglichkeit, um Spezialistenpitcher wie LOOGYs (Lefty One-Out GuYs) zu identifizieren und zu beurteilen, sind Split-Statistiken, also Statistiken, die die üblichen Werte wie ERA, FIP etc. getrennt nach bestimmten At-Bats – in dem Fall solche gegen linkshändige Batter – darstellen. Leider gibt es Übersichtstabellen mit Linkshänder-/Rechtshändersplits auf den mir bekannten Statistikseiten nicht gesondert für Relief Pitcher. Das ist sehr schade, denn gerade dafür wären sie besonders brauchbar. So bleibt einstweilen nichts anderes übrig, als erstens weiter Ausschau zu halten, ob es nicht doch eine Seite gibt, die diese Aufgliederung anbietet (wenn ihr eine kennt, sagt mit bitte Bescheid!), und zweitens für die Zwischenzeit die verfügbaren Split-Tabellen entweder manuell durchzublättern oder gezielt nach Spielern zu durchsuchen, die man auf andere Weise als potenzielle LOOGYs identifiziert hat. Sehr verdächtig sind in diesem Sinne all jene Spieler, bei denen eine große Anzahl von Spielen mit einer vergleichsweise kleinen Anzahl von Outs bzw. Innings einhergeht: Vergleicht man hier Spalte G mit Spalte IP, so stößt man schnell auf Kandidaten wie Josh Osich (Giants), Zach Duke (White Sox), Jerry Blevins (Mets) oder Marc Rzepczynski (Athletics) und beim Betrachten ihrer Split-Statistiken zeigt sich, dass diese Reliever bei ihren meist kurzen Einsätzen tatsächlich überproportional häufig gegen Linkshänder antreten dürfen.

Saves

Ausschließlich für Relief Pitcher und zwar in erster Linie für Closer gibt es die statistische Kategorie des Saves. Einen Save kann pro Spiel nie mehr als ein Pitcher verdienen. Das tut er, indem er für sein Team das letzte Aus im Spiel produziert, ohne selbst den Win zugerechnet zu bekommen, sofern er eine von drei weiteren Bedingungen erfüllt: entweder er kommt ins Spiel mit einer Führung seines Teams von höchstens drei Runs und pitcht selbst mindestens ein Inning lang; oder er kommt ins Spiel mit dem potenziell ausgleichenden Run auf Base, am Schlag oder on Deck; oder er pitcht mindestens drei Innings lang.

Der Save ist ein Indikator für die Erfüllung einer sehr wichtigen Aufgabe, weist aber auch einige Schwächen und Tücken auf. Die erste Tücke ist, dass Saves oft missverstanden werden als das Qualitätskriterium für Relief Pitcher, was natürlich insofern Unsinn ist, als Saves eben nur in Save-Situationen verdient werden können, in welche viele Relief Pitcher im Rahmen der Aufgabenverteilung selten oder nie kommen. Eine weitere Tücke ist, dass beim Zählen von Saves unberücksichtigt bleibt, dass die Häufigkeit und Schwierigkeit der Save-Situationen vom Team abhängen. Das verzerrt die Wahrnehmung vor allem dann, wenn nur auf die Absolutzahl der Saves geschaut wird und nicht auf den Anteil erfolgreicher Saves an allen Save-Möglichkeiten. Ein brauchbares Bild von der Leistung eines Closers ergibt nur beides zusammen.

Die beiden erfolgreichsten Closer der laufenden Saison haben bislang perfekte Arbeit bei jeder ihrer Save-Gelegenheiten geleistet: Jeurys Familia (Mets) hat 32 Saves aus ebenso vielen Chancen gemacht, Zach Britton (Orioles) 29 aus 29. Auch A. J. Ramos (Marlins) bringt es auf 29 Saves, er hatte jedoch bereits eine verpatzte Save-Gelegenheit, einen Blown Save. Den Rekord für die meisten Saves in einer Saison (62 im Jahr 2008) hält Francisco Rodriguez (damals Angels, heute Tigers), die meisten Saves insgesamt gehen auf das Konto von Mariano Rivera (Yankees) mit 652.

Holds

Da Saves in erster Linie für Closer erreichbar und damit auch nur für sie sinnvoll interpretierbar sind, gibt es als Ergänzung die (im Gegensatz zum Save nicht offizielle) Statistik über Holds. Ein Hold ist prinzipiell das gleiche wie ein Save mit dem einzigen Unterschied, dass der betreffende Pitcher nicht das Spiel beendet, sondern bei fortbestehender Führung seines Teams ausgewechselt wird. Einen Hold können sich in einem Spiel mehrere Pitcher verdienen. Durch den Einbezug von Holds wird der Blick auf die Relief Pitcher etwas breiter, wobei auch hier durch die Anwendung größtenteils identischer Kriterien wie beim Save der Schwerpunkt auf den späteren Innings liegt. Holds verdienen sich somit in erster Linie Setup-Pitcher, also die Pitcher, die direkt vor dem Closer – typischerweise im achten Inning – zum Einsatz kommen.

Die meisten Holds in der MLB-Geschichte hat Matt Thornton (White Sox u. a., heute Padres) erzielt, die meisten Holds in einer Saison verzeichneten Joel Peralta (Rays) 2013 und Tony Watson (Pirates) 2015 mit jeweils 41. In der aktuellen Saison wird die Statistik von Dellin Betances (Yankees) mit 22 Holds angeführt.

Fazit

Für die Reliever gilt noch stärker als für die Starter, dass nur ein Bündel von verschiedenen Indikatoren ein einigermaßen umfassendes und ausgeglichenes Bild ergibt, vor allem weil die Reliever sich in diverse Spezialaufgaben aufgliedern. So lohnt sich für Closer der Blick auf Saves, für Setup-Pitcher der Blick auf Holds, für linkshändige Spezialisten sind vor allem die entsprechenden Splits gegen linkshändige Batter interessant, für Long Reliever hingegen vor allem die IP usw. Hinzu kommen übergreifende Maße wie ERA und FIP, die für alle Pitcher relevant sind – vorausgesetzt, die Fallzahlen bzw. Zeiträume sind groß genug, um verlässliche Zahlen zu erhalten.

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Juni 28th, 2016 by Silversurger

Wie am Ende meines Rants gegen Pitcher-Wins versprochen, werde ich heute auf ein paar Pitcher-Statistiken eingehen, die ich sinnvoll finde – manche mehr, manche weniger, aber auf jeden Fall alle deutlich mehr als die Win-Loss-Bilanz. Ich konzentriere mich auf Aussagen über starting Pitcher. Einiges davon lässt sich auch auf Reliefer übertragen, aber mit denen beschäftige ich mich ein andermal gründlicher.

Es gibt haufenweise Zahlen, die uns etwas über Pitcher sagen – zum Beispiel die Anzahl von Strikeouts, von erlaubten Walks, Hits und Homeruns sowie diverse Verhältnisse dieser Zahlen zueinander, die Auswahl und Geschwindigkeit der Pitches und so weiter. Das alles sind interessante Informationen, aber im Endeffekt bemisst sich die Leistung eines Pitchers an genau zwei Fakten. Erstens: Wie viele Outs produziert er? Zweitens: Wie viele Runs lässt er dabei zu?

Innings Pitched

Outs werden üblicherweise in Form von Innings Pitched (IP) gezählt. IP sind nichts anderes als die produzierten Outs geteilt durch drei. Dabei werden alle Outs mitgerechnet, die auftreten während der betreffende Pitcher auf dem Mound steht, unabhängig von dessen konkreter Beteiligung. Insbesondere für Starter sind IP eine sehr aussagekräftige Zahl, schließlich ist es deren Hauptaufgabe, ihr Team möglichst lange im Spiel zu halten. Derzeit gilt es als sehr guter Wert, wenn man es pro Saison auf über 200 IP bringt. 2015 gelang dies 28 MLB-Pitchern, angeführt von Clayton Kershaw mit 232.2 IP (.2 bedeutet in dem Fall, dass er zwei Outs mehr als 232 Innings verantwortet hat). Auch für 2016 führt Kershaw in dieser Statistik mit bislang 121.0 IP.

In der Karriere-Rangliste führt, wahrscheinlich für alle Zeiten uneinholbar, der legendäre Cy Young mit 7.356 IP. Dazu muss man sagen, dass zu seiner Zeit um das Jahr 1900 die Pitches mit deutlich geringerer Belastung für den Ellenbogen geworfen wurden, dass Complete Games und kürzere Starterrotationen üblich waren und dass bis 1892 nur 50 Fuß weit gepitcht wurde anstelle der seitdem bis heute üblichen 60 Fuß und 6 Zoll. Angesichts der Entwicklung des Spiels hin zu weniger Innings und längeren Erholungsphasen für die Starter ist es nicht überraschend, dass sich in den historischen Top-200 nur zwei noch aktive Pitcher finden. Es handelt sich um Bartolo Colon mit 3068.2 IP auf Platz 126 und um C. C. Sabathia mit 3058.1 IP auf Platz 128. Die meisten IP in einer Saison gelangen 1879 Will White mit 680.0. Man muss sehr lange blättern, um in der Liste einen Wert aus der „modernen Ära“ des Baseballs zu finden und schließlich bei Wilbur Wood im Jahr 1972 mit 376.2 IP zu landen. Steve Carlton (304.0) war 1980 der bislang letzte Pitcher mit über 300 IP.

(Earned) Run Average

Zugelassene Runs kann man natürlich einfach so zählen, allerdings sind sie für sich genommen wenig aussagekräftig. Das dürfte unmittelbar einleuchten, denn natürlich hat man lieber einen Clayton Kershaw auf dem Mound, der in 121 Innings 25 Runs zugelassen hat, als zum Beispiel seinen Teamkollegen Ross Stripling mit 24 Runs in 45.2 Innings. Man sollte also beide Zahlen, die Runs und die Innings, zueinander ins Verhältnis setzen, um eine gute Aussage über die Qualität eines Pitchers zu erhalten. In der einfachsten Form landet man damit beim Run Average (RA), also der Anzahl von Runs, die der betreffende Pitcher durchschnittlich in 9 Innings zulässt.

Um die Leistung des Pitchers etwas unabhängiger von der Qualität seiner Mitspieler beurteilen zu können, wird üblicherweise eine korrigierte Variante dieses Indikators verwendet, der sogenannte Earned Run Average (ERA). Dieser errechnet sich wie der RA, indem man die erlaubten Runs durch die IP teilt und das ganze mal neun nimmt. Der Unterschied besteht darin, dass in der Berechnung von ERA die Runs nicht mitgezählt werden, die durch Errors oder vom Catcher verpasste Bälle (passed Balls) erzielt werden. Das klingt einerseits sinnvoll, ist andererseits aber mit Recht umstritten, denn die vorgenommene Korrektur unterstellt zwei Dinge: erstens dass der Einfluss der Mitspieler „nur“ in Errors und passed Balls besteht – was nicht stimmt, denn zum Beispiel die Reichweite der Fielder, deren Fähigkeit, Double Plays auszuspielen und Base-Stealer auszuwerfen, spielen ebenfalls eine große Rolle; zweitens dass der Pitcher für Runs nach Errors und passed Balls keine Verantwortung trägt – was ebenfalls oft nicht der Fall ist, denn meistens trägt der Pitcher zu dem Run bei, indem er entweder den scorenden Spieler zuvor per Walk oder Hit auf Base gelassen hat oder indem er zum Beispiel den Hit zulässt, der einen durch Error im Spiel befindlichen Spieler nach Hause bringt. Als drittes Defizit kommt noch hinzu, dass Errors auf einer subjektiven, durchaus unterschiedlich gehandhabten Einstufung der Scorer beruhen. Man kann also mit einigem Recht sagen, dass ERA kaum mehr als eine Scheinkorrektur von RA darstellt. Das ist keine neue Erkenntnis, aber die Baseballwelt ist bekanntlich recht konservativ und so wird ERA trotz bekannter Defizite auf absehbare Zeit der dominierende Indikator für die Leistung von Pitchern bleiben. Das ist für mich O. K., denn alles in allem ist ERA den Nachteilen zum Trotz ein brauchbares Maß.

Auch hier ein kurzer Blick auf aktuelle und historische Resultate: Einen ERA unter 3.0, was im heutigen Baseball als hervorragender Wert gilt, wiesen 2015 lediglich zwölf qualifizierte Pitcher auf (als qualifziert gelten in dem Fall Pitcher mit mindestens so vielen IPs wie Spiele stattgefunden haben, also 162 in einer Saison), angeführt von Zack Greinke (1.66) und Jake Arrieta (1.77), die als einzige unter 2.0 blieben. In der laufenden Saison stehen noch drei qualifizierte Pitcher unter einem ERA von 2.0: Jake Arrieta (1.74), Clayton Kershaw (1.79) und Madison Bumgarner (1.99).

Wie bei den IP ist auch beim ERA in der Karriere-Rangliste zu beobachten, dass die erzielten Werte von der jeweiligen Ära des Spiels abhängen und man deshalb auf den hohen Plätzen nahezu ausschließlich Spieler aus der Dead Ball Era zu Beginn des letzten Jahrhunderts findet. Umso beachtlicher sind die Leistungen von Mariano Rivera (Platz 13 mit 2.209 Karriere-ERA) und Clayton Kershaw (Platz 27 mit 2.385) einzuschätzen, die es als „moderne“ Pitcher so weit nach oben geschafft haben. Kershaw ist der einzige noch aktive Spieler, der in die Top-150 dieser Liste vorgedrungen ist. Betrachtet man hingegen die Einzelsaison-Rekorde, so sticht ein anderer aktiver Pitcher hervor: Die 1.66-ERA-Saison 2015 von Zack Greinke brachte ihn auf Platz 75 dieser Liste und war damit die beste Jahresleistung seit 20 Jahren.

Fielding Independent Pitching

Gehen wir noch mal zurück zu dem Anspruch, der ERA zugrunde liegt, nämlich die Messung der Pitcherleistung ohne den Einfluss der restlichen Defense. ERA erfüllt diesen Anspruch, wie oben aufgezeigt, nicht. Generell scheint es ein aussichtsloses Unterfangen, das Verschulden von Runs trennscharf einem Pitcher zu- oder abzuerkennen. Eines geht aber: Man kann einen Indikator basteln, der nur aus Komponenten zusammen gesetzt ist, die der Pitcher nahezu alleine verantwortet. Das trifft zu für Strikeouts, für Walks und Hit by Pitches sowie für Homeruns – also alle Situationen, bei denen der Ball nicht „in play“ kommt. Aus diesen Einzelteilen besteht der von Tom Tango entwickelte Indikator Fielding Independent Pitching (FIP). Als geschickter kleiner Kniff wird der Formel noch eine Konstante hinzugefügt, mit der FIP auf das gleiche Niveau gehoben wird wie der ERA des betrachteten Zeitraums. Der Ligadurchschnitt für FIP und ERA ist dann also genau gleich und somit hat man es als ERA-gewohnter Beobachter sehr leicht, die Werte zu interpretieren. Geht man nach FIP, so zeigt sich in aktuellen Ranglisten ein leicht anderes Bild als bei der Betrachtung von ERA: Ganz vorne steht aktuell Clayton Kershaw mit 1.65, gefolgt von Noah Syndergaard mit 1.86 und Jose Fernandez mit 1.95. Auch 2015 führte Clayton Kershaw (1.99) als einziger Pitcher mit einem FIP unter 2.0 die Liga an. Zack Greinke mit seinem sensationellen 1.66 ERA brachte es „nur“ auf ein FIP von 2.76 und damit auf Platz 6.

ERA+, ERA-, FIP+, FIP-

Sowohl zu ERA als auch zu FIP gibt es übrigens abgeleitete Indikatoren, die sich am Ligadurchschnitt orientieren. Inhaltlich steckt das gleiche drin wie in den Grundzahlen; diese werden so umgerechnet, dass der Ligadurchschnitt auf 100 gesetzt wird und führen zu neuen Kennzahlen, die sich ERA+, ERA-, FIP+ oder FIP- nennen. ERA+ und FIP+ bedeuten, dass man umso besser ist, je weiter man über 100 liegt, oder umso schlechter, je weiter man darunter landet. Bei ERA- und FIP- ist es genau umgekehrt, hier bedeutet niedrig gut und hoch schlecht. Jake Arrieta steht beispielsweise 2016 bisher bei einem ERA+ von 231, genau in der Mitte liegt Jaime Garcia mit 100 und das Schlusslicht der qualifizierten Pitcher bildet James Shields mit 64. Das Gute an diesen Werten ist, dass sie den Vergleich von Zahlen aus verschiedenen Jahren erleichtern, d. h. jede Pitcherleistung wird ins Verhältnis zu dem zeitlichen Umfeld gesetzt, in dem sie erbracht wurde.

Quality Starts

Zu guter Letzt möchte ich noch eine recht einfache Statistik vorstellen, für die man nicht rechnen muss und die trotzdem ein Maß zur zumindest oberflächlichen Beurteilung von startenden Pitchern liefert: Der Quality Start (QS) wurde 1985 von dem Journalisten John Lowe als Qualitätsmerkmal für einzelne Starts vorgeschlagen. Ein QS liegt dann vor, wenn der startende Pitcher mindestens für sechs Innings auf dem Mound bleibt und dabei höchstens drei earned Runs zulässt.

Auch der QS hat Kritikpunkte, beispielsweise weil er im Extremfall (6 IP und 3 ER) mit einem relativ hohen ERA von 4.5 einhergeht und weil er nicht berücksichtigt, dass beispielsweise ein 9-Inning-Start mit 4 ER objektiv betrachtet die bessere Leistung wäre als ein 6-Inning-Start mit 3 ER, Ersterer aber nicht als QS gezählt wird. Aber der QS ist durch seine Einfachheit eine manchmal hilfreiche „quick and dirty“-Statistik, die jeder schnell versteht. Außerdem sind QS als Instrument zur Schwarz-Weiß-Einstufung jedes einzelnen Starts eine gute Ergänzung zu Indikatoren wie ERA oder FIP, die eher langfristig angelegt sind und wenig Auskunft darüber geben, wie gleichmäßig die Leistungen erbracht werden. Interessanterweise liegt der Anteil von QS ligaweit in den letzten Jahren immer bei ungefähr 50%.

Wenn in der Berichterstattung auf Dauer die übliche Kurzdarstellung „W-L und ERA“ ersetzt würde durch eine Darstellung „QS-GS und ERA“ (GS = Anzahl der gestarteten Spiele), dann wäre das in meinen Augen ein deutliches Upgrade gegenüber dem Status quo. Beispielsweise würde man dann auf einen Blick erfahren, dass dieses Jahr Marco Estrada mit 12 QS in 15 Starts (80%) seinem Team deutlich häufiger die Gelegenheit verschafft hat, mit überschaubarem Offensivaufwand zu gewinnen, als Chris Tillman mit 9 QS in 15 Spielen (56%) – was eine deutlich informativere Aussage über die Pitcherleistung wäre als die 5 Wins von Estrada gegenüber den 10 von Tillman.

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Juni 14th, 2016 by Silversurger

Ich liebe Statistiken. Es gibt unzählige ausgefeilte, interessante, informative, lehrreiche, erhellende, sinnvolle Statistiken über Baseball. Pitcher-Wins und -Losses gehören für mich aber nicht dazu und ich möchte heute erklären, warum das so ist.

Wins und Losses bedeutet Siege und Niederlagen, so viel Englisch verstehen wir wohl alle. Und es dürfte auch unmittelbar einleuchten, dass Siege und Niederlagen im Baseball wie in fast jedem Sport die wichtigste Statistik von allen sind – bezogen auf das ganze Team, versteht sich. Im Baseball werden aber nicht nur Teams Siege und Niederlagen als offizielle Statistik zugeschrieben, sondern auch einzelnen Spielern und zwar ohne Ausnahme jeweils genau einem Spieler im gewinnenden bzw. im verlierenden Team. Laut Regelbuch der MLB ist der Win demjenigen Pitcher zuzuschreiben, der im Spiel war, während seine Mannschaft zum letzten (also endgültigen) Mal in Führung gegangen ist. Die einzige Einschränkung ist, dass ein Starting Pitcher mindestens fünf Innings absolviert haben muss, um „gewinnen“ zu können, andernfalls fällt der Win einem Relief Pitcher zu. Umgekehrt wird der Loss dem Pitcher zugerechnet, der den Run für die Gegenseite verursacht hat, durch welchen sein Team endgültig in Rückstand geriet. Wobei der Verursacher zu dem Zeitpunkt durchaus schon ausgewechselt sein konnte, nachdem er den entscheidenden Runner auf Base gelassen hatte.

Die Bilanz der auf diese Art festgelegten Wins und Losses ist meistens der erste Wert, der in der Berichterstattung hinter dem Namen des Pitchers steht, allenfalls noch ergänzt durch den Earned Run Average (ERA), mit dem wir uns ein andermal beschäftigen werden. Aber sind Wins wirklich eine sinnvolle Information darüber, wer für die Gewinnermannschaft den Sieg verdient hat? Ich habe in der Überschrift ja schon subtil angedeutet, dass ich es nicht so sehe…

Schauen wir uns zum Beispiel das Spiel der New York Mets gegen die Los Angeles Dodgers vom 27. Mai dieses Jahres an: Jacob deGrom startet für die Mets und lässt nur einen Run gegen sein Team zu, das mit einer 5:1-Führung ins neunte Inning geht. In diesem übernimmt Jeurys Familia den Mound und scheitert kolossal, indem er vier Hits, einen Walk und vier Runs zulässt, bevor er beim Stand von 5:5 das dritte Aus schafft und mit hängendem Kopf nach seinem schlechtesten Auftritt des Jahres vom Platz schleicht. In der unteren Hälfte des neunten Innings rettet Curtis Granderson den Tag, indem er für die Mets den Walk-Off-Homerun zum 6:5 schlägt. Welcher Spieler hat dieses Spiel gewonnen? Eigentlich keiner, denn als Team gewinnt und verliert man zusammen. Aber wenn man einen herausgreifen muss, dann vielleicht Granderson, weil er den entscheidenden Punkt erzielt hat. Oder Juan Lagares, der mit drei Hits und drei RBI für die meisten Punkte gesorgt hat. Oder wenn es ein Pitcher sein muss, dann doch sicher deGrom, der in sieben starken Innings nur drei Hits und einen Run erlaubt hat, oder? Alles Quatsch, wenn man den Regeln folgt, denn diesen zufolge gehört der Win Jeurys Familia, weil die Mets zum letzten Mal in Führung gegangen sind, während er noch offiziell als Pitcher aufgestellt war.

Das ist kein abstruses Beispiel, nach dem ich lange graben musste, sondern ganz normaler Alltag in der Vergabe von Pitcher-Wins. Auf der Suche nach einem weiteren Beispiel für die Sinnlosigkeit dieser Statistik reicht es, zwei Tage zurück zu blättern: Letzten Sonntag trafen die Baltimore Orioles auf die Toronto Blue Jays. Das Spiel wurde „gewonnen“ von Aaron Sanchez, der für Toronto startete und in fünf Innings sechs Runs zuließ, darunter vier Homeruns. Sanchez war in diesem Spiel der erfolgloseste Pitcher seines Teams, sowohl nach Gesamtzahl der zugelassenen Runs als auch nach zugelassenen Runs pro Inning. Aber er hatte das Glück, dass die Schlagleute seines Teams noch mehr und noch schneller Runs erzielten als er sie kassierte, sodass er den Mound nach fünf Innings mit einer 7:6-Führung verließ, zu der er selbst wohl am wenigsten konnte. Win für Sanchez.

Noch ein Beispiel, dann lassen wir es für heute gut sein: Am 25. Mai gelangen Junior Guerra als Starter für die Milwaukee Brewers gegen die Atlanta Braves fünf Innings ohne einen zugelassenen Run. Als er ausgewechselt wurde, führte sein Team 1:0, am Ende gewann es 3:2. Einen Win verdiente sich Guerra damit aber nicht, denn Reliever Chris Capuano ließ zu, dass die Führung zwischenzeitlich verloren ging und bestrafte damit nicht sich selbst sondern Guerra. Den Win erhielt übrigens Michael Blazek, der eines von insgesamt zwölf scorelosen Innings der Brewers pitchte und zufällig offiziell im Spiel war, als seine schlagenden Teamkollegen das 3:2 erzielten.

Das sind drei Beispiele aus jüngerer Zeit, keines davon besonders ausgefallen, aber sie alle demonstrieren, was problematisch daran ist, Wins und Losses für die Beurteilung von Pitchern heranzuziehen: Sie messen schlichtweg allzu oft nicht das, was sie sollen, nämlich welcher Pitcher den wichtigsten Beitrag zum Sieg seines Teams beigetragen hat. Die Win-Loss-Bilanz eines Pitchers hängt ab von der Offensivstärke seines Teams, von der Stärke des Bullpens und zu einem guten Teil auch schlichtweg von Glück oder Pech. Und das gilt nicht nur für einzelne Spiele sondern auf ganze Saisons oder gar Karrieren hin. Schauen wir uns zum Beispiel die Statistiken der Saison 2015 an: Shelby Miller von den Atlanta Braves hatte eine sehr gute Saison, mit einem ERA von 3.02 steht er MLB-weit auf Platz 14 aller Pitcher mit mindestens 162 Innings. Aber weil er bei einem schlechten Team spielt, weist er eine Win-Loss-Bilanz von nur 6-17 auf. Colby Lewis von den Texas Rangers hingegen steht mit einem ERA von 4.66 auf Platz 70, hat aber eine Bilanz von 17-9. Wer von den beiden hat wohl besser gepitcht?

Manch einer wird nun denken: Dann soll er die Wins-Statistik eben einfach ignorieren. Das versuche ich unentwegt, aber ständig stößt man auf Sätze wie „er hat hervorragend gepitcht, aber zum Win hat es für ihn nicht gereicht“ oder „er lässt zu viele Runs zu, aber immerhin fährt er regelmäßig Wins ein“ oder „wenn er am Ende des Jahres 20 Wins auf dem Konto hat, war das eine starke Saison“. In meinen Ohren sind das Aussagen, die nicht nur nichts aussagen sondern darüber hinaus von echten Informationen ablenken. Ich wünschte, sie würden aus dem Phrasenschatz der Kommentatoren ein für allemal gestrichen und genauso aus den Standardtabellen der Statistikseiten und aus dem Scoring von Fantasyligen.

Sorry, liebe Leser (habe ich überhaupt welche? ich würde mich riesig über den ersten Kommentar freuen, selbst wenn es nur der Hinweis auf einen Rechtschreibfehler wäre), dass mein erster Statistikartikel ein destruktiver Rant geworden ist. Ich verspreche, dass der nächste konstruktiver wird, d. h. ich werde dann auch den einen oder anderen Indikator nennen, den ich gut finde.

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