Juni 16th, 2020 by Silversurger

In meiner Serie über Major-League-Ballparks sind wir heute zu Gast in dem Stadion mit dem hochtrabendsten Namen der MLB: dem Great American Ballpark in Cincinnati. Der Name ist allerdings kein Ausdruck einer übersteigerten Selbstwahrnehmung. Er entstammt schlicht einem Sponsorenvertrag mit dem Versicherungsunternehmen Great American Insurance, das 75 Millionen Dollar für die Namensrechte über 30 Jahre bis 2033 bezahlt hat.

Geschichte
Die Reds sind eine der ältesten Baseball-Franchises und eine der wenigen, die immer in derselben Stadt geblieben ist. Von daher überrascht es nicht, dass Great American Ballpark bereits die siebte Heimstätte in der Geschichte der Reds ist. Der direkte Vorgänger war Riverfront Stadium (zeitweise „Cinergy Field“), das von 1970 bis 2002 in Betrieb war.

Bei Riverfront Stadium handelte es sich um eine Multifunktionsarena, die die Reds sich mit den Footballern der Cincinnati Bengals teilten. Wie an vielen anderen Sport-Standorten wuchs auch in Cincinnati in den 90er-Jahren der Wunsch, das gemeinsam genutzte Stadion durch eigene Bauten für die jeweiligen Teams zu ersetzen. Die Wähler der Kommune Hamilton County stimmten 1996 zu, durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um ein halbes Prozent Neubauten für sowohl die Bengals als auch die Reds zu ermöglichen. Den Anfang machte die Football-Arena Paul Brown Stadium, die im August 2000 eröffnet wurde. Im selben Monat begann der Bau des neuen Ballparks für die Reds.

Als Standort für Great American Ballpark wurde der Platz direkt neben dem alten Riverfront Stadium gewählt. Das alte Stadion musste dazu – während es weiterhin genutzt wurde – schrittweise in Teilen und Ende 2002 schließlich komplett abgerissen werden. Pünktlich zur Saisoneröffnung am 31. März 2003 war der neue Ballpark fertig. Nach dem zeremoniellen ersten Pitch von Ex-Präsident George Bush hatte Reds-Superstar Ken Griffey Jr. mit einem Double im ersten Inning die Ehre, den ersten Hit im neuen Stadion zu erzielen. Das war dann allerdings auch schon das Highlight des Spiels aus Sicht des Heimteams, welches den Pittsburgh Pirates 1:10 unterlag.

Die MLB trug 2015 das All-Star-Spiel im Great American Ballpark aus. Die Reds konnten seit dem Einzug in das Stadion noch keine großen Erfolge feiern. Dreimal – 2010, 2012 und 2013 – erreichten sie die Playoffs, schieden aber jeweils in der ersten Runde aus und verloren dabei sämtliche Heimspiele. Homer Bailey gelang 2013 für die Reds bei einem 3:0 gegen die San Francisco Giants der erste No-Hitter des Ballparks. 2016 tat es ihm Jake Arrieta für die Chicago Cubs beim 16:0 über die Reds gleich.

Great American Ballpark vom Ohio River aus (1)

Architektonische Auffälligkeiten
Great American Ballpark ist ein Vertreter des retro-modernen Stils, der durch Clevelands Progressive Field prominent wurde. Von außen dominieren Stahl und Glas sowie eine Fassade aus Ziegel- und Gusssteinen. Die Ziegelsteine sind typisch für die Architektur von Cincinnati, die Gusssteine reflektieren die nahe gelegene Roebling Suspension Bridge.

Im Stadion und drumherum finden sich diverse Anspielungen auf die früheren Ballparks der Reds. Eine Erinnerung an Crosley Field, die Reds-Heimat von 1912 bis 1970, ist Crosley Terrace. Es handelt sich um eine raumgreifende Installation direkt vor dem Haupteingang, die eine imaginäre Spielszene mit mehreren Bronzefiguren historischer Spieler zeigt. Deutlich subtiler ist eine Anspielung auf Riverfront Stadium: Sie besteht darin, dass die Tiefe des Centerfields mit 404 Fuß exakt gleich groß gestaltet wurde wie im alten Stadion.

Durch die niedrigen Tribünen im Center- und Rightfield genießt man von den meisten Plätzen aus die Aussicht auf den Ohio River. Eine Lücke zwischen den Tribünen auf der Third-Base-Seite, bekannt als „The Gap“, erfüllt zwei Funktionen: Erstens gewährt sie eine Blickachse aus der Innenstadt ins Stadion und umgekehrt; zweitens ermöglicht der Einschnitt eine Anordnung der Ränge, durch die die Entfernung der Sitze des Oberdecks zum Spielfeld geringer ist als in den meisten anderen Ballparks.

Die Power Stacks; links daneben das Riverboat Deck (2)

Ein weiteres Wahrzeichen von Great American Ballpark sind die „Power Stacks“, zwei Dampfschiffschornsteine im rechten Centerfield. Sie begleiten wichtige Ereignisse auf dem Feld, zum Beispiel durch einen Feuerstoß bei einem Strikeout oder durch Feuerwerk bei einem Homerun und nach einem Sieg. Die Schornsteine symbolisieren die wichtige Rolle der Flussschifffahrt für die Geschichte der Region. Zum selben Thema passt auch das Riverboat Deck, ein Partybereich über dem Centerfield, den man mieten kann.

Zwei schöne Stücke der Kategorie „Kunst am Bau“ befinden sich im Bereich des Haupteingangs: Es handelt sich um 3 mal 5 Meter große Mosaike, die die beiden herausragenden Reds-Teams der Jahre 1869 sowie 1975/1976 darstellen.

Mosaik „The First Nine“ (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Durch die kurzen Distanzen zwischen der Homeplate und den Foulpoles im Rightfield (325 Fuß = 99m) und Leftfield (328 Fuß = 100m) hat Great American Ballpark eines der kleinsten Outfields unter den MLB-Stadien. Es ist daher wenig überraschend, dass das Stadion zu den hitterfreundlichsten der Liga zählt – jedenfalls was das Schlagen von Homeruns betrifft. Von den Homeruns abgesehen, ist Great American Ballpark für das Erzielen sonstiger Extra-Basehits und für Run-Scoring insgesamt ein eher durchschnittliches Pflaster.

Blick vom oberen Deck hinter der Homeplate (4)

Wo sitzt man am besten?
Da die Reds in den letzten Jahren nicht vom Erfolg verwöhnt waren, pendelte sich der Zuschauerschnitt zwischen 20.000 und 23.000 ein. Bei einer Kapazität von 42.000 ist es somit in der Regel kein Problem, auf regulärem Weg an Tickets heranzukommen.

Natürlich befinden sich die besten Plätze auch im Great American Ballpark auf den unteren Ebenen um das Infield. Aber wie oben schon erwähnt, handelt es sich um ein Stadion, bei dem man auch auf den oberen Rängen nicht zu weit weg vom Geschehen ist. Bei der Wahl der Plätze ist zu beachten, dass Great American Ballpark nur ein kleines Dach über dem obersten Tribünenlevel bietet. Die Suche nach einem schattigen Platz oder nach Schutz vor Regen und manchmal auch Schnee ist daher ein Thema. Schatten findet sich am ehesten entlang der First-Base-Line und dort vor allem in den oberen Reihen jeder Ebene.

Einen besonderen Service bietet Great American Ballpark für stillende Mütter: Sie dürfen die „Nursing Suite“ nutzen, einen 2015 eingerichteten privaten Bereich mit umfangreicher Ausstattung wie Sesseln, Kühlschrank, Kitchenette, Wickelmöglichkeiten – und natürlich TV-Bildschirmen, damit man nichts vom Spiel verpasst.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: Sean Biehle (CC BY-SA 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: Steve (CC BY-SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Wally Gobetz (CC BY-NC-ND 2.0)
(4) Quelle: Flickr, Urheber: Cori Martin (CC BY-NC 2.0)

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