November 12th, 2020 by Silversurger

Bevor die Free Agency der MLB richtig in Schwung kommt, werden diese Woche erstmal die wichtigsten Awards für die kürzlich beendete Saison vergeben. Die besten Rookies, die besten Manager und die besten Pitcher wurden in den letzten Tagen schon ausgezeichnet. Heute Nacht werden noch die wertvollsten Spieler des Jahres bekannt gegeben. Hier auf dem Blog könnt übrigens noch bis Montag eure Stimme zum MRI-Award für die dämlichste Verletzung des Jahres abgeben.

Cy-Young-Award für Bieber und Bauer
Die Cy-Young-Awards für die besten Pitcher der Saison ehren dieses Jahr ganz besonders die Werfer-Schmiede der Cleveland Indians: In der National League geht der Award an Trevor Bauer – einst das Ass der Indians, 2020 bei den Cincinnati Reds tätig und derzeit auf Jobsuche. Mit einem ERA von 1.73 über 73 geworfene Innings, darunter zwei Complete-Game-Shutouts, hat Bauer die Reds erstmals seit sieben Jahren in die Playoffs geführt und auch dort – im Gegensatz zum Rest seines Teams – eine Top-Leistung gebracht. Bauer erhielt von den Wahlberechtigten der Baseball Writers Association of America (BBWAA) 27 von 30 Erststimmen. Die anderen drei ersten Plätze gingen an Yu Darvish von den Chicago Cubs.
In der AL bekommt Shane Bieber, sozusagen Bauers Nachfolger in Cleveland, den Cy-Young-Award. Bieber führte die Liga mit 1.63 ERA und 122 Strikeouts in 77.1 Innings an und gewann den Award einstimmig mit 30 von 30 möglichen ersten Plätzen. Zweiter in der Abstimmung wurde Kenta Maeda von den Minnesota Twins.

Williams und Lewis sind Rookies of the Year
Auch bei der Auszeichnung der besten Neulinge gab es in der AL eine einstimmige Entscheidung. Outfielder Kyle Lewis von den Seattle Mariners erhielt alle 30 Erststimmen und verwies damit Luis Robert (Chicago White Sox) und Cristian Javier (Houston Astros) auf die Plätze. Falls sich jemand wundert, warum in dieser Aufzählung die Playoff-Sensation Randy Arozarena von den Tampa Bay Rays fehlt: Die Awards beziehen sich nur auf die reguläre Saison, in der Arozarena zu wenige Einsätze hatte, um ernsthaft auf sich aufmerksam zu machen. Er gilt deswegen auch nächstes Jahr als Rookie und somit schon jetzt als Favorit auf den Award.
In der NL setzte sich Devin Williams von den Milwaukee Brewers, durch; er wurde zuvor auch schon zum Reliever des Jahres gewählt. Mit 0.33 ERA über 27 Innings hatte er eine brillante Saison und schaffte es als erster Pitcher, den Rookie-Award zu gewinnen, ohne einen Start oder einen Save auf dem Konto zu haben. Williams erzielte bei 30 Stimmen 14 erste Plätze. Weitere Erststimmen entfielen auf Alec Bohm (Philadelphia Phillies), Jake Cronenworth (San Diego Padres) und Tony Gonsolin (Los Angeles Dodgers). 

Mattingly und Cash sind die Top-Manager
Die besten Cheftrainer – im Sprachgebrauch der MLB „Manager“ – des Jahres sind beide in Florida tätig. Don Mattingly führte die Miami Marlins zu einer 31-29-Bilanz und damit in ihre erste Playoff-Teilnahme seit 17 Jahren – eine sensationelle Leistung mit einem Team, das als eines der schwächsten der Liga galt und obendrein im Juli einen massiven Corona-Ausbruch wegstecken musste. Eine einstimmige Wahl hätte mich in dem Fall nicht gewundert, doch Mattingly erhielt „nur“ 20 von 30 Erststimmen und tauchte auf zwei Wahlzetteln unter den drei Nennungen überhaupt nicht auf. Auf Platz zwei landete in der NL Jayce Tingler (San Diego Padres).
Kevin Cash führte seine Tampa Bay Rays an die Spitze der AL East und anschließend bis in die World Series. Dass er sich dort den Vorwurf einen Coaching-Fehlers gefallen lassen musste, ändert nichts daran, dass er seit Jahren unfassbar gute Arbeit dabei leistet, mit äußerst bescheidenen finanziellen Mitteln ein jederzeit konkurrenzfähiges Team aufrecht zu erhalten. Nach zwei dritten Plätzen in den beiden letzten Jahren erhielt Cash dieses Mal 22 Erststimmen und verwies Rick Renteria von den White Sox mit deutlichem Abstand auf Platz zwei.

Cora zurück in Boston
Von den erfolgreichsten Managern des Jahres zu einem der erfolglosesten: Die Boston Red Sox hatten bereits unmittelbar nach Saisonende bekannt gegeben, dass sie sich nach nur einem Jahr und einer enttäuschenden Bilanz von 24-36 von Ron Roenicke trennen. Roenicke war kurz vor Saisonbeginn zum Nachfolger von Alex Cora ernannt worden, den man wegen seiner Rolle im Sign-Stealing-Skandal der Houston Astros entlassen hatte. Inzwischen hat Cora seine Sperre durch die Liga abgesessen und bei den Red Sox hat man sich offenbar der guten Zeiten erinnert, die man mit Cora am Steuerrad hatte. So kristallisierte sich Cora trotz einer Handvoll anderer Interview-Kandidaten schnell zum Favoriten als sein eigener Nachfolger heraus. Seit Freitag ist es offiziell, Cora erhält seine zweite Chance in Form eines Zweijahresvertrages bei den Red Sox. Man darf gespannt sein, was er daraus macht. Das Team, das er übernimmt, dürfte von den Anlagen her weit entfernt sein von der Meistermannschaft aus 2018. 

Mets entlassen Van Wagenen 
Bei den New York Mets hat die Ära des neuen Teambesitzers Steve Cohen offiziell begonnen. Cohens erste Amtshandlungen waren die erwarteten: Sandy Alderson wurde zum Teampräsidenten ernannt, General Manager Brodie Van Wagenen wurde entlassen. Außer Van Wagenen erhielten auch die Assistenten Omar Minaya, Allard Baird und Adam Guttridge sowie der Direktor für Spielerentwicklung Jared Banner ihre Papiere. Das zeigt, dass Cohen es ernst meint mit dem angekündigten strukturellen Umbau, der ein stärker analysezentriertes Regime hervorbringen soll. Alderson erhält weitgehend freie Hand bei der Zusammenstellung des neuen Front Offices. Field Manager Luis Rojas wird seinen Posten, auf den ihn Van Wagenen  vor einem Jahr befördert hatte, voraussichtlich behalten.
Bei seiner Einführungs-Pressekonferenz kündigte der neue Owner an, die Mets als Big-Market-Team führen zu wollen und enttäuscht zu sein, wenn nicht innerhalb von drei bis fünf Jahren eine Meisterschaft herausspringt. Das sind interessante Vorzeichen für die beginnende Free Agency.

Ein paar frühe Signings
Die erste Neuverpflichtung haben die Mets bereits getätigt: SP Marcus Stroman kehrt zurück nach Queens, indem er das Qualifying Offer von 18,9 Millionen Dollar für einen Einjahresvertrag annimmt. Auf die gleiche Art und zu den gleichen Konditionen bleibt den San Francisco Giants SP Kevin Gausman erhalten.
Die anderen Spieler, die ein Qualifying Offer erhalten hatten – Trevor Bauer (Reds), J. T. Realmuto (Phillies), George Springer (Astros) und D. J. LeMahieu (Yankees) – haben das Angebot erwartungsgemäß abgelehnt. Sie streben höherwertige und/oder längere Verträge an und werden sie auch bekommen.
Die beiden ersten „echten“ Free Agents, die vom Markt sind, haben beide bei ihren bisherigen Teams verlängert: SP Robbie Ray bleibt für 8 Millionen Dollar ein weiteres Jahr bei den Toronto Blue Jays, SP Josh Tomlin bekommt von den Atlanta Braves 1,25 Millionen für einen Einjahresvertrag plus Option auf ein zusätzliches Jahr.

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Juni 12th, 2017 by Silversurger

…und niemand schaut hin. O. K., ganz so unbeachtet ist die Draft der MLB, die heute Nacht (1 Uhr mitteleuropäischer Zeit) beginnt, dann auch wieder nicht. Aber im Vergleich mit den anderen großen US-Sportarten erfährt die Spielerauswahl der MLB recht wenig Aufmerksamkeit. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • College Baseball ist nicht so populär wie College Football oder College Basketball, daher haben die meisten Kandidaten für eine Profikarriere zum Zeitpunkt der Draft einen geringeren Bekanntheitsgrad als die Kollegen in den anderen Sportarten.
  • Der Weg von der Draft bis ins MLB-Team ist in aller Regel ein Prozess von einigen Jahren, in denen mehrere Stufen der Minor Leagues durchlaufen werden. Das ist in der NFL, der NBA und der NHL anders; dort erwartet man von den Top-Draftpicks, dass sie vom ersten oder spätestens vom zweiten Jahr an das Team verstärken.
  • Durch das breite Farmsystem und den meist langen Aufenthalt in selbigem, dauert es nicht nur seine Zeit, bis man die Prospects im MLB-Team sieht, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt dazu kommt, ist auch deutlich geringer. Die meisten gewählten Spieler, auch viele Erstrundenpicks, schaffen es entweder gar nicht bis in die MLB und/oder sie wechseln während der Minor-League-Karriere (durch Trades oder die Rule-5-Draft) in eine andere Franchise. Durch diese Unwägbarkeiten entsteht seitens der Fans meist relativ wenig Identifikation mit den von ihrem Klub gedrafteten Spielern.
  • Auch der Zeitpunkt der MLB-Draft spielt eine Rolle für die relativ geringe Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird: In der NFL beispielsweise findet die Draft in der Mitte der Offseason statt und ist deren unumstrittenes Highlight, weil Ende April ansonsten absolute Saure-Gurken-Zeit für Football-News wäre. In der MLB hingegen findet die Draft mitten in der Saison statt, es wird dafür noch nicht mal eine Pause eingelegt. So tritt die MLB mit der TV-Übertragung der Draft in direkte Konkurrenz zum zeitgleich laufenden eigenen Spielbetrieb.
  • Schließlich kommt noch hinzu, dass für die MLB-Draft ausschließlich Spieler aus den USA, Kanada und US-Territorien (vor allem Puerto Rico) gewählt werden können. Damit betrifft die Draft nur einen Teil des Talentpools, während die Verpflichtung internationaler Prospects einem gesonderten Verfahren unterliegt. Auch das ist in den anderen US-Sportarten anders geregelt, in ihnen läuft auch die Verteilung internationaler Nachwuchsspieler vorrangig über die Draft.

Entsprechend wenig überraschend ist es, dass viele Baseballfans kaum einen der vor der Draft kursierenden Namen der Prospects kennen, während nahezu jeder Footballfan schon Wochen vor der NFL-Draft seine persönliche Mockdraft (also eine Prognose, welcher Spieler wann von welchem Team gewählt wird) mindestens für die erste Runde pflegt. Mir geht es selbst auch nicht anders, aber ein paar Namen habe ich dann doch aufgeschnappt:

Die mit Abstand größte Aufmerksamkeit bekommt im Vorfeld dieser Draft Hunter Greene. Greene überzeugte in der Notre Dame California High School sowohl als rechtshändiger Pitcher als auch als Hitter und Infielder; für seine Zukunft als Profi wird er aber klar als Pitcher vorgesehen. Mit seinen 17 Jahren wirft er bereits regelmäßig über 100 mph schnelle Fastballs, hat zudem einen soliden Slider und einen ordentlichen Changeup im Repertoire und übt trotz seiner hohen Pitchgeschwindigkeit so viel Kontrolle aus, dass er nur wenige Walks verursacht.

Obwohl Greene in aller Munde ist und überwiegend als das größte Talent dieser Draft angesehen wird, gilt es als längst nicht gesichert, dass die Minnesota Twins ihn heute Nacht als ersten Pick der MLB-Draft 2017 aufrufen. Greene wird angesichts seiner Jugend und fehlenden College-Erfahrung einige Jahre brauchen, bis er zum fertigen Spieler gereift ist, und in diesen Jahren kann viel passieren. Daher ist durchaus denkbar, dass die Twins sich für eine risikoärmere Variante in Form eines College-Spielers entscheiden.

Wenn das der Weg ist, den die Twins gehen, dann sind wohl Linkshänder Brendan McKay (Louisville) und Rechtshänder Kyle Wright (Vanderbilt) die Favoriten auf den #1-Pick. McKay ist insofern ein interessanter Fall, als er sowohl als First Baseman als auch als Pitcher als Top-Talent eingestuft wird und es wahrscheinlich vom jeweiligen Team abhängt, in welche Richtung man ihn entwickeln wird. Die Prognose ist, dass die Twins, die Reds (#2) oder die Padres (#3) ihn eher als Pitcher draften würden, die Braves (#4) oder die Rays (#5) eher als Hitter. Wright hingegen gilt unter den Top-Prospect dieses Jahres als die verlässlichste Größe – das Team, das ihn draftet, erhält einen Pitcher, der vom Potenzial vielleicht nicht ganz mit McKay oder Greene mithalten kann, jedoch in Vanderbilt in der SEC bereits auf einem Niveau entwickelt wurde, das bestmöglich auf den zügigen Übergang zur MLB vorbereitet. Aus Vanderbilt kommt auch Jeren Kendall, der gute Chancen hat, als erster Outfielder der diesjährigen Draft gewählt zu werden.

Weitere hoch gehandelte Kandidaten aus der High School sind LHP Mackenzie Gore (Whiteville High School) und SS/OF Royce Lewis (JSerra Catholic High School). Wie bei Greene ist auch bei ihnen die Frage, auf wieviel Risiko und Wartezeit sich das draftende Team einlassen möchte, um sich dafür mit der Sicherung von Top-Talenten ohne Umweg über ein College zu belohnen.

Die Draft findet von heute Nacht bis Mittwoch statt, die 75 Picks des ersten Tages werden einschließlich Vorbericht ab Mitternacht auf mlb.com gestreamt. Auch die Runden 3 bis 10 an Tag 2 werden Dienstag ab 13 Uhr übertragen, die Runden 11 bis 40 an Tag 3 gibt es am Mittwoch ab 18 Uhr unserer Zeit als Radiostream.

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