September 26th, 2018 by Silversurger

Passend zum „National Comic Book Day“, der gestern in den USA begangen wurde, möchte ich heute mal einen Comic vorstellen. Es geht natürlich um Baseball, genauer gesagt um die Geschichte dieses wunderbaren Sports.

Autor Alex Irivine sowie die Illustratoren Tomm Coker und C. P. Smith stellen mit „The Comic Book Story of Baseball“ unter Beweis, dass geschichtliche Abhandlungen nicht langweilig und trocken sein müssen. In schönstem Marvel-Stil berichten sie von der Entstehung und Entwicklung des organisierten Baseballspiels, von besonderen Leistungen und Ereignissen, von Mythen und Legenden, beginnend mit der angeblichen Erfindung des Baseballs durch Abner Doubleday 1839 bis hin zur Überwindung des Fluchs der Ziege durch die Chicago Cubs im Jahr 2016.

Der Aufbau des Buches ist größtenteils chronologisch, wobei immer wieder in Form kleiner Exkurse Schlaglichter auf herausragende Personen, Regeln, Spiele oder sonstige Ereignisse gerichtet werden. Ganz wie man es von einem Comic erwartet, sind die englischen Texte kurz und in aller Regel auch für Nicht-Muttersprachler gut zugänglich und verständlich. Irvine findet zudem das richtige Maß an Humor, um sein Thema amüsant rüber zu bringen, ohne ins Alberne abzudriften.

Sofern man an diesem schönen Buch etwas kritisieren will, dann am ehesten die fehlende Tiefe. Wenn man die lange und ereignisreiche Geschichte des Baseballs auf 176 Comic-Seiten komprimiert, ergibt sich zwangsläufig, dass vieles nur oberflächlich gestreift wird, sich die eine oder andere Ungenauigkeit einschleicht und die Themen schneller wechseln als man es sich gewünscht hätte. Ich habe das allerdings nicht als sonderlich störend empfunden, sondern eher als Anregung aufgenommen, mich mit dem einen oder anderen Thema näher zu beschäftigen. Oft habe ich das Lesen unterbrochen und auf Wikipedia oder anderswo Zusatzinformationen gesucht, um bestimmte Geschichten besser zu verstehen. Erfreulicherweise gibt der Autor auf seinem Blog auch selbst hilfreiche Hinweise, wo man sich weiter einlesen kann.

Was die Genre-Schublade angeht, so kann man vermutlich unterschiedlicher Meinung sein, ob es sich um einen Comic im engeren Sinne handelt oder eher um illustrierte Prosa. Um darüber zu urteilen, bin ich nicht tief genug in der Materie und es ist mir im Prinzip auch egal. In jedem Fall ist es eine sehr gelungene Form, Sportgeschichte zu vermitteln, und ich empfehle das Buch vorbehaltlos weiter.

„The Comic Book Story of Baseball“ ist im Mai dieses Jahres bei Penguin Random House erschienen. Es ist als englischsprachiges Paperback über die großen Online-Buchhändler erhältlich. Als Import unterliegt es nicht der Buchpreisbindung, sodass ein Preisvergleich sich lohnt – aktuell bekommt man es für knapp 20 Euro. Es gibt auch eine E-Book-Fassung, die aus offensichtlichen Gründen nur dann interessant sein dürfte, wenn man über einen E-Book-Reader mit guter Farbdarstellung verfügt.

 

 

Transparenz-Hinweis: Das vorgestellte Buch habe ich selbst erworben und ich erhalte für die Rezension keinerlei Vergünstigungen, Provisionen oder Ähnliches.

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Februar 10th, 2017 by Silversurger

Beim Stöbern in der Auslage eines großen Online-Buchhändlers stieß ich kürzlich auf das Buch „Baseball: Kulturgeschichte eines amerikanischen Sports“ von Claus Melchior. Ein deutschsprachiges Buch über Baseball, das sich nicht als reine Einführungsliteratur versteht sondern schon im Titel eine kulturgeschichtliche Aufarbeitung dieser wunderbaren Sportart verspricht? Das klang fast zu gut, um wahr zu sein. Doch es ist gut und es ist wahr, davon konnte ich mich inzwischen überzeugen. Aber der Reihe nach:

Melchior steigt natürlich mit ein paar Seiten Erklärung ein, worum es beim Baseball überhaupt geht. Diese Einleitung darf von Lesern, die den Sport schon eine Weile kennen und verfolgen, getrost übersprungen werden, während sie für echte Einsteiger zu verdichtet sein dürfte, um wirklich durchzublicken. Aber sie ist vom Niveau her genau richtig für all jene, die schon eine grobe Idee vom Spiel haben und ihr Wissen etwas vertiefen oder auffrischen möchten. Insofern erfüllt dieses Kapitel wohl seinen Zweck.

Der Hauptteil des Buches besteht in einer chronologischen Schilderung der Geschichte des Baseballs von seinen Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Melchior arbeitet dabei gekonnt die Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung des Sports und jenen der amerikanischen Gesellschaft heraus. Dankenswerterweise beschränkt er sich dabei nicht auf die MLB und deren Vorläufer, sondern berücksichtigt beispielsweise auch den afroamerikanischen Baseball während der Rassentrennung und die Versuche der Etablierung von Frauen-Profiligen. Nur sehr selten – und wenn dann vornehmlich bei der Behandlung der jüngeren Geschichte – verliert der Autor sich kurzzeitig im Kleinklein der Aneinanderreihung von Playoffteilnehmern und Spielergebnissen; ansonsten ist sein Stil sehr lebendig und kurzweilig.

Nach jedem Kapitel folgt ein als Extra-Inning bezeichneter Exkurs, der quer zum sonst chronologischen Aufbau einzelne Aspekte behandelt wie zum Beispiel Baseballstatistiken oder den Einfluss des Baseballs auf Sprache, Literatur, Film und Musik. Darüber hinaus ist jedes Kapitel durchsetzt mit je eine bis drei Seiten ausfüllenden Porträts von Spielern, Stadien und Institutionen wie der Hall of Fame. Auch diese sind allesamt sehr lesenswert, wenngleich mich die Platzierung mitten in den Kapiteln nicht überzeugt, weil sie den Lesefluss hemmt. Ich lese ein Buch gern von vorne nach hinten durch, was durch die eingestreuten Porträts nicht ohne Weiteres möglich ist.

Am Ende gibt es noch ein Kapitel über Baseball international und in Deutschland, das auf mich leider ein bisschen wirkt wie das Anhängsel, das es ist. Anders formuliert: Mein Eindruck ist, dass die Entscheidung darüber, dieses Thema mitzubehandeln oder nicht, mit einem letztlich halbherzigen Kompromiss beantwortet wurde.

Die wenigen Schwachstellen des Buches habe ich beim Namen genannt, aber hoffentlich ist dabei deutlich geworden, dass das Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Alles in allem ist Melchior das seltene Kunststück gelungen, ein hoch informatives Sachbuch zu einem für deutsche Verhältnisse exotischen Thema zu verfassen, das beim Lesen so fesselnd ist wie ein guter Roman. Toll, dass es so ein Buch über Baseball gibt und das nicht etwa als Übersetzung sondern als Original in deutscher Sprache. Fazit: klare Kaufempfehlung!

„Baseball: Kulturgeschichte eines amerikanischen Sports“ ist 2014 als 256 Seiten starkes Taschenbuch im Verlag Die Werkstatt erschienen und für 14,90 Euro beim Buchhändler eures Vertrauens erhältlich.

Transparenz-Hinweis: Das vorgestellte Buch wurde mir auf meine Anfrage hin als kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. Diese freundliche Geste hat keine Auswirkung auf meine Beurteilung des Produkts – ihr lest wie gewohnt meine ehrliche und ungeschminkte Meinung.

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Januar 7th, 2017 by Silversurger

Heute beschäftige ich mich mit der Evolution der Regeln unseres schönen Sports. Roman hatte im Offseason-Wunschkonzert gefragt, ob im Laufe der Zeit generell mal Änderungen im Gespräch waren und ob speziell die Abstände zwischen den Bases sowie zwischen Mound und Homeplate irgendwann geändert wurden. Kurz gesagt: Änderungen gab es schon oft und wird es auch immer wieder geben. Wirklich massive Eingriffe, die den Charakter des Spiels verändert haben, waren in den ersten Jahrzehnten der Entwicklung des Baseballsports (d. h. vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) relativ häufig, sind aber seit Beginn der „modernen Ära“ an einer Hand abzuzählen.

Historische Entwicklung der Regeln
Das erste bekannte Regelwerk für Baseball stammt aus dem Jahr 1845. Die sogenannten Knickerbocker Rules unterschieden sich noch recht stark von dem Spiel, das wir heute kennen. Zum Beispiel dauerte ein Spiel damals noch nicht neun Innings sondern so lange, bis eines der Teams 21 Runs erzielt hatte (und das andere Team genauso oft am Schlag gewesen war wie das führende). Der Standort des Pitchers war nicht genau geregelt, eindeutig war aber die Vorschrift, dass ein Pitch „underhand“ zu werfen war, also von unten und mit steifem Handgelenk und Ellenbogen. Homeruns gab es damals nicht: Es wurde in der Regel auf sehr großen Feldern gespielt und falls der Ball tatsächlich über selbiges hinwegsegelte, galt er als Foulball.

Es dauerte rund 50 Jahre, bis sich durch Versuch und Irrtum die Regeln herauskristallisiert hatten, die weitgehend dem heute üblichen Spiel entsprechen. Als Meilensteine können die 1884 erteilte Erlaubnis von Überhandpitches sowie die 1893 erfolgte Festlegung des Abstands zwischen dem Pitcher und der Homeplate auf 60 Fuß und 6 Zoll (18,44 Meter) gelten. Zwischenzeitlich hatte man sich auch auf neun Innings (1856), auf neun Spieler pro Team (1856), auf die Einführung von called Strikes (1858), auf den Walk nach vier Balls (1889) und leider auch auf den rassistischen Ausschluss dunkelhäutiger Spieler aus den Major Leagues (1889) geeinigt. Das Recht des Batters, einen hohen oder niedrigen Pitch zu verlangen, wurde 1867 eingeführt und 1887 wieder abgeschafft. Eine der allerersten Regeln ist bis heute unverändert geblieben: Der Abstand zwischen den Bases betrug schon in den Knickerbocker Rules von 1845 (ungefähr) 90 Fuß (27,423 Meter).

Seit ca. 1900 spricht man von der modernen Ära des Baseballs und meint damit, dass die Grundregeln sich in dieser Zeit kaum noch geändert haben. Dennoch gab es natürlich immer wieder kleinere und größere Eingriffe in das Regelwerk, weswegen man auch sehr vorsichtig dabei sein sollte, Statistiken aus verschiedenen Jahren miteinander zu vergleichen, ohne Anpassungsfaktoren für das jeweilige „Run Environment“ zu berücksichtigen. Letzteres bedeutet, dass es in der Geschichte des Baseballs unterschiedliche Phasen gibt, zwischen denen sich die übliche Anzahl von Runs und anderen zählbaren Elementen stark voneinander unterscheidet – abhängig von sich verändernden Taktiken, Ballparks und Materialien und eben von den jeweils gültigen Regeln. So gibt es zum Beispiel die Dead Ball Era von 1900 bis 1919, in der generell sehr wenige Runs erzielt wurden, oder die Steroid Era von Ende der 80er-Jahre bis in die frühen 2000er, in der sehr viel mehr Homeruns üblich waren als früher, wobei Doping wohl eine starke Rolle spielte. Statistiken wie den ERA eines Pitchers oder den Average eines Batters aus dem Jahr 1909 dem eines Spielers aus dem Jahr 1999 gegenüber zu stellen, würde angesichts der unterschiedlichen Run Environments zu völligen Fehlurteilen über die Qualität der jeweiligen Spieler führen.

Hier die wichtigsten Regeländerungen während der modernen Ära des Baseballs:

  • 1904: Die Höhe des Mounds wird auf 15 Zoll (38,1 cm) festgelegt.
  • 1907: Die Höhe der Strikezone reicht von der Schulter bis zum Knie des Batters.
  • 1920: Es wird nicht mehr für das ganze Spiel der gleiche Ball verwendet und der Pitcher darf den Ball nicht mehr mit Spucke, Schmirgelpapier oder sonstigen Materialien bearbeiten (der mutmaßliche Hauptgrund für das Ende der Dead Ball Era).
  • 1947: Die Rassentrennung in der MLB wird aufgehoben.
  • 1950: Die Höhe der Strikezone reicht von der Achselhöhle bis zum oberen Ende des Knies des Batters.
  • 1959: Neue Ballparks müssen Mindestmaße von 325 Fuß (99 Meter) in den Ecken und 400 Fuß (122 Meter) im Zentrum des Outfields aufweisen.
  • 1963: Die Höhe der Strikezone reicht vom oberen Ende der Schulter bis zum Knies des Batters.
  • 1969: Die Höhe der Strikezone reicht von der Achselhöhle bis zum oberen Ende des Knies des Batters.
  • 1969: Die Höhe des Mounds wird auf 10 Zoll (25,4 cm) reduziert.
  • 1971: Alle Batter werden verpflichtet, Helme zu tragen.
  • 1973: Farben und Größen der Fanghandschuhe werden vereinheitlicht.
  • 1973: Die American League führt den Designated Hitter (DH) ein.
  • 1975: Die Bälle werden künftig aus Rinderhaut gefertigt statt wie bisher aus Pferdehaut.
  • 1988: Die Höhe der Strikezone reicht von der Mitte zwischen dem oberen Ende der Schulter und dem oberen Ende der Uniformhose bis zum oberen Ende des Knies des Batters.
  • 1996: Die Höhe der Strikezone reicht von der Mitte zwischen dem oberen Ende der Schulter und dem oberen Ende der Uniformhose bis unterhalb der Kniescheibe des Batters.
  • 2005: Nach rund 15 Jahren, in denen Doping von der MLB zwar als illegal eingestuft, aber nicht ernsthaft verfolgt wurde, werden erstmals strikte Anti-Doping-Regeln und entsprechende Strafen eingeführt.
  • 2008: Die MLB führt den Videobeweis (instant replay) für bestimmte Situationen ein.
  • 2014: Die Anti-Doping-Regeln werden verschärft: Für den ersten Verstoß erfolgt nun eine Sperre von 80 Spielen, für den zweiten sind es 162 Spiele und für den dritten gilt die Sperre lebenslang.
  • 2014: Catcher dürfen nicht mehr die Homeplate blockieren, um einen Run zu verhindern, wenn sie nicht in Ballbesitz sind.
  • 2016: Slides von Baserunnern bei einem potenziellen Double Play sind illegal, wenn sie kein Bemühen erkennen lassen, die Base zu erreichen und darauf zu bleiben.
  • Aktuelle Regeländerungen
    Die MLB verfolgt momentan zwei Ziele: Zum einen möchte sie die Gesamtdauer der Spiele verkürzen. Zu diesem Zweck ist seit letztem Jahr die Dauer eines Besuchs auf dem Mound auf 30 Sekunden beschränkt und die Pausen zwischen Innings wurden um 20 Sekunden verkürzt auf 2 Minuten und 25 Sekunden für USA-weit übertragene und 2 Minuten und 5 Sekunden für sonstige Spiele. Eine weitere Beschleunigungsmaßnahme ist die ganz neue Regel, über die ich hier schon mal geschrieben habe: Intentional Walks werden künftig nicht mehr gepitcht sondern nur noch gegenüber dem Batter angezeigt. Das andere Ziel der MLB ist mehr Aktion, also mehr ins Spiel kommende Bälle. Dafür wird – wie schon häufig zuvor – an der Strikezone herumgedoktort: Sie verkleinert sich ab diesem Jahr um die Höhe einer Kniescheibe, indem ihr unteres Ende von unter dem Knie auf über das Knie verlegt wird. Auch dazu hatte ich im genannten Artikel schon meine Meinung geäußert.

    Ich habe mich hier auf Änderungen beschränkt, die unmittelbar das Spiel betreffen. Daneben hat sich im Laufe der Zeit eine Menge getan, was die Regeln abseits des Spielfeldes – Draft, Free Agency, Gehaltsgrenzen, Trades, internationale Verpflichtungen, Rostergrößen, Spielpläne etc. – betrifft. Das ist genug Stoff für einen eigenen Artikel, den ich bestimmt auch irgendwann mal schreiben werde. Eines muss ich noch erwähnen: MLB-Spieler dürfen sich ab diesem Jahr bei Rookie-Initiationsriten nicht mehr als Frauen verkleiden. Klingt komisch, ist aber richtig und gut so.

    Wünschenswerte Regeländerungen
    Zu guter Letzt gönne ich mir ein bisschen Träumerei mit einer kleinen Wunschliste von Regeländerungen, die mir gefallen würden:

  • Komplette Abschaffung der DH-Regel. Battende Pitcher sowie die damit verbundenen strategischen Elemente wie Pinch Hitting und Double Switches sind eine Bereicherung des Baseballsports.
  • Wenn ein Baserunner bei einem Ground Rule Double eindeutig scoren würde, dann sollte ihm der Run zugesprochen werden. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, dass ein Outfielder dafür belohnt wird, auf das Fielden des Balls zu verzichten.
  • Absichtliche Hit-by-Pitches (meist als Revanche für das Brechen „ungeschriebener Regeln“) sollten stärker sanktioniert werden, ganz besonders wenn sie auf den Kopf abzielen. Keiner braucht diese Spirale der Gewalt.
  • Und natürlich die Abschaffung der Pitcher-Wins als offizielle Statistik.
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