Juli 4th, 2019 by Silversurger

Noch vier Tage MLB-Baseball, dann haben die meisten Spieler erstmal Pause. Das All-Star-Game steht an –  das unwichtigste Spiel des Jahres, was das Ergebnis angeht, und gleichzeitig eines der wichtigsten hinsichtlich der Frage, ob man dabei ist oder nicht. Die vollständigen Kader findet ihr hier. Der heißeste Tipp für die World Series zur (etwas mehr als) Halbzeit sind in der NL eindeutig die Los Angeles Dodgers. Sie sind laut Fangraphs auf Kurs für 103 Siege in der regulären Saison und haben eine knapp 20-prozentige Chance, den Titel zu gewinnen. Noch etwas höher stuft Fangraphs die Chancen der Houston Astros ein – obwohl diese in der AL angesichts von Konkurrenten wie den Yankees und den Twins längst nicht so souverän vorne liegen wie die Dodgers in der NL.

American League
Die New York Yankees (55-29) sind das einzige Team der MLB, das jemals ein Spiel auf europäischem Boden gewonnen hat. Das können sie nun ein Jahr lang von sich behaupten, nachdem sie am letzten Wochenende die 2-Spiele-Serie gegen die Boston Red Sox (45-41) gesweept haben (siehe „Spiel der Woche“). Dass die Yankees als Spitzenreiter der American League East in den All-Star-Break gehen, steht bereits fest. Allerdings stehen vor der Pause noch vier Spiele gegen den direkten Verfolger, die Tampa Bay Rays (50-37), an. Die Rays hatten in dieser Saison bislang große Probleme mit den Yankees, sahen gegen kein Team so schlecht aus wie gegen sie. Wenn sich das ändern soll, wäre dieses Wochenende ein guter Zeitpunkt dafür.

Auch für die Minnesota Twins (54-31) steht fest, dass sie in der AL Central den All-Star-Break an der Spitze überdauern werden. Sie saßen aber in diesem Jahr durchaus schon mal fester im Sattel. Zuletzt setzte es ein paar nicht eingeplante Niederlagen – in zwei von drei Spielen gegen die Chicago White Sox (41-42) und in einem von bisher zwei Spielen gegen die Athletics –, während gleichzeitig die Cleveland Indians (47-38) ihren Aufwärtstrend der letzten Wochen fortsetzen. Vor einem Monat lagen sie noch bei einer negativen Bilanz, inzwischen stehen sie neun Siege über .500 und wenn die Saison nun vorüber wäre, hätten sie einen Wild-Card-Platz erobert. In einem solchen Lauf steckt man auch mal zwei 0:13-Niederlagen vom letzten Wochenende gegen die Orioles ungerührt weg. Die drei Spiele seitdem haben die Indians alle gewonnen, heute Abend setzen sie zum Sweep gegen die Kansas City Royals (29-58) an.

Die Houston Astros (55-32) haben ihren Durchhänger offensichtlich überwunden: Fünf Siege in Folge stehen aus den letzten Tagen zu Buche, drei gegen Seattle und zwei in Colorado. Zum Abschluss des ersten Saisonabschnitts steht nun noch eine 3-Spiele-Serie gegen die Los Angeles Angels (44-43) an. Die Angels sind zurzeit schwer einzuschätzen. Drei Niederlagen gegen die Oakland Athletics (47-40) schienen letztes Wochenende ihre Wild-Card-Hoffnungen auf ein Minimum zu reduzieren. Es folgten der tragische Tod von Tyler Skaggs und zwei Siege in den emotionalen Spielen bei den Texas Rangers (46-40). Für kein Team kommt die anstehende Pause wohl gelegener als für die Angels, die erst mal die Trauer bewältigen und sich dann darüber klar werden müssen, welche Ambitionen sie dieses Jahr noch verfolgen möchten.

National League
Die Ambitionen der Atlanta Braves (51-36) sind klar, sie wollen zum zweiten Mal in Folge die National League East gewinnen. Auf dieses Ziel können sie in den verbleibenden Spielen bis zur Pause noch ein großes Stück zugehen. Zunächst steht heute Abend das Rubber-Game der Serie gegen Verfolger Philadelphia Phillies (45-41) an. Anschließend geht es noch dreimal gegen die Miami Marlins (32-52), das mit Abstand schwächste Team der NL. Die Phillies müssen derweil bei den New York Mets (39-48) antreten. Die Mets sind so gut wie raus aus dem Rennen um die Playoff-Plätze, aber die Spiele gegen die Phillies können trotzdem entscheidend sein – entscheidend dafür, ob Manager Mickey Callaway seinen Job behält oder ob in der Pause ein Nachfolger installiert wird. Wie schnell im Baseball aus einem Totgesagten wieder ein Contender werden kann, beweisen unterdessen die Washington Nationals (44-41). 12 Siege aus den letzten 15 Spielen haben sowohl den Record als auch das Run Differential in den positiven Bereich gedreht und die Nationals auf einen Wild-Card-Platz befördert.

In der NL Central setzt sich die Entwicklung fort, die ich letzte Woche schon beschrieben hatte: Man wird den Eindruck nicht los, dass niemand diese Division gewinnen will. Momentan sind mal wieder die Milwaukee Brewers (46-41) vorn, obwohl sie in den letzten drei Wochen nur eine einzige Serie gewonnen haben. Das ist immerhin eine mehr als ihr Konkurrent, die Chicago Cubs (45-42). Die St. Louis Cardinals (42-42) konnten daraus keinen Nutzen ziehen, nach sechs Niederlagen aus den letzten acht Spielen pendeln sie träge um eine ausgeglichen Bilanz herum. Von einer solchen waren die Pittsburgh Pirates (42-43) lange weit entfernt. Aber in den letzten Wochen waren sie das erfolgreichste Team der Division und heute Abend können sie den 4-Spiele-Sweep gegen die Cubs und damit gleichzeitig die Rückkehr zum .500-Record perfekt machen. Und weil es langweilig wäre, nur das eine der beiden vermeintlichen Spitzenteams zu ärgern, spielen die Pirates am Wochenende auch eine Serie gegen die Brewers.

Apropos langweilig: Kommen wir zur NL West. Man kann es den Los Angeles Dodgers (59-29) kaum zum Vorwurf machen, dass sie um den Divisionssieg keinerlei Spannung aufkommen lassen. In den letzten zwölf Spielen sind die Dodgers ausnahmslos gegen ihre direkten Konkurrenten, die Colorado Rockies (44-42) und die Arizona Diamondbacks (43-45) angetreten. Sie haben acht davon gewonnen, was ziemlich genau der üblichen Quote der Dodgers in dieser Saison entspricht. Zum Abschluss des ersten Saisonteils müssen heute und an den kommenden drei Tagen auch die San Diego Padres (42-44) noch mal beim Überteam der NL antreten. Die Padres haben sich übrigens gerade von den San Francisco Giants (39-47) sweepen lassen und müssen angesichts der anstehenden Aufgabe fürchten, kurz vor der Pause den Anschluss im Wild-Card-Rennen zu verlieren.

Szene der Woche
Meine Szene der Woche ist das Immaculate Inning von Stephen Strasburg. „Immaculate“, also makellos, ist ein Inning dann, wenn der Pitcher alle drei Batter, die ihm gegenüber treten, per Strikeout wegschickt und zwar mit der niedrigstmöglichen Anzahl von Pitches: 9. In den meisten Jahren kommt nicht mehr als eine Handvoll solcher Innings in der MLB vor. Strasburg gelang das Kunststück gestern im vierten Inning gegen die Marlins:

Statistik der Woche 
1.142. So viele Homeruns wurden im Juni dieses Jahres geschlagen und damit so viele wie in keinem Monat der MLB-Geschichte zuvor. Wenn euch diese Meldung bekannt vorkommt, dann ist das kein Wunder: Der „alte“ Rekord ist gerade mal einen Monat her mit 1.135 im Mai. Den höchsten Beitrag dazu leistete ein Spiel zwischen den Phillies und den Diamondbacks mit insgesamt 13 Homeruns, ebenfalls Rekord. Über den gesamten Monat hinweg waren es als Spieler Manny Machado und Edwin Encarnacion (je 11) sowie als Team die Atlanta Braves (56), die die meisten Homeruns zum Rekord beisteuerten. Den New York Yankees gelang im Juni in jedem einzelnen Spiel mindestens ein Homerun. Insgesamt dauerte ihre Serie 31 Spiele lang. Sie fand am Dienstag ihr Ende, als die New York Mets beim 4:2 gegen die Yankees keinen Homerun zuließen.

Spiel der Woche
Gastauftritte in London war man bislang eher von der NFL gewohnt und wenn man sich das Resultat des ersten MLB-Spiels in Europa anschaut, sieht es ganz so aus, als hätten die Yankees und die Red Sox den Engländern ebenfalls ein Football-Spiel geboten: Mit 17:13 gewannen die Yankees, also mit etwas mehr als einem Field Goal Vorsprung. Schon im ersten Inning tauschten beide Seiten Touchdowns aus, scheiterten aber jeweils am Extrapunkt. So stand es nach dem ersten Durchgang 6:6, bevor die Yankees im dritten Inning per Safety auf 8:6 erhöhten. Ein weiterer Touchdown im vierten und ein Field Goal im fünften Inning trieben die Führung auf 17:6. Die Red Sox legten zwar noch einen Touchdown und den Extrapunkt (seltsamerweise vor dem Touchdown) nach, aber die Aufholjagd kam zu spät. Gunslinger Aroldis Chapman kniete das neunte Inning souverän ab.

Mein Einschalttipp
Mein persönlicher Favorit unter den Veranstaltungen der All-Star-Woche ist weder das All-Star-Game noch das Homerun-Derby – obwohl ich mir Letzteres allein schon wegen der Teilnahme von Pete Alonso anschauen werde. Ich möchte an dieser Stelle empfehlen, sich das All-Star-Futures-Game anzuschauen. Leider geht dieses immer ein bisschen unter, weil es nicht in der spielfreien Zeit stattfindet, sondern schon am Sonntag parallel zum letzten regulären Spieltag vor dem All-Star-Break. In dem Spiel treffen zwei Auswahlmannschaften der vielversprechendsten Talente aufeinander. Unterteilt werden die Mannschaften dieses Jahr erstmals nicht nach US- und internationalen Spielern, sondern nach American League und National League. Im Gegensatz zum „großen“ All-Star-Game sieht man in dieser Partie – wenn man kein großer Beobachter der Minor Leagues ist – viele Spieler zum ersten Mal, die es mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten ein, zwei Jahren in die MLB schaffen werden. Für sie ist dieses Spiel nicht ein routiniertes PR-Event, sondern die Chance, erstmals vor einer größeren TV-Audienz mit Leistung auf sich aufmerksam zu machen. Das Spiel wird Sonntagnacht ab 1 Uhr live auf mlb.com gestreamt. Dabei sind zum Beispiel vier der fünf Top-Prospects der Liga laut MLB Pipeline: Shortstop Wander Franco (Rays), LHP MacKenzie Gore (Padres), Outfielder Jo Adell (Angels) und Outfielder Luis Robert (White Sox). Die vollständigen Roster findet ihr hier.

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Juli 19th, 2018 by Silversurger

Das Tauziehen ist beendet: Die Zukunft von Baltimores Star-Infielder Manny Machado beherrschte in den letzten Tagen geradezu penetrant die Berichterstattung um die MLB, selbst die All-Star-Events wurden davon ein Stück weit zur Seite gedrängt. Unter anderem die Yankees, die Brewers und die Phillies sollen sich sehr um einen Deal bemüht haben, aber nun ist die Sache endlich entschieden und Machado wird für den Rest der Saison die Los Angeles Dodgers verstärken. Im Gegenzug wechselt ein Paket von fünf Prospects, darunter Outfielder Yusniel Diaz, zu den Orioles.

Ebenfalls beendet ist die Zeit von Mike Matheny als Manager der St. Louis Cardinals. Matheny war sechseinhalb Jahre für den Klub tätig. In den ersten vier Jahren unter seiner Verantwortung erreichten die Cardinals jedes Mal die Playoffs. 2016 und 2017 verpassten sie diese, und nachdem es auch in diesem Jahr zur Saisonmitte nicht allzu vielversprechend aussieht, entschied man sich, den Wechsel einzuleiten. Der bisherige Bench-Coach Mike Shildt übernimmt vorerst als Interims-Manager und hat die Chance, sich als dauerhafte Besetzung zu empfehlen.

Da wegen des All-Star-Breaks seit letzter Woche nur wenige MLB-Spiele stattgefunden haben, verzichte ich dieses Mal auf die Einzelbetrachtung der Divisionen und lege den Fokus des Grand Slams auf die drei Hauptevents der All-Star-Woche – ergänzt um einen egoistischen Einschalttipp.

MLB Futures Game 
Den Auftakt der All-Star-Woche bildete wie üblich das Futures Game. Dieses Stelldichein der vielversprechendsten Talente erfährt leider nicht die Beachtung, die es verdient. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es immer schon am Sonntag gleichzeitig mit der letzten Runde der MLB-Spiele vor dem Break stattfindet. Traditionell treten die US-amerikanischen Talente gegen die aus dem Rest der Welt an. Dieses Mal gewannen die USA 10:6, wobei das meiste Aufsehen einem Spieler des Welt-Teams zukam: Yusniel Diaz gelang es als zweiter Spieler in der Geschichte des Futures Games, in der Partie zwei Homeruns zu erzielen. Dieser Auftritt kann durchaus direkten Einfluss darauf gehabt haben, dass Diaz drei Tage später zum Kernstück des Machado-Trades wurde. Auf der anderen Seite machte der erst 18-jährige Pitcher Hunter Greene auf sich aufmerksam. Der letztjährige #2-Draftpick der Cincinnati Reds warf 27 Pitches, darunter 19 Fastballs, von denen jeder Geschwindigkeiten zwischen 100,0 und 103,1 Meilen pro Stunde erreichte. Einen davon, 102,3 mph schnell, ließ er allerdings von Luis Alexander Basabe (White Sox) über den Zaun schlagen.

Homerun-Derby
221 Homeruns wurden im diesjährigen Homerun-Derby geschlagen, mehr als je zuvor. Die meisten (55) gingen auf das Konto von Kyle Schwarber (Chicago Cubs). 21 Bälle über den Zaun gelangen Schwarber allein im Halbfinale gegen Rhys Hoskins (Philadelphia Phillies). Gewonnen hat das Derby letzten Endes aber nicht Schwarber, sondern Bryce Harper (Washington Nationals). In seinem Heimstadion behielt Harper im Finale dank eines atemberaubenden Comebacks in der letzten Minute seiner Zeit mit 19:18 die Oberhand. Ob dabei alles mit rechten Dingen zuging, ist zumindest umstritten. Denn einige der Pitches, die Harpers Papa ihm zuwarf, kamen zu früh, noch bevor der vorherige Ball gelandet war. Das entspricht nicht den Regeln, aber den Titel wird man Harper nicht aberkennen. Denn zum einen versäumten die Offiziellen, in der Situation direkt einzugreifen und zum anderen dürfte der erzielte Vorteil minimal sein, zumal Harper am Ende noch 22 Sekunden übrig hatte.

All-Star-Game
Zum sechsten Mal hintereinander hat die American League das All-Star-Game gewonnen. Das hört sich nach dauerhafter Dominanz an, doch ganz so klar ist die Sache nicht. Langfristig gesehen hat die AL erst seit dem diesjährigen Spiel genau einen Sieg Vorsprung mit 44:43 gewonnenen All-Star-Games. Und es hätte am Dienstag ohne Weiteres auch andersherum ausgehen können, denn das Spiel war durchweg knapp und wurde erst im zehnten Inning entschieden. Die Zuschauer erlebten mehr oder weniger ein zweites Homerun-Derby, denn fast alle der 8:6 Zähler fielen durch lange Bälle. Zehnmal ging der Ball über den Zaun, ein neuer All-Star-Game-Rekord. Die Entscheidung im Extra-Inning brachten Back-to-back-Homeruns der Astros-Teamkollegen Alex Bregman und George Springer.

Mein Einschalttipp
Mein USA-Urlaub neigt sich dem Ende zu, doch am Samstag steht noch der hoffentlich krönende Abschluss mit dem Derby der New York Yankees gegen meine Mets an. Das Schöne als Fan eines solchen Teams ist, dass man in das Spiel ohne jede Erwartungshaltung gehen kann. Wenn man überrascht wird, dann ausschließlich positiv, denn schlimmer als vor zwei Wochen beim 0:9 gegen die Rays kann es kaum werden. Das einzige, was meine Freude auf das Spiel trüben könnte, wäre ein Rainout, weswegen ich ständig den Wetterbericht beobachte. Momentan steht die Vorhersage bei 50% Regenwahrscheinlichkeit, also bitte Daumen drücken. Aller Voraussicht nach wird Yoenis Cespedes nach seiner Verletzung zumindest als DH zur Verfügung stehen und auch das Pitching-Matchup klingt vernünftig: Zwar werden deGrom und Severino nach ihren All-Star-Einsätzen wohl einen Tag länger geschont werden, aber Steven Matz (3.38 ERA, 4.81 FIP) und Sonny Gray (5.46 ERA, 4.34 FIP) waren nach ein paar holprigen Starts zuletzt gut drauf und dürften für ein interessantes Spiel sorgen. Matz schätze ich dabei etwas stärker ein, dafür haben die Yankees die deutlich bessere Offense am Start. Wenn ihr reinschauen wollt, schaltet ab 19:05 mitteleuropäischer Zeit auf mlb.tv oder DAZN ein. Ich sitze übrigens auf Höhe des vorderen linken Außenfelds – der Typ mit der Metskappe. 😉

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Juli 13th, 2017 by Silversurger

Das All-Star-Spiel ist abgehakt, die American League hat 2:1 gewonnen. Das interessiert zwar kaum jemanden außer Robinson Cano, der dank seines spielentscheidenden Homeruns zum MVP gewählt wurde und eine schicke neue Corvette mit nach Hause nehmen durfte. Aber immerhin wissen wir jetzt, dass Bryce Harper ein Unterhemd trägt und dass Fox-Reporter – einschließlich MLB-Legende Alex Rodriguez – sich nicht zu blöd sind, solche und andere weltbewegende Fragen per Interview auf dem Feld, teilweise sogar während des Spiels zu klären. Nun ja. Immerhin hat das Spiel eine verblüffende Statistik hervorgebracht, auf die ich weiter unten kurz eingehe.

Mitten im All-Star-Break sehe ich nicht viel Sinn darin, die gegenüber letztem Donnerstag kaum veränderten Tabellenstände herunterzubeten. Deswegen gehe ich für den heutigen Grand Slam mal weg von der Betrachtung nach Divisionen und schaue verstärkt aufs große Ganze, auf die Chancenverteilung in den Playoff-Rennen der beiden Ligen. Ich stütze mich dabei auf die Playoff-Odds von Fangraphs. Grob erklärt steht dahinter, dass der Ausgang jedes einzelnen verbleibenden Spiels der MLB-Saison mit einer Wahrscheinlichkeit versehen wird. Diese Wahrscheinlichkeit orientiert sich daran, über welche Spieler die jeweiligen Teams verfügen und welche Einsatzzeiten und zählbaren Leistungen für diese Spieler prognostiziert werden. Anhand der Wahrscheinlichkeiten für die einzelnen Spielausgänge wird im nächsten Schritt der Rest der Saison einschließlich Playoffs simuliert und zwar 10.000-mal. Aus den 10.000 simulierten Saisonausgängen werden schlussendlich die Chancen der einzelnen Teams auf den Divisionssieg, einen Wild-Card-Platz usw. bis hin zum Erreichen und Gewinn der World Series abgeleitet. Wenn also Team X in den 10.000 Simulationen 5.000-mal in die Playoffs kommt und davon 300-mal World-Series-Sieger wird, dann hat es eine Playoff-Chance von 50% und eine World-Series-Chance von 3%.

National League
Bekanntlich kommen aus jeder Liga fünf Teams in die Playoffs: die drei Divisionssieger sowie die zwei besten Nicht-Divisionssieger, welche das Wild-Card-Spiel unter sich austragen. In der National League ist in dieser Hinsicht bereits sehr Vieles so gut wie entschieden. Die Los Angeles Dodgers (61-29) und die Washington Nationals (52-36) sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch – die Prognose von Fangraphs sieht die Playoff-Chancen dieser beiden bei 100,0% bzw. 98,7%. Mit 87,2% ebenfalls so gut wie sicher sind die Arizona Diamondbacks (53-36) in den Playoffs, wenngleich aller Voraussicht nach „nur“ über die Wild Card.

Drei von fünf Plätzen sind damit mehr oder weniger vergeben und auch für den vierten und fünften Playoff-Teilnehmer der NL gibt die Saison-Hochrechnung bereits klare Favoriten aus: die Colorado Rockies (52-39) sind mit 61,3% Wahrscheinlichkeit auf Kurs zur zweiten Wild Card, während die Chicago Cubs (43-45) von dem Modell sogar zu 64,1% in den Playoffs gesehen werden. Letzteres ist das meiner Ansicht nach einzige überraschende Ergebnis der Prognose, denn schließlich stehen die Cubs bei einer negativen Bilanz und belegen zurzeit keinen Playoff-Platz. Ihre Teilnahmewahrscheinlichkeit setzt sich zusammen aus einer Chance von 10,1% auf eine Wild Card und 54,0% auf den Gruppensieg. Dazu müssen sie erstmal vorbei an den Milwaukee Brewers (50-41), die von Fangraphs trotz derzeit fünfeinhalb Spielen Vorsprung nur zu 19,2% als Divisionssieger und zu 29,3% als Playoffteam gesehen werden. Zudem müssen die Cubs die derzeit punktgleichen St. Louis Cardinals (43-45) auf Distanz halten, die mit 21,8% Wahrscheinlichkeit an der Spitze der Division und mit 32,5% in den Playoffs gesehen werden.

Die Musik der zweiten Saisonhälfte spielt in der National League somit klar in der Central-Division, in der sich die Cubs, die Brewers und die Cardinals um (wahrscheinlich) einen einzigen Platz in den Playoffs balgen. Für die acht hier nicht genannten Teams – immerhin mehr als die Hälfte der National League – scheint der Playoff-Zug bereits abgefahren, sie liegen alle bei einer Teilnahmewahrscheinlichkeit von deutlich unter 10%.

American League
In der American League können sich, wenn wir die Grenze auch hier bei 10% ziehen, deutlich mehr Teams noch Hoffnungen auf einen der begehrten fünf Playoff-Plätze machen. Wirklich umstritten sind dabei allerdings nur die beiden Wild Cards, denn auf die Divisionssiege sieht Fangraphs bereits sehr deutliche Favoriten: natürlich die Houston Astros (60-29) mit glatten 100%, aber auch die Cleveland Indians (47-40) mit 94,3% Wahrscheinlichkeit auf die Division und 97,7% auf die Playoffs insgesamt sowie die Boston Red Sox (50-39). Der Gruppensieg der Red Sox gilt zwar „nur“ zu 76,7% als sicher, aber zusammen mit ihren Wild-Card-Chancen landen sie bei komfortablen 93,8%.

Hinter diesen Dreien beginnt das große Hauen und Stechen, vor allem in der AL East: Dort dürfen sich vier von fünf Teams Chancen über 20% ausrechnen – neben den Red Sox sind das die New York Yankees (54-41) mit 54,2%, die Tampa Bay Rays (47-43) mit 32,4% und sogar noch die derzeit letztplatzierten Toronto Blue Jays (41-47) mit 21,0%. In den beiden anderen Divisionen sind es vor allem die Kansas City Royals (44-43) und die Texas Rangers (43-45), denen das Prognosemodell zu 23,5% bzw. 23,1% berechtigte Hoffnungen auf die Playoffs macht. Die Minnesota Twins (45-43) und die Los Angeles Angels (45-47) stehen zwar in der aktuellen Tabelle jeweils vor diesen beiden, doch ähnlich wie in der NL den Brewers traut Fangraphs der überraschend guten Saison dieser Teams nicht über den Weg und sieht ihre Playoff-Teilnahmen nur zu 12,7% bzw. 14,9% als wahrscheinlich an.

Die Seattle Mariners (43-47) schaffen mit einer 10,8-prozentigen Chance auf eine Wild Card gerade noch den Sprung über die Grenze und komplettieren somit ein Feld von immerhin elf Teams, die sich – wenn man etwas auf die Prognosen gibt – noch im Playoff-Rennen betrachten dürfen. Lediglich die Tigers, die Orioles, die White Sox und die Athletics sind quasi draußen.

Szene der Woche
Meine Szene der Woche ist ein Homerun von Aaron Judge. Das ist ja eigentlich nichts Besonderes für den großen Jungen, der dieses Jahr die MLB mit 30 Stück anführt und am Dienstag das Home Run Derby mit sage und schreibe 47 Homeruns für sich entschied. Es wären wohl sogar noch ein paar mehr geworden, wäre er nicht in jeder der drei Runden als Zweiter am Schlag gewesen, sodass jedes Mal abgebrochen wurde, sobald er die Marke seines Gegners übertroffen hatte. Einer der vielen langen Bälle war dann aber doch etwas ganz Besonderes, denn mit einer Weite von 513 Yards (469 Meter) war es der längste Homerun seit Einführung der Statcast-Messungen vor zwei Jahren, sowohl in Spielen als auch im Home Run Derby.

Statistik der Woche 
43-43. Das ist die Bilanz der bisherigen All-Star-Spiele zwischen der National League und der American League. Und es wird noch besser: Nach Runs steht es in diesen Spielen 361:361. Schöner kann man die langfristige Ausgeglichenheit der beiden Ligen nicht zum Ausdruck bringen.

Spiel der Woche
Nein, das All-Star-Spiel wird bei mir nicht zum Spiel der Woche. Aber ein anderes Freundschaftsspiel in der All-Star-Woche schaue ich mir immer wieder gerne an: das Futures Game. Das Ergebnis ist natürlich genauso unwichtig wie das des All-Star-Spiels, aber wenn man nicht gerade intensiv die Minor Leagues verfolgt (wer hat schon so viel Zeit?), dann ist es eine schöne Gelegenheit, die MLB-Stars von morgen mal in Aktion zu sehen. Dieses Jahr gewann das aus US-Amerikanern bestehende Roster mit 7:6 gegen das Rest-der-Welt-Roster, wobei um ein Haar eine frühe 7:0-Führung verspielt wurde. Zum MVP des Spiels wurde mit Brent Honeywell aus dem Farmsystem der Tampa Bay Rays erstmals ein Pitcher gewählt. Honeywell startete für die USA mit zwei Shutout-Innings. Auch sonst waren es dieses Mal vor allem die Pitcher, die für Aufsehen sorgten: Michael Kopech (White Sox) und Thyago Vieira (Mariners) demonstrierten atemberaubende 101-mph-Pitches, mit denen sie voll im aktuellen Trend zu immer stärkerer Dominanz des immer schnelleren Fastballs liegen.

Spiel der kommenden Woche
Mit Vollgas in die zweite Saisonhälfte: Gleich viermal an drei Tagen – einmal am Freitag, einmal am Samstag und zweimal am Sonntag – steigt am Wochenende der größter Klassiker im Baseball. Die Red Sox empfangen die Yankees und vor allem für die New Yorker wird diese Serie zeigen, wohin sie in den kommenden Wochen ihren Blick zu richten haben: nach oben auf das Duell mit Boston um den Divisionstitel oder nach unten auf die Tampa Bay Rays und andere Konkurrenten um die Wild-Card-Plätze. Die Wahl des konkreten Einschalttipps fällt mir etwas schwer, weil die Yankees noch nicht bekannt gegeben haben, mit welcher Rotation sie aus der Pause zu kommen gedenken. Aber für die Red Sox tritt am Samstag um 22:05 Uhr mitteleuropäischer Zeit Chris Sale an, was für sich allein schon Attraktion genug ist. Mit 12.55 Strikeouts pro 9 Innings und einem FIP von 2.09 führt Sale zurzeit souverän die Liga an, seine 178 Strikeouts vor dem All-Star-Break sind sogar die meisten seit 2002. Wer Sale dieses Jahr noch nicht hat pitchen sehen, sollte das dringend nachholen.

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Juli 11th, 2016 by Silversurger

Wir befinden uns offiziell im All-Star-Break, der Halbzeitpause der MLB-Saison. Für die meisten Spieler sind die vier Tage von heute bis Donnerstag die längste Auszeit während der kräftezehrenden 162-Spiele-Saison und allein dafür ist die Pause schon sinnvoll. Ein paar wenige Spieler müssen – oder dürfen – auch in diesen Tagen auf dem Platz stehen, weil sie sich die Teilnahme am All-Star-Game (morgen Nacht, 2 Uhr MEZ) und/oder am Home-Run-Derby (heute Nacht, 2 Uhr MEZ) in San Diego verdient haben. Über Sinn und Unsinn der beiden Veranstaltungen lässt sich freilich streiten.

Für manche ist das All-Star-Game, das Kräftemessen der Topspieler der National League mit jenen der American League, ein Höhepunkt der Saison, weil an diesem Tag so viele Stars gemeinsam auf dem Feld stehen wie an keinem anderen. Für andere ist es ein völlig bedeutungsloses Spiel, weil es erstens keinen zählbaren sportlichen Wert hat und weil zweitens davon auszugehen ist, dass die Spieler selbst die Partie nicht allzu ernst nehmen – schließlich will niemand riskieren, sich eine Verletzung zuzuziehen. Ich finde, das Beste am All-Star-Game ist, dass die Auswahl den besten Spielern der ersten Saisonhälfte eine verdiente Anerkennung zollt. Der Verlauf und das Ergebnis des Spiels selbst interessieren mich jedoch aus den genannten Gründen so gut wie gar nicht, obwohl der Ausgang des Spiels sogar eine kleine Auswirkung auf das „echte“ MLB-Leben hat: Die siegreiche Liga gewinnt für ihren späteren World-Series-Teilnehmer, dass dieser in der Serie das erste Heimrecht hat und auch das im entscheidenden siebten Spiel, falls ein solches nötig wird. Aber die World Series ist noch so weit weg und ich weiß ja noch gar nicht, zu welchem der beiden Teams ich dann halten werde…

Interessant, aber nicht unumstritten ist der Auswahlprozess, nach dem Stück für Stück die jeweils 34 Mann großen Kader für das All-Star-Game zusammengesetzt werden: Die Starter unter den Positionsspielern werden von den Fans per Internet gewählt; die Spieler, Coaches und Manager wählen die Pitcher sowie einen Ersatzspieler für jede Position; die beiden Team-Manager füllen ihre Kader auf jeweils 33 Spieler auf, wobei jedes Team der MLB mindestens einen Platz erhält; um die Spannung möglichst lange aufrecht zu halten, wird der letzte Platz jedes Teams in einer weiteren Internetabstimmung vergeben. Die beiden Hauptkritikpunkte an dem Modus sind, dass Teams mit einer großen Fanbasis einen nicht leistungsabhängigen Vorteil bei den Internetwahlen haben und dass die Fans nicht bei der Auswahl der Pitcher mitreden dürfen. Die Manager der beiden Roster stehen schon lange vorher fest, denn es sind die beiden, die ihre Teams in die letzte World Series geführt haben, in diesem Jahr also Terry Collins (New York Mets) und Ned Yost (Kansas City Royals). Diese beiden entscheiden auch über eventuelle Nachrücker, wenn einige der gewählten Spieler nicht am All-Star-Game teilnehmen können oder wollen. Hier gibt es die kompletten Roster dieses Jahres als Übersicht.

Von sportlich noch zweifelhafterem Wert ist das Home-Run-Derby am Abend vor dem All-Star-Game. Wie der Name schon sagt, geht es darum, wer die meisten Homeruns schlägt. Dabei sind acht von der Liga ausgesuchte Spieler, die gemäß ihrer in dieser Saison geschlagenen Homeruns von eins bis acht sortiert werden und überkreuz (also Nr. 1 gegen Nr. 8, Nr. 2 gegen Nr. 7 etc) gegeneinander antreten. Weiter kommt derjenige, der innerhalb von vier Minuten die meisten Homeruns schlägt; wer zwei Homeruns mit jeweils mindestens 440 Yards schafft, erhält zudem 30 Bonussekunden. Das Ganze wiederholt sich in einer Halbfinalrunde und im Finale, dann steht der Gewinner fest. Die interessanteste Geschichte rund um das Home-Run-Derby dieses Jahr hat leider schon vor knapp zwei Wochen ihr Ende gefunden: Giants-Pitcher Madison Bumgarner wird nicht am Home Run Derby teilnehmen.

Mein persönlicher Favorit unter den Veranstaltungen in dieser Woche ist das All-Star-Futures-Game, das leider meistens etwas untergeht. Das dürfte in erster Linie daran liegen, dass es nicht in der spielfreien Zeit stattfindet, sondern parallel zum letzten regulären Spieltag vor dem All-Star-Break. In dem Spiel treffen zwei Auswahlmannschaften der vielversprechendsten Talente (mindestens ein, höchstens zwei Teilnehmer je MLB-Team) aufeinander, unterteilt nach US- und internationalen Spielern. Im Gegensatz zum „großen“ All-Star-Game sieht man in dieser Partie – wenn man kein großer Beobachter der Minor Leagues ist – viele Spieler zum ersten Mal, die es mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten ein, zwei Jahren in die MLB schaffen werden und die dieses Spiel nicht als routiniertes PR-Event absolvieren sondern als ihre Chance, vor einer größeren TV-Audienz mit Leistung auf sich aufmerksam zu machen. Dieses Jahr nutzten vor allem die internationalen Spieler diese Gelegenheit beim 11:3 über das US-Team. Das gilt besonders für Infielder Yoan Moncada (Red Sox), der sein Team mit einem Monster-Homerun in Führung brachte und zum MVP gewählt wurde.

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