Juni 9th, 2020 by Silversurger

Letzte Woche habe ich mich dazu hinreißen lassen, Tropicana Field als das „wohl unbeliebteste Stadion der Liga“ zu bezeichnen. Ganz falsch lag ich damit vermutlich nicht, aber es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass es im Wettbewerb um diese Negativ-Auszeichnung einen aussichtsreichen Konkurrenten gibt. Die Rede ist vom Oakland-Alameda County Coliseum oder kurz: Oakland Coliseum, der Heimstätte der Oakland Athletics.

Oakland Coliseum aus der Vogelperspektive (1)

Geschichte
Tropicana Field und das Coliseum haben äußerlich nicht viel gemeinsam, aber sie teilen eine ähnliche Entstehungsgeschichte: Beide Stadien wurden geplant und gebaut, um eine noch nicht vorhandene Major-League-Franchise in die jeweilige Stadt zu locken.

In Oakland bestand spätestens seit 1958, als in San Francisco die Giants und in Los Angeles die Dodgers einzogen, der große Wunsch nach einem eigenen MLB-Team. Um dafür die Voraussetzung zu schaffen, wurde 1960 ein Komitee aus einflussreichen lokalen Geschäftsleuten gegründet, das die Planung und Umsetzung einer geeigneten Sportstätte zum Ziel hatte. Befeuert wurde das Ansinnen dadurch, dass im selben Jahr die American Football League die Oakland Raiders gründete und dass die MLB ab 1961 Oakland offiziell als Wunschort einer kommenden Erweiterung der Liga ausgab. Das neue Stadion wurde als Multifunktionsarena geplant, um sowohl die Footballer als auch die Baseballer beherbergen zu können.

Durch die Standortsuche sowie diverse rechtliche und finanzielle Klärungsbedarfe verzögerte sich der für 1962 geplante Baubeginn um zwei Jahre. Während der tatsächlichen Bauphase von 1964 bis 1966 wurde weiterhin verstärkt um ein MLB-Team geworben. Die Cleveland Indians galten zwischenzeitlich als heißer Kandidat, blieben dann aber doch am bisherigen Standort. Erst zwei Jahre nach Eröffnung des Coliseums hatten die Bemühungen schließlich Erfolg in der Form, dass die bisherigen Kansas City Athletics nach Oakland um- und in das Coliseum einzogen.

Bis 2019 – mit einer Unterbrechung von 1981 bis 1995 – teilten die Athletics sich das Coliseum mit den Oakland Raiders sowie für einige Jahre mit anderen Football- und Fußballmannschaften. Nach dem Wechsel der Raiders nach Las Vegas haben die Athletics in der MLB-Saison 2020, sofern sie irgendwann stattfindet, das Stadium ganz für sich. Immerhin gibt es dann keine Footballmarkierungen mehr auf dem Feld, aber glücklich werden sie mit der Spielstätte, in der sie die World Series 1972, 1973, 1974 und 1989 gefeiert haben, deswegen sicher nicht sein. Das Coliseum gilt schon lange in vielerlei Hinsicht als veraltet. Mit einer bloßen Renovierung wäre es nicht getan, allein schon weil der Bau auf mehrere Sportarten mit ganz unterschiedlichen Feldmaßen und -dimensionen ausgelegt ist und dadurch keiner der Sportarten wirklich gerecht wird.

Seit mittlerweile 15 Jahren läuft nun schon die Planung und Standortsuche für einen neuen Ballpark. Ende 2018 sah es so aus, als würden endlich Nägel mit Köpfen gemacht. Am Howard-Terminal in der Nähe des Hafens von Oakland sollte ein Ballpark für 34.000 Zuschauer gebaut werden. Doch diverse Hürden haben die Umsetzung verzögert, und ein letzte Woche gefälltes Urteil könnte dazu führen, dass der gewünschte Standort ganz aufgegeben muss. Konkret geht es darum, dass ein Gericht den Transport von Kohle vom Hafen durch die Stadt erlaubt hat und dass die damit verbundene Staub- und Verkahrsbelastung den Stadionbetrieb stören würde. Es ist zurzeit unklar, wie es weitergeht, aber das gewünschte Eröffnungsdatum 2023 scheint kaum noch umsetzbar.

Computermodell des geplanten Ballparks am Howard Terminal (2)

Architektonische Auffälligkeiten
Der erste Eindruck, wenn man Oakland Coliseum von außen sieht, ist, dass es für ein Stadion außergewöhnlich niedrig erscheint. Das liegt daran, dass das Coliseum ein Stück weit „eingegraben“ ist. Das Spielfeld liegt gut 6 Meter unter Meereshöhe. Die Ebene, auf der man das Gebäude betritt, ist der obere Rand der unteren Sitztribünen. Da zudem rundum ein Hügel aufgeschüttet wurde, der den oberen Teil des Stadions trägt, ist von außen nur die oberste Ebene der Tribünen zu sehen.

Im Inneren fallen zwei unschöne Features ins Auge: Zum einen weist das Coliseum durch seine Multisport-Ausrichtung das größte Foul Territory der Liga auf und dadurch auch eine entsprechend große Entfernung zwischen dem eigentlichen Spielfeld und den Zuschauerrängen. Die zweite Auffälligkeit sind die vielen ungenutzten Sitzplätze aufgrund der für Baseballspiele überdimensionierten Größe des Stadions. Rund 10.000 nachträglich installierte Sitzplätze im Centerfield werden während der Baseballspiele mit einer Plane abgedeckt. Unter Athletics-Fans wird diese Tribüne, die den einstigen Ausblick auf die Oakland Hills verbaut, verächtlich „Mount Davis“ genannt – nach Al Davis, dem früheren Owner der Raiders.

Innen-Panorama mit dem über allem thronenden, abgedeckten „Mount Davis“ (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Mit seinem symmetrischen Outfield – 400 Fuß (122m) tief im Centerfield, 330 Fuß (101m) an den beiden Außenlinien – liegt das Coliseum im Mittelfeld der MLB. Dennoch handelt es sich um einen der pitcherfreundlichsten Ballparks der Liga. Das liegt an dem bereits erwähnten riesigen Foul Territory. Dadurch, dass in den Innenraum auch ein Footballfeld passen muss, liegen vor allem zwischen dem Infield und den Tribünen große Flächen brach. Dadurch werden viele Foulballs, die woanders zum Zuschauer-Souvenir würden, im Coliseum für Outs gefangen.

In jenem Foul Territory liegen übrigens auch die Bullpens – eine weitere Eigenheit, die das Coliseum mit Tropicana Field teilt. Pitcher und Catcher im Bullpen müssen jederzeit mit heranfliegenden Bällen sowie mit dahinter her hechtenden Feldspielern rechnen. Nur wenn ein Ball unter oder hinter den Sitzen oder Ausrüstungsgegenständen im Bullpen landet oder die Umpires ihn aus anderen Gründen für unspielbar halten, wird er als „out of play“ gewertet.

Wo sitzt man am besten?
Die Athletics spielen meistens besser und erfolgreicher als die Experten es vor der Saison prophezeien. Dennoch – und trotz der erwähnten Abdeckung von tausenden Plätzen – lag die Auslastung der Zuschauerkapazitäten in den letzten Jahren nur zwischen 50 und 60 Prozent. Somit ist es in der Regel kein Problem, über den offiziellen Verkauf an Tickets heranzukommen oder über Wiederverkaufsplattformen ein Schnäppchen zu machen.

Wie in jedem Ballpark gilt, dass die besten Plätze möglichst weit unten und möglichst nah an der Homeplate liegen. Im Coliseum gilt das noch ein bisschen mehr als in anderen Stadien, weil durch das ausgreifende Foul Territory eine größere Grundentfernung zwischen Spielfeld und Tribünen besteht als anderswo. Aus diesem Grund sollte man das dritte Level möglichst meiden. Für 30 bis 50 Dollar kann man auf der unteren Ebene zwischen den Dugouts sitzen (Blöcke 112-122), eine Ebene höher (212-222) kosten die Tickets 10-15 Dollar weniger.

Ein schattiges Plätzchen ist bei sonnigen Mittags- oder Nachmittagsspielen im Oakland Coliseum recht schwer zu finden. Am ehesten gelingt das in den obersten drei bis vier Reihen der genannten Blöcke durch den Überhang der jeweils höheren Ebene.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: Thomas Hawk (CC BY-NC 2.0)
(2) Quelle: Wikipedia, Urheber: Bjarke Ingels Group
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Malingering (CC BY-NC-ND 2.0)

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