Juli 4th, 2019 by Silversurger

Noch vier Tage MLB-Baseball, dann haben die meisten Spieler erstmal Pause. Das All-Star-Game steht an –  das unwichtigste Spiel des Jahres, was das Ergebnis angeht, und gleichzeitig eines der wichtigsten hinsichtlich der Frage, ob man dabei ist oder nicht. Die vollständigen Kader findet ihr hier. Der heißeste Tipp für die World Series zur (etwas mehr als) Halbzeit sind in der NL eindeutig die Los Angeles Dodgers. Sie sind laut Fangraphs auf Kurs für 103 Siege in der regulären Saison und haben eine knapp 20-prozentige Chance, den Titel zu gewinnen. Noch etwas höher stuft Fangraphs die Chancen der Houston Astros ein – obwohl diese in der AL angesichts von Konkurrenten wie den Yankees und den Twins längst nicht so souverän vorne liegen wie die Dodgers in der NL.

American League
Die New York Yankees (55-29) sind das einzige Team der MLB, das jemals ein Spiel auf europäischem Boden gewonnen hat. Das können sie nun ein Jahr lang von sich behaupten, nachdem sie am letzten Wochenende die 2-Spiele-Serie gegen die Boston Red Sox (45-41) gesweept haben (siehe „Spiel der Woche“). Dass die Yankees als Spitzenreiter der American League East in den All-Star-Break gehen, steht bereits fest. Allerdings stehen vor der Pause noch vier Spiele gegen den direkten Verfolger, die Tampa Bay Rays (50-37), an. Die Rays hatten in dieser Saison bislang große Probleme mit den Yankees, sahen gegen kein Team so schlecht aus wie gegen sie. Wenn sich das ändern soll, wäre dieses Wochenende ein guter Zeitpunkt dafür.

Auch für die Minnesota Twins (54-31) steht fest, dass sie in der AL Central den All-Star-Break an der Spitze überdauern werden. Sie saßen aber in diesem Jahr durchaus schon mal fester im Sattel. Zuletzt setzte es ein paar nicht eingeplante Niederlagen – in zwei von drei Spielen gegen die Chicago White Sox (41-42) und in einem von bisher zwei Spielen gegen die Athletics –, während gleichzeitig die Cleveland Indians (47-38) ihren Aufwärtstrend der letzten Wochen fortsetzen. Vor einem Monat lagen sie noch bei einer negativen Bilanz, inzwischen stehen sie neun Siege über .500 und wenn die Saison nun vorüber wäre, hätten sie einen Wild-Card-Platz erobert. In einem solchen Lauf steckt man auch mal zwei 0:13-Niederlagen vom letzten Wochenende gegen die Orioles ungerührt weg. Die drei Spiele seitdem haben die Indians alle gewonnen, heute Abend setzen sie zum Sweep gegen die Kansas City Royals (29-58) an.

Die Houston Astros (55-32) haben ihren Durchhänger offensichtlich überwunden: Fünf Siege in Folge stehen aus den letzten Tagen zu Buche, drei gegen Seattle und zwei in Colorado. Zum Abschluss des ersten Saisonabschnitts steht nun noch eine 3-Spiele-Serie gegen die Los Angeles Angels (44-43) an. Die Angels sind zurzeit schwer einzuschätzen. Drei Niederlagen gegen die Oakland Athletics (47-40) schienen letztes Wochenende ihre Wild-Card-Hoffnungen auf ein Minimum zu reduzieren. Es folgten der tragische Tod von Tyler Skaggs und zwei Siege in den emotionalen Spielen bei den Texas Rangers (46-40). Für kein Team kommt die anstehende Pause wohl gelegener als für die Angels, die erst mal die Trauer bewältigen und sich dann darüber klar werden müssen, welche Ambitionen sie dieses Jahr noch verfolgen möchten.

National League
Die Ambitionen der Atlanta Braves (51-36) sind klar, sie wollen zum zweiten Mal in Folge die National League East gewinnen. Auf dieses Ziel können sie in den verbleibenden Spielen bis zur Pause noch ein großes Stück zugehen. Zunächst steht heute Abend das Rubber-Game der Serie gegen Verfolger Philadelphia Phillies (45-41) an. Anschließend geht es noch dreimal gegen die Miami Marlins (32-52), das mit Abstand schwächste Team der NL. Die Phillies müssen derweil bei den New York Mets (39-48) antreten. Die Mets sind so gut wie raus aus dem Rennen um die Playoff-Plätze, aber die Spiele gegen die Phillies können trotzdem entscheidend sein – entscheidend dafür, ob Manager Mickey Callaway seinen Job behält oder ob in der Pause ein Nachfolger installiert wird. Wie schnell im Baseball aus einem Totgesagten wieder ein Contender werden kann, beweisen unterdessen die Washington Nationals (44-41). 12 Siege aus den letzten 15 Spielen haben sowohl den Record als auch das Run Differential in den positiven Bereich gedreht und die Nationals auf einen Wild-Card-Platz befördert.

In der NL Central setzt sich die Entwicklung fort, die ich letzte Woche schon beschrieben hatte: Man wird den Eindruck nicht los, dass niemand diese Division gewinnen will. Momentan sind mal wieder die Milwaukee Brewers (46-41) vorn, obwohl sie in den letzten drei Wochen nur eine einzige Serie gewonnen haben. Das ist immerhin eine mehr als ihr Konkurrent, die Chicago Cubs (45-42). Die St. Louis Cardinals (42-42) konnten daraus keinen Nutzen ziehen, nach sechs Niederlagen aus den letzten acht Spielen pendeln sie träge um eine ausgeglichen Bilanz herum. Von einer solchen waren die Pittsburgh Pirates (42-43) lange weit entfernt. Aber in den letzten Wochen waren sie das erfolgreichste Team der Division und heute Abend können sie den 4-Spiele-Sweep gegen die Cubs und damit gleichzeitig die Rückkehr zum .500-Record perfekt machen. Und weil es langweilig wäre, nur das eine der beiden vermeintlichen Spitzenteams zu ärgern, spielen die Pirates am Wochenende auch eine Serie gegen die Brewers.

Apropos langweilig: Kommen wir zur NL West. Man kann es den Los Angeles Dodgers (59-29) kaum zum Vorwurf machen, dass sie um den Divisionssieg keinerlei Spannung aufkommen lassen. In den letzten zwölf Spielen sind die Dodgers ausnahmslos gegen ihre direkten Konkurrenten, die Colorado Rockies (44-42) und die Arizona Diamondbacks (43-45) angetreten. Sie haben acht davon gewonnen, was ziemlich genau der üblichen Quote der Dodgers in dieser Saison entspricht. Zum Abschluss des ersten Saisonteils müssen heute und an den kommenden drei Tagen auch die San Diego Padres (42-44) noch mal beim Überteam der NL antreten. Die Padres haben sich übrigens gerade von den San Francisco Giants (39-47) sweepen lassen und müssen angesichts der anstehenden Aufgabe fürchten, kurz vor der Pause den Anschluss im Wild-Card-Rennen zu verlieren.

Szene der Woche
Meine Szene der Woche ist das Immaculate Inning von Stephen Strasburg. „Immaculate“, also makellos, ist ein Inning dann, wenn der Pitcher alle drei Batter, die ihm gegenüber treten, per Strikeout wegschickt und zwar mit der niedrigstmöglichen Anzahl von Pitches: 9. In den meisten Jahren kommt nicht mehr als eine Handvoll solcher Innings in der MLB vor. Strasburg gelang das Kunststück gestern im vierten Inning gegen die Marlins:

Statistik der Woche 
1.142. So viele Homeruns wurden im Juni dieses Jahres geschlagen und damit so viele wie in keinem Monat der MLB-Geschichte zuvor. Wenn euch diese Meldung bekannt vorkommt, dann ist das kein Wunder: Der „alte“ Rekord ist gerade mal einen Monat her mit 1.135 im Mai. Den höchsten Beitrag dazu leistete ein Spiel zwischen den Phillies und den Diamondbacks mit insgesamt 13 Homeruns, ebenfalls Rekord. Über den gesamten Monat hinweg waren es als Spieler Manny Machado und Edwin Encarnacion (je 11) sowie als Team die Atlanta Braves (56), die die meisten Homeruns zum Rekord beisteuerten. Den New York Yankees gelang im Juni in jedem einzelnen Spiel mindestens ein Homerun. Insgesamt dauerte ihre Serie 31 Spiele lang. Sie fand am Dienstag ihr Ende, als die New York Mets beim 4:2 gegen die Yankees keinen Homerun zuließen.

Spiel der Woche
Gastauftritte in London war man bislang eher von der NFL gewohnt und wenn man sich das Resultat des ersten MLB-Spiels in Europa anschaut, sieht es ganz so aus, als hätten die Yankees und die Red Sox den Engländern ebenfalls ein Football-Spiel geboten: Mit 17:13 gewannen die Yankees, also mit etwas mehr als einem Field Goal Vorsprung. Schon im ersten Inning tauschten beide Seiten Touchdowns aus, scheiterten aber jeweils am Extrapunkt. So stand es nach dem ersten Durchgang 6:6, bevor die Yankees im dritten Inning per Safety auf 8:6 erhöhten. Ein weiterer Touchdown im vierten und ein Field Goal im fünften Inning trieben die Führung auf 17:6. Die Red Sox legten zwar noch einen Touchdown und den Extrapunkt (seltsamerweise vor dem Touchdown) nach, aber die Aufholjagd kam zu spät. Gunslinger Aroldis Chapman kniete das neunte Inning souverän ab.

Mein Einschalttipp
Mein persönlicher Favorit unter den Veranstaltungen der All-Star-Woche ist weder das All-Star-Game noch das Homerun-Derby – obwohl ich mir Letzteres allein schon wegen der Teilnahme von Pete Alonso anschauen werde. Ich möchte an dieser Stelle empfehlen, sich das All-Star-Futures-Game anzuschauen. Leider geht dieses immer ein bisschen unter, weil es nicht in der spielfreien Zeit stattfindet, sondern schon am Sonntag parallel zum letzten regulären Spieltag vor dem All-Star-Break. In dem Spiel treffen zwei Auswahlmannschaften der vielversprechendsten Talente aufeinander. Unterteilt werden die Mannschaften dieses Jahr erstmals nicht nach US- und internationalen Spielern, sondern nach American League und National League. Im Gegensatz zum „großen“ All-Star-Game sieht man in dieser Partie – wenn man kein großer Beobachter der Minor Leagues ist – viele Spieler zum ersten Mal, die es mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten ein, zwei Jahren in die MLB schaffen werden. Für sie ist dieses Spiel nicht ein routiniertes PR-Event, sondern die Chance, erstmals vor einer größeren TV-Audienz mit Leistung auf sich aufmerksam zu machen. Das Spiel wird Sonntagnacht ab 1 Uhr live auf mlb.com gestreamt. Dabei sind zum Beispiel vier der fünf Top-Prospects der Liga laut MLB Pipeline: Shortstop Wander Franco (Rays), LHP MacKenzie Gore (Padres), Outfielder Jo Adell (Angels) und Outfielder Luis Robert (White Sox). Die vollständigen Roster findet ihr hier.

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Juni 12th, 2017 by Silversurger

…und niemand schaut hin. O. K., ganz so unbeachtet ist die Draft der MLB, die heute Nacht (1 Uhr mitteleuropäischer Zeit) beginnt, dann auch wieder nicht. Aber im Vergleich mit den anderen großen US-Sportarten erfährt die Spielerauswahl der MLB recht wenig Aufmerksamkeit. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • College Baseball ist nicht so populär wie College Football oder College Basketball, daher haben die meisten Kandidaten für eine Profikarriere zum Zeitpunkt der Draft einen geringeren Bekanntheitsgrad als die Kollegen in den anderen Sportarten.
  • Der Weg von der Draft bis ins MLB-Team ist in aller Regel ein Prozess von einigen Jahren, in denen mehrere Stufen der Minor Leagues durchlaufen werden. Das ist in der NFL, der NBA und der NHL anders; dort erwartet man von den Top-Draftpicks, dass sie vom ersten oder spätestens vom zweiten Jahr an das Team verstärken.
  • Durch das breite Farmsystem und den meist langen Aufenthalt in selbigem, dauert es nicht nur seine Zeit, bis man die Prospects im MLB-Team sieht, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt dazu kommt, ist auch deutlich geringer. Die meisten gewählten Spieler, auch viele Erstrundenpicks, schaffen es entweder gar nicht bis in die MLB und/oder sie wechseln während der Minor-League-Karriere (durch Trades oder die Rule-5-Draft) in eine andere Franchise. Durch diese Unwägbarkeiten entsteht seitens der Fans meist relativ wenig Identifikation mit den von ihrem Klub gedrafteten Spielern.
  • Auch der Zeitpunkt der MLB-Draft spielt eine Rolle für die relativ geringe Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird: In der NFL beispielsweise findet die Draft in der Mitte der Offseason statt und ist deren unumstrittenes Highlight, weil Ende April ansonsten absolute Saure-Gurken-Zeit für Football-News wäre. In der MLB hingegen findet die Draft mitten in der Saison statt, es wird dafür noch nicht mal eine Pause eingelegt. So tritt die MLB mit der TV-Übertragung der Draft in direkte Konkurrenz zum zeitgleich laufenden eigenen Spielbetrieb.
  • Schließlich kommt noch hinzu, dass für die MLB-Draft ausschließlich Spieler aus den USA, Kanada und US-Territorien (vor allem Puerto Rico) gewählt werden können. Damit betrifft die Draft nur einen Teil des Talentpools, während die Verpflichtung internationaler Prospects einem gesonderten Verfahren unterliegt. Auch das ist in den anderen US-Sportarten anders geregelt, in ihnen läuft auch die Verteilung internationaler Nachwuchsspieler vorrangig über die Draft.

Entsprechend wenig überraschend ist es, dass viele Baseballfans kaum einen der vor der Draft kursierenden Namen der Prospects kennen, während nahezu jeder Footballfan schon Wochen vor der NFL-Draft seine persönliche Mockdraft (also eine Prognose, welcher Spieler wann von welchem Team gewählt wird) mindestens für die erste Runde pflegt. Mir geht es selbst auch nicht anders, aber ein paar Namen habe ich dann doch aufgeschnappt:

Die mit Abstand größte Aufmerksamkeit bekommt im Vorfeld dieser Draft Hunter Greene. Greene überzeugte in der Notre Dame California High School sowohl als rechtshändiger Pitcher als auch als Hitter und Infielder; für seine Zukunft als Profi wird er aber klar als Pitcher vorgesehen. Mit seinen 17 Jahren wirft er bereits regelmäßig über 100 mph schnelle Fastballs, hat zudem einen soliden Slider und einen ordentlichen Changeup im Repertoire und übt trotz seiner hohen Pitchgeschwindigkeit so viel Kontrolle aus, dass er nur wenige Walks verursacht.

Obwohl Greene in aller Munde ist und überwiegend als das größte Talent dieser Draft angesehen wird, gilt es als längst nicht gesichert, dass die Minnesota Twins ihn heute Nacht als ersten Pick der MLB-Draft 2017 aufrufen. Greene wird angesichts seiner Jugend und fehlenden College-Erfahrung einige Jahre brauchen, bis er zum fertigen Spieler gereift ist, und in diesen Jahren kann viel passieren. Daher ist durchaus denkbar, dass die Twins sich für eine risikoärmere Variante in Form eines College-Spielers entscheiden.

Wenn das der Weg ist, den die Twins gehen, dann sind wohl Linkshänder Brendan McKay (Louisville) und Rechtshänder Kyle Wright (Vanderbilt) die Favoriten auf den #1-Pick. McKay ist insofern ein interessanter Fall, als er sowohl als First Baseman als auch als Pitcher als Top-Talent eingestuft wird und es wahrscheinlich vom jeweiligen Team abhängt, in welche Richtung man ihn entwickeln wird. Die Prognose ist, dass die Twins, die Reds (#2) oder die Padres (#3) ihn eher als Pitcher draften würden, die Braves (#4) oder die Rays (#5) eher als Hitter. Wright hingegen gilt unter den Top-Prospect dieses Jahres als die verlässlichste Größe – das Team, das ihn draftet, erhält einen Pitcher, der vom Potenzial vielleicht nicht ganz mit McKay oder Greene mithalten kann, jedoch in Vanderbilt in der SEC bereits auf einem Niveau entwickelt wurde, das bestmöglich auf den zügigen Übergang zur MLB vorbereitet. Aus Vanderbilt kommt auch Jeren Kendall, der gute Chancen hat, als erster Outfielder der diesjährigen Draft gewählt zu werden.

Weitere hoch gehandelte Kandidaten aus der High School sind LHP Mackenzie Gore (Whiteville High School) und SS/OF Royce Lewis (JSerra Catholic High School). Wie bei Greene ist auch bei ihnen die Frage, auf wieviel Risiko und Wartezeit sich das draftende Team einlassen möchte, um sich dafür mit der Sicherung von Top-Talenten ohne Umweg über ein College zu belohnen.

Die Draft findet von heute Nacht bis Mittwoch statt, die 75 Picks des ersten Tages werden einschließlich Vorbericht ab Mitternacht auf mlb.com gestreamt. Auch die Runden 3 bis 10 an Tag 2 werden Dienstag ab 13 Uhr übertragen, die Runden 11 bis 40 an Tag 3 gibt es am Mittwoch ab 18 Uhr unserer Zeit als Radiostream.

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