Dezember 18th, 2018 by Silversurger

Zum Abschluss der Ballparks-Serie für dieses Jahr stelle ich ein Stadion vor, das ein bisschen aus der Reihe fällt: Marlins Park in Miami ist der einzige MLB-Ballpark der letzten knapp 30 Jahre, der architktonisch nicht dem verbreiteten Retro-Stil folgt. Der Park wurde an der Stelle des alten Orange-Bowl-Stadions gebaut, in dem die College-Footballer der Miami Hurricanes und früher auch die Miami Dolphins aus der NFL spielten. Seit 2012 ist der Park Heimat der Miami Marlins.

Geschichte
Die Hurricanes und die Dolphins spielen heute in einem anderen Football-Stadion, das nach mehreren Namenswechseln inzwischen Hard Rock Stadium heißt. Ab ihrer Gründung im Jahr 1993 bis 2011 trugen dort auch die Marlins ihre Heimspiele aus, aber ganz glücklich war man mit der Situation nie. Die Form, die Farbgebung, die auf dem Feld sichtbaren Markierungen – alles signalisierte, dass dieses Stadion primär einer anderen Sportart gewidmet war.

Spätestens ab Ende der 90er Jahre wurde in Miami der Neubau eines reinen Baseballstadions diskutiert, doch wie an vielen anderen Orten gab es politische Kontroversen insbesondere um den Standort und die Finanzierung. Erst als 2007 die Hurricanes ankündigten, aus dem Orange Bowl auszuziehen, stand ein Ort für den neuen Ballpark zur Verfügung, auf den man sich einigen konnte. Dass die Baukosten von 634 Millionen Dollar zu gut 80% durch County und Stadt öffentlich finanziert wurden – mit Geld, das die klammen Kommunen gar nicht hatten –, führte bis zuletzt zu Protesten. Es änderte aber nichts mehr daran, dass im Juli 2009 mit dem Bau begonnen wurde.

Der erste Pitch in Marlins Park am 4. April 2012 (1)

Am 5. März 2012 hatten die Schülermannschaften der Christoph Columbus Highschool und der Belen Jesuit Preparatory School die besondere Ehre, das erste Spiel im neu erbauten Ballpark austragen zu dürfen. Das offizielle Eröffnungsspiel fand am 4. April statt. Nach dem zeremoniellen Pitch von Muhammad Ali spielten die Marlins vor 36.601 Zuschauern im ausverkauften Haus gegen die St. Louis Cardinals. Die Cardinals stahlen ein bisschen die Show, in dem sie in Person von Carlos Beltran den ersten Hit und den ersten Run erzielten und schließlich 4:1 gewannen.

Das bisherige Highlight in der Geschichte von Marlins Park war, 2017 Austragungsort des All-Star-Spiels der MLB sein zu dürfen. Ein Playoffspiel fand in dem Stadion bisher nicht statt, denn die Marlins haben sich seit ihrem World-Series-Sieg von 2003 noch nicht wieder für die Postseason qualifiziert.

Architektonische Auffälligkeiten
Das auf Stadien spezialisierte Architektenbüro Populous, das für die meisten der in den letzten Jahrzehnten errichteten Retro-Ballparks verantwortlich zeichnet, durfte in Miami beweisen, dass es stilistisch auch ganz anders kann: Hinter viel Stahl, Aluminium, Glas und modernem Stuck verbindet Marlins Park Elemente abstrakter zeitgenössischer Kunst mit Anspielungen auf den multikulturellen Charakter der Region, auf das tropische Klima und auf die beiden Footballstadien, die die Geschichte des Teams und des Standorts geprägt haben. 

Die Fassade von Marlins Park (2)

Das Gebäude ist voll klimatisiert und sowohl mit einem einfahrbaren Dach als auch mit einfahrbaren Glaswänden hinter dem Outfield ausgestattet. Auf diese Weise bleibt der Blick auf die Stadt erhalten, man ist aber gleichzeitig geschützt gegen die feuchte Hitze, den häufigen Regen und sogar gegen Hurricanes (die Wirbelstürme, nicht die College-Footballer).

Hinter dem Leftfield wird dem Strandleben gehuldigt in Form einer Beachbar mit Swimmingpool. Hinter der Homeplate sind zwei tropische Aquarien ins Gebäude integriert, durch Spezialglas geschützt vor Foulballs und verfehlten Pitches.

Ein sehr kontrovers diskutiertes Feature ist die von Red Grooms entworfene Homerun-Skulptur. Der damalige Teambesitzer Jeffrey Loria ließ das 2,5 Millionen Dollar teure Kunstwerk zur Eröffnung des Ballparks aufstellen, der heutige (Mit-)Besitzer Derek Jeter möchte es gerne loswerden. Das ist verständlich, denn zum einen gilt die Installation als Erinnerungsstück an Loria, der unter den Fans sehr unbeliebt war. Zum anderen kann man es kaum durch die Blume sagen: Das Ding ist furchtbar kitschung und schlichtweg potthässlich. Trotz Widerspruch von Grooms hat Jeter kürzlich die nötige Zustimmung der County-Verwaltung erhalten, dass die Skulptur aus dem Stadion entfernt und in den Außenbereich verlegt werden darf.

Geschmackssache (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Marlins Park gehört eindeutig zu den pitcherfreundlichen Stadien der MLB. Das macht sich in den Ballpark-Faktoren vor allem in der Form bemerkbar, dass die Wahrscheinlichkeit für Homeruns geringer ist als in den meisten anderen Ballparks – 2018 sogar geringer als in jedem anderen Ballpark.

Vielleicht hat sich manch ein Batter von der Hässlichkeit der Homerun-Skulptur davon abhalten lassen, mehr Bälle über den Zaun zu schlagen. Der wichtigere Grund für die niedrige Homerunzahl dürften allerdings die Ausmaße des Spielfelds sein. Diese wurden vor zwei Jahren etwas korrigiert, insbesondere durch Verkürzung des Centerfields von 418 Fuß (127 Meter) auf 407 Fuß (124 Meter), gehören aber immer noch zu den größten der Liga.

Wo sitzt man am besten?
Um es positiv zu formulieren: Die Verfügbarkeit von Tickets ist in Miami in aller Regel kein Problem. Eine Auslastung über 60% hatte das gut 36.000 Zuschauer fassende Stadion bislang nur in seiner Eröffnungssaison aufzuweisen. 2018 gingen die schon vorher niedrigen Besucherzahlen noch einmal dramatisch zurück: Nur noch 10.000 Menschen wollten sich im Durchschnitt die Spiele des radikal entkernten und nicht konkurrenzfähigen Teams ansehen. Am Stadion dürfte es am wenigsten gelegen haben, denn dieses bietet diverse Annehmlichkeiten und gute Sicht auf das Spielfeld auch von den günstigen Plätzen. Dadurch, dass es bei heißem Wetter in der Regel geschlossen ist, wird man auch nirgends von der Sonne gebraten oder geblendet.

Wer sich die besten Plätze ganz nah am Feld gönnen möchte, sollte ein Auge auf die ungewöhnliche Nummerierung der Sitze haben: Die vordersten Reihen sind mit Buchstaben bezeichnet, unten beginnend mit A. Je nach Bereich kann es sein, dass die mit der Zahl 1 versehene Reihe tatsächlich erst ungefähr die zehnte Reihe von unten ist. Die Buchstabenreihen in den Bereichen Home Plate Box 11-18 sind sehr nah am Geschehen und lassen sich regulär ab 60 Dollar bekommen, bei unattraktiven Zeiten und Gegnern aber auch sehr viel günstiger über die gängigen Weiterverkaufsplattformen.

Als preiswerte Alternative bieten sich die Bereiche Bullpen Reserved 28-32 und 38-40 an. Für die größere Entfernung zum Infield wird man neben niedrigen Preisen ab 10 Dollar dadurch entschädigt, dass man direkt in die Bullpens schauen und mit etwas Glück auch den einen oder anderen Ball abstauben kann.

Panorama aus dem Outfield bei geschlossenem Dach (3)

(1) Quelle: Wikimedia, Urheber: Roberto Coquis (CC BY 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: Dan Lundberg (CC BY SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Dan Lundberg (CC BY SA 2.0)
(4) Quelle: Flickr, Urheber: Jared (CC BY 2.0)

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