Januar 8th, 2019 by Silversurger

Wer war der beste Pitcher der Dead-Ball-Ära? Nach allem, was ich vorletzte Woche über Cy Young geschrieben habe, sollte man meinen, die Frage wäre einfach zu beantworten. Das ist sie aber nicht, ganz im Gegenteil. Seit über hundert Jahren besteht Uneinigkeit darüber, ob Cy Young oder Walter Johnson der bessere Werfer war.

Für Youngs Verehrer thronen über allem die 511 Wins in seiner Karriere – fast 100 mehr als Johnson, der mit 417 immerhin den zweiten Platz in der ewigen Rangliste belegt. Bei der Interpretation von Pitcher-Wins ist allerdings Vorsicht angebracht. Denn ob einem Pitcher ein Sieg gutgeschrieben wird, hängt bekanntlich nicht nur von seiner eigenen Leistung, sondern auch ganz massiv von der seiner Mitspieler am Schlag und im Feld ab. Cy Young hatte das Glück, während seiner Laufbahn fast immer für starke Teams zu spielen.

Walter Johnson hatte dieses Glück nicht. Er trat während seiner gesamten Profikarriere – von 1907 bis 1927 – ausschließlich für die Washington Senators an. Mit diesen erreichte er zwar zweimal die World Series und gewann eine davon, aber über die gesamten 21 Jahre hinweg waren die Senators ein bestenfalls mittelmäßiges Team. Johnson musste sich somit, um Outs zu generieren und die Chance auf einen Sieg zu haben, stärker auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen als Young oder jeder andere Pitcher in einem dauerhaft konkurrenzfähigen Team. Das gelang ihm vor allem dadurch, dass er es auf 3.509 Strikeouts brachte – ein Wert, der damals jeden Vergleich sprengte und in der MLB-Historie bis heute nur von acht Pitchern übertroffen wurde. Keiner davon war zu der Zeit, als Johnson den Rekord aufstellte, überhaupt geboren.

Walter Johnson ca. 1910 (1)

Das Vermächtnis von Walter Johnson, genannt “The Big Train”, ist das des ersten großen Power-Pitchers der Geschichte. Sein Haupt-Pitch war ein schneller, gerader Fastball, den er mit einer Sidearm-Technik warf. Radarpistolen waren damals noch nicht im Einsatz, doch zwei Experimente – das erste ein Vergleich mit einem fahrenden Motorrad, das zweite ein Wurf gegen ein Pendel – bezifferten Johnsons Pitches jeweils auf 99,7 Meilen pro Stunde (160,5 km/h). Das wäre in der heutigen MLB ein Wert der Spitzenklasse; für damalige Verhältnisse war er einzigartig.

Johnson brachte es in seiner Karriere auf einen ERA von 2.17. Seine 110 Shutouts, also Spiele “zu Null”, sind MLB-Rekord. Zum Vergleich: Die meisten Shutouts eines noch aktiven Pitchers hat Clayton Kershaw auf dem Konto und zwar sage und schreibe 15. Walter Johnson gehörte 1936 zu den ersten fünf Spielern, die in die Hall of Fame gewählt wurden. Er starb 1946 an einem Gehirntumor.

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Charles Conlon (PD-US)

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