Mai 27th, 2018 by Dominik

Über die enorme Zunahme der Zahl von Homeruns innerhalb der letzten drei Jahre wurde schon viel geschrieben und spekuliert. Zahlreiche Ursachen dafür wurden ins Spiel gebracht, vom Wetter über veränderte Offensivphilosophien der Teams bis hin zu einer neuen Dopingwelle. Als prominenteste unter den zahlreichen Theorien hat sich diejenige herauskristallisiert, die die Entwicklung auf eine veränderte Beschaffenheit der Bälle zurückführt. Die Bälle seien „juiced“, also „gedopt“, um weiter zu fliegen und für mehr aufsehenerregende Szenen zu sorgen, so wurde von vielen behauptet. Allerdings haben sowohl die Ligaleitung als auch die Firma Rawlings als Hersteller der Bälle stets verneint, dass es bewusste Änderungen gegeben habe.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, setzte MLB-Commissioner Rob Manfred eine zehnköpfige Forschungsgruppe aus Physikern, Mathematikern und Statistikern ein. Die Gruppe wertete Daten der MLB und von Rawlings sowie die Ergebnisse vorhandener Studien aus und führte zudem eigene Tests unter Laborbedingungen an benutzten und unbenutzte Bällen durch. Die Resultate der Untersuchung wurden nun vorgelegt und siehe da: Es spricht vieles dafür, dass die steigenden Homerunzahlen tatsächlich auf die Bälle zurückzuführen sind.

Entlarvt: Die Schuldigen an der erhöhten Homerun-Rate1

Konkret stellten die Wissenschaftler fest, dass die in den letzten zwei, drei Jahren hergestellten Bälle weniger Luftwiderstand erfahren und dadurch weiter fliegen. Dieser Effekt macht rund 6 Fuß (1,83m) an zusätzlicher Flugdistanz bei einem durchschnittlichen Homerun aus – genug, um den Anstieg der Zahlen zu erklären.

Durch die Erkenntnisse der Untersuchung sind diverse andere Erklärungsansätze als widerlegt anzusehen. Wettereffekte spielen demnach kaum eine Rolle und auch eine veränderte Herangehensweise der Spieler, die auf mehr Fly-Balls abzielt, ist nicht der Grund für vermehrte Homeruns – vielmehr hat sich der durchschnittliche Winkel, in dem die Bälle geschlagen werden, in den betrachteten Jahren kaum verändert.

Was die Untersuchung nicht erklärt, ist was genau an den Bällen anders ist als früher. Rawlings und die MLB beteuern nach wie vor, dass es keine gezielten Veränderungen am Material oder am Produktionsprozess gab und angesichts des gezeigten Aufklärungswillens sehe ich wenig Grund, dies anzuzweifeln. Alan Nathan, der Leiter der Studie, dazu: „Die Ursache ist offenbar etwas sehr, sehr Subtiles im Produktionsprozess, aber es muss wirklich ziemlich subtil sein, denn ansonsten hätten wir es gefunden.“ Nathans Kollege Leonard Mlodinow spekuliert ein Stück weiter mit der Vermutung: „Fortschritte bei der Produktion, durch die der Ball runder und symmetrischer wurde, könnten die Nebenwirkung gehabt haben, dass der Ball sich weniger bewegt.“

Die Rundheit und der Schwerpunkt der Bälle sind eines von drei Hauptfeldern, auf die weitere Untersuchungen sich konzentrieren werden. Ein weiteres stellt die Oberfläche der Bälle dar. Die Bälle werden in einem bislang weitgehend unkontrollierten Prozess mit „Lena Blackburne Original Baseball Rubbing Mud“ eingerieben, damit sie weniger leicht aus der Hand rutschen. Eine Veränderung, die zu einer leicht glatteren oder rauheren Oberfläche führt, kann sich ebenfalls auf das Flugverhalten auswirken. Das dritte Hauptfeld, dessen man sich annimmt, ist die Lagerung der Bälle. In Coors Field in Denver erfolgt diese schon seit 2002 in einer temperatur- und feuchtigkeitsregulierten Umgebung, in Chase Field in Phoenix seit diesem Jahr auch. Die MLB und die Forschungsgruppe wollen sich die Bedingungen in den anderen 28 Ballparks näher anschauen und dann entscheiden, ob es ab 2019 verbindliche Vorgaben zur Lagerung in Feuchtigkeitskammern geben soll.

1 Quelle: Flickr, Urheber: Keith Allison (CC BY SA 2.0)

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September 21st, 2017 by Dominik

Nur noch elf Tage, dann ist die reguläre Saison 2017 der MLB vorbei. Das bedeutet noch neun bis zwölf Spiele pro Team und für die meisten Teams haben diese Spiele keine große Bedeutung mehr. Zumindest steht für sie bereits fest, ob sie an den Playoffs teilnehmen oder nicht. Je ein Divisionssieger und je ein Wild-Card-Team in jeder Liga sind aber noch offen und auf diese vier Entscheidungen konzentriere ich mich im heutigen Grand Slam am Donnerstag.

National League
Haken wir schnell die National League East ab, denn hier stehen die Washington Nationals (92-59) schon lange als Sieger fest und den Rest der Division kann man dieses Jahr getrost vergessen.

Auch die NL West ist zu Gunsten der Los Angeles Dodgers (96-56) bereits klar entschieden und den Arizona Diamondbacks (88-65) ist die Wild Card auch nur theoretisch noch zu nehmen. Richtig spannend wird es aber noch für die Colorado Rockies (82-70). Sie sahen über weite Strecken der Saison wie ein weiteres sicheres Wild-Card-Team aus, doch auf der Zielgeraden ist ihnen anscheinend die Puste ausgegangen. Von den letzten zehn Spielen verloren die Rockies sieben, zuletzt drei hintereinander gegen die Kellerkinder San Diego Padres und San Francisco Giants. Der einst komfortable Vorsprung gegenüber den Milwaukee Brewers (81-71) ist dadurch auf nur noch ein einziges Spiel zusammengeschmolzen.

Die Brewers haben im Hinblick auf die Playoffs sogar noch zwei Eisen im Feuer, denn auch um den Divisionssieg in der NL Central ist die Entscheidung noch nicht gefallen: Die Chicago Cubs (84-67) liegen zwar dreieinhalb Spiele in Front, doch ab heute steht in Milwaukee eine Vier-Spiele-Serie zwischen den Brewers und den Cubs an (siehe „Spiel der kommenden Woche“) und danach kann die Welt in der NL Central komplett anders aussehen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist freilich gering: Fangraphs beziffert die Chancen der Brewers auf den Divisionssieg auf gerade mal 2,9% und die auf eine Wild Card auch nur auf 18,7%. Mit 68,1% Wahrscheinlichkeit hingegen wird die zweite Wild Card bei den Rockies gesehen, was mir persönlich ein wenig hoch gegriffen erscheint. Zwar hat Colorado das etwas leichtere Restprogramm (Padres, Marlins, Dodgers) als die Brewers (Cubs, Reds, Cardinals), aber diese weisen derzeit die deutlich günstigere Leistungskurve auf.

American League
Die American League East ist die zweite Division der MLB, die eineinhalb Wochen vor Schluss noch nicht entschieden ist. Die Boston Red Sox (88-64) halten sich mit beeindruckender Konstanz vor den New York Yankees (85-67), obwohl diese ihnen vom Run Differential und insbesondere der Offensivstärke her statistisch deutlich überlegen sind. Aber wen interessieren schon Statistiken, wenn man wie die Red Sox derzeit einfach ein Talent dafür hat, auch höchst mittelmäßige Auftritte durch ein paar defensive Highlight-Aktionen und einen Wild-Pitch-Score im elften Inning zu gewinnen oder im neunten Inning drei Runs aufzuholen und den Gegner im fünfzehnten aus dem Stadion zu ballern (siehe „Spiel der Woche“)? Die Red Sox stehen derzeit 15-3 in Spielen mit Extra-Innings und führen in dieser Statistik deutlich die Liga an.

Die AL Central ist fest in der Hand der Cleveland Indians (95-57), die auch das Ende ihrer 22-Siege-Serie nicht aus der Fassung gebracht hat. Nach ihrer einzigen Niederlage seit einem Monat haben sie sich kurz für den aufgestellten Rekord feiern lassen und danach mit dem weiter gemacht, was sie zurzeit am besten können: Spiele gewinnen. Ihrem stärksten Konkurrenten in der Division, den Minnesota Twins (78-74) ist das zurzeit ganz recht, denn ihre beiden jüngsten Siege haben die Indians gegen die Los Angeles Angels (76-75) erzielt. Mit denen liefern sich die Twins ein Rennen um den zweiten Wild-Card-Platz der AL und mit momentan eineinhalb Spielen Vorsprung hat das Überraschungsteam des Jahres derzeit die Nase vorn. Wobei der Begriff „Rennen“ vielleicht nicht ganz der richtige ist angesichts der Tatsache, das sowohl die Twins als auch die Angels zuletzt dreimal in Folge im Gleichschritt verloren haben

Neben den Angels gibt es in der AL West, deren Spitze längst zugunsten der Houston Astros (93-58) entschieden ist, mit den Texas Rangers (75-76) und den Seattle Mariners (74-78) noch zwei weitere Anwärter auf die zweite Wild Card.  Mit zweieinhalb bzw. vier Spielen Rückstand und schweren Restspielplänen sieht Fangraphs die Erfolgswahrscheinlichkeit für die Mariners und die Rangers – ebenso wie für die Kansas City Royals (74-77) aus der AL Central – bei unter 5% und das scheint mir sehr realistisch.

Szene(n) der Woche
Diese Rubrik steht diese Woche unter dem Motto „MLB-Profis sind auch nur Menschen“. Als solche sind sie auch vor haarsträubenden Fehleinschätzungen nicht gefeit, was zum Beispiel Nationals-Outfielder Jayson Werth in dieser Szene unter Beweis stellte. Dass man so einen Flyball an die Wand nicht fängt, kommt schon mal vor; originell wird die Sache dadurch, dass Werth felsenfest und voller Selbstvertrauen an seinem Platz steht und auf den Ball wartet, der dann ganz woanders landet. Genauso originell war ein Call von Umpire Jordan Baker im Spiel der Cubs gegen die Cardinals vom Freitag, der nach einem glasklaren Strike bei vollem Count auf Walk entschied. Dass Pitcher John Lackey und Catcher Willson Contreras danach auf die Barrikaden gingen, brachte ihnen zurecht Platzverweise ein, aber auch ihre Reaktionen waren letztlich ganz klar: menschlich.

Statistik der Woche 
5.753. So viele Homeruns wurden dieses Jahr bisher in der MLB geschlagen. Damit ist schon eineinhalb Wochen vor Saisonende ein neuer Rekord erreicht. Die bisherige Bestmarke von 5.693 stammte aus dem Jahr 2000. Sie wurde Dienstagnacht von Alex Presley (Detroit TIgers) eingestellt und von Alex Gordon (Kansas City Royals) mit Nummer 5.694 übertroffen. Den größten Beitrag zum Rekord hat Giancarlo Stanton geleistet, der die Liga mit bislang 56 Homeruns in diesem Jahr anführt. Die meisten Homeruns als Team haben die Baltimore Orioles mit 227 erzielt.

Spiel der Woche
Wie weiter oben schon erwähnt, überzeugen die Boston Red Sox momentan vor allem dadurch, dass sie Mittel und Wege finden, auch nach schwachen Auftritten den Platz als Sieger zu verlassen. Ein Paradebeispiel dafür war die Partie gegen die Tampa Bay Rays am Freitag: In einem der schwächeren Starts von Chris Sale gingen die Red Sox zwar im ersten und im vierten Inning knapp in Führung, gerieten dann aber bis nach dem achten Inning 2:5 ins Hintertreffen, unter anderem durch zwei Homeruns von Tampas Wilson Ramos. Irgendwie gelang es Boston gegen Rays-Closer Alex Colome mit Hilfe von einem Walk, einem Wild Pitch, einem Error und ein paar Hits auf 5:5 auszugleichen. Vier scorelose Innings später gelang den Red Sox mit einem Single von Rafael Devers die Führung, doch Kevin Kiermaier wollte das Spiel im Namen der Rays nicht hergeben: Zuerst besorgte der Centerfielder das dritte Aus, indem er Mitch Moreland an der dritten Base auswarf, dann schlug er einen Solo-Homerun zum erneuten Ausgleich. Im fünfzehnten Inning sah ein Ball auf Tampas 2B Brad Miller stark nach Doubleplay aus, doch Miller bekam ihn nicht in den Griff und Jackie Bradley Jr. scorte das 7:6. Dann brachen plötzlich alle Dämmme und die Red Sox zogen auf den 13:6-Endstand davon. In dem sechs Stunden und fünf Minuten langen Spiel gab es insgesamt sechs Führungswechsel und 37 Strikeouts, davon 24 gegen die Rays.

Spiel der kommenden Woche
Realistisch betrachtet gibt es sieben Teams, für die es ernsthaft noch um etwas geht in dieser Saison, also darum ob und auf welchem Weg (Divisionssieg oder Wild Card) sie die Playoffs erreichen: die Red Sox, die Yankees, die Twins, die Angels, die Cubs, die Brewers und die Rockies. Nur in einer einzigen Serie spielen dieses Jahr noch zwei Teams aus dieser Reihe direkt gegeneinander. Daher ist diese von heute bis Sonntag laufende Serie zwischen den Milwaukee Brewers und den Chicago Cubs ganz klar mein Einschaltipp der Woche. Für beide Teams geht es, wie oben beschrieben, sowohl um den Divisionssieg als auch – falls selbiger verpasst wird – um eine Wild Card, die man zunächst den Colorado Rockies abjagen müsste. Holen die Cubs mindestens zwei der vier Spiele, so sind sie wohl durch als Vertreter der NL Central. In jedem anderen Fall wird es für sie eine extrem heiße letzte Woche. Da es sich von der Startzeit um 20:10 Uhr mitteleuropäischer Zeit her anbietet und auch das voraussichtliche Pitcherduell zwischen José Quintana (4.27 ERA, 3.87 FIP) und Chase Anderson (2.74 ERA, 3.58 FIP) reizvoll erscheint, empfehle ich aus der Serie konkret die Partie am Sonntag. Anderson ließ übrigens bei seinem letzten Start gegen die Cubs nur einen Hit in fünf Innings zu und wurde nach 67 Pitches zur Schonung ausgewechselt, weil die Brewers bereits 14:0 führten.

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