Februar 2nd, 2021 by Silversurger

Die Sache ist über 100 Jahre her, aber wenn man von MLB-Skandalen spricht, kommt einem das Schlagwort „Black Sox“ immer noch sofort in den Sinn. Der Begriff ist eine Verballhornung des Teamnamens der Chicago White Sox. Deren Gründer und damaliger Owner, Charles A. Comiskey, galt als dermaßen geizig, dass er seine Spieler nicht nur unter Wert bezahlte, sondern auch an der Wäsche der Uniformen sparte. Deswegen wurde die Farbe der Socken dem Namen des Teams selten gerecht und es kam zu dem Kosenamen. 

Natürlich bestand der Skandal, von dem wir heute reden, nicht in ungewaschenen Strümpfen. Aber er hat ebenfalls viel zu tun mit dem legendären Geiz und der Unbeliebtheit von Herrn Comiskey. Die White Sox waren zwar eines der Top-Teams der Liga und hatten bereits die World Series 1917 gewonnen. Doch viele der Spieler waren unzufrieden mit dem Klub und hätten diesen gern verlassen – was aber unter den Regeln der „Reserve Clause“ damals nicht möglich war, sofern man nicht bereit war, ganz mit dem Baseballspielen aufzuhören. So wuchs bei den betreffenden Spielern der Frust und es stieg die Anfälligkeit, sich auf unmoralische Angebote einzulassen. 

Ein solches Angebot bekamen einige Spieler der White Sox wenige Tage vor der World Series 1919 aus Kreisen der Wettmafia um Arnold Rothstein. Der Drahtzieher auf Seiten der Spieler war First Baseman Arnold „Chick“ Gandil. In seinem Zimmer im Ansonia Hotel in New York City fand am 21. September 1919 das Treffen statt, auf dem verabredet wurde, die World Series absichtlich zu verlieren. Außer Gandil waren Centerfielder Oscar „Happy“ Felsch, Shortstop Charles „Swede“ Risberg sowie die Pitcher Eddie Cicotte und Claude „Lefty“ Williams an Bord. Hinzu kam Infielder Fred McMullin, der zwar nicht bei dem Treffen war, aber von den Plänen hörte und sie zu verraten drohte, wenn er nicht beteiligt würde. Umstritten ist, inwieweit auch Third Baseman George „Buck“ Weaver und „Shoeless“ Joe Jackson als Teil der Verschwörung zu betrachten sind. Weaver war bei dem Treffen dabei, nahm aber kein Geld an und spielte eine starke World Series. Jackson war bei keinem Treffen anwesend und spielte ebenfalls gut und fehlerlos. Dennoch gab er bei der anschließenden Gerichtsverhandlung zu, 5.000 Dollar von den Wettpaten angenommen zu haben. Das Geständnis widerrief er später, da es unter Alkoholeinfluss zustande gekommen sei und er als Analphabet einen Text unterschrieben habe, den er gar nicht lesen konnte. 

Die World Series ging mit 5:3 Spielen an den Gegner der White Sox, die Cincinnati Reds. Lefty Williams verlor alle drei seiner Starts, darunter das entscheidende Spiel 8. Swede Risberg schlug während der Serie 2-25 und beging vier Errors. Diese und andere fragwürdige Leistungen brachten bereits während der Serie den Verdacht auf, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Nachdem dieser Verdacht sich in den folgenden Monaten erhärtete, wurde im September 1920 eine Grand Jury eingesetzt, also ein Gremium zur Voruntersuchung für ein Strafverfahren. Vor der Jury gab Cicotte als erster zu, dass die Korruptionsvorwürfe zutrafen und dass er dabei gewesen war. Die Jury entschied nach rund einem Monat, dass Anklage gegen alle acht oben genannten Spieler sowie gegen fünf Mitglieder der Wettmafia erhoben werden sollte. 

Im folgenden Strafprozess sagte zwar „Sleepy Bill“ Burns, ein ehemaliger White-Sox-Spieler, gegen seine Ex-Kollegen aus, und es sprachen auch weitere Zeugen und Indizien für die Anklage. Doch insgesamt war die Beweislage dünn, zumal einige Unterlagen aus der Jury-Untersuchung, unter anderem die Geständnisse von Cicotte und Jackson, „verschwunden“ waren. Das Verfahren endete daher mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen für alle beteiligten Spieler. 

Dass sie vor Gericht davonkamen, rettete keineswegs den Ruf und die Karriere der Acht, denn es stand noch ein Urteil von Seiten der Liga aus. Die Eigentümer der MLB-Teams hatten vor der Saison 1921 als direkte Konsequenz der Black-Sox-Geschichte zum ersten Mal einen Commissioner benannt, also eine Art Geschäftsführer mit sehr weitreichenden Kompetenzen. Das Amt wurde an den für seine Strenge bekannten Richter Kennesaw Mountain Landis vergeben. Der statuierte prompt ein Exempel an den Spielern der White Sox: Alle acht wurden auf Lebenszeit gesperrt. Das Urteil von Landis wurde und wird bis heute vielfach als sehr hart empfunden, vor allem im Hinblick auf Buck Weaver und Shoeless Joe Jackson. Beide waren nach allem, was man weiß, nur Mitwisser, aber nicht Mittäter. Sowohl sie selbst als auch ihre Nachkommen bemühten sich mehrfach um eine Begnadigung, die aber bis heute nicht erfolgt ist. Ein berühmt gewordener Ausspruch von Weaver lautet:

There are murderers who serve a sentence and then get out. I got life. 

(Es gibt Mörder, die ihre Strafe absitzen und dann frei kommen. Ich bekam Lebenslänglich.)

Der Black-Sox-Skandal ist journalistisch und kulturell auf vielfache Weise aufgearbeitet worden. Besonders bekannt wurden das Buch „Eight Men Out“ von Eliot Asinof und dessen gleichnamige Verfilmung von 1988 (deutschsprachige Version: „Acht Mann und ein Skandal“). Auch das filmische Baseball-Märchen „Feld der Träume“ weist einen starken Bezug zu den Vorkommnissen von 1919 und ihren Folgen auf. 

Das Team der Chicago White Sox in der Saison 1919. In der hinteren Reihe stehen ganz links Shoeless Joe Jackson, daneben Chick Gandil und dann Fred McMullin. In der mittleren Reihe ist Happy Felsch der Dritte von links, Buck Weaver sitzt ganz rechts. Vorne ist der Zweite von links Swede Risberg, der Zweite von rechts ist Lefty Williams, ganz rechts sitzt Eddie Cicotte. (Quelle: Wikimedia; Urheberrecht: Public Domain).

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