Februar 16th, 2021 by Silversurger

In den Minor Leagues wird dieses Jahr vieles anders sein als sonst. Anders als im letzten Jahr sowieso, denn während die MLB bekanntlich eine stark verkürzte Saison durchgezogen hat, ist die Minor-League-Saison 2020 komplett der Pandemie zum Opfer gefallen. 2021 soll nach dem Willen aller Beteiligten auf jeden Fall wieder gespielt werden, natürlich mit entsprechenden Hygienekonzepten. Aber keine Angst, in diesem Artikel geht es nicht schon wieder um Corona. Stattdessen möchte ich einen massiven Einschnitt in die Struktur der Minor Leagues vorstellen, der auch ohne die Pandemie angestanden hätte. Die Beschäftigung mit dem Thema geht auch auf eine Anregung zum Offseason-Wunschkonzert zurück – vielen Dank dafür an Leser Bat-Man!

Die wichtigste Änderung besteht darin, dass mehr als 40 der bisher 160 Minor-League-Teams ab diesem Jahr nicht mehr dabei sind. Einige dieser Teams wurden komplett aufgelöst, zum Beispiel die Staten Island Yankees (bisher Affiliate der New York Yankees). Die meisten Teams machen in irgendeiner Form weiter, hier nur ein paar Beispiele: Die Missoula PaddleHeads (bisher Affiliate der Arizona Diamondbacks) wechseln mit der gesamten Pioneer League in den Independent-Status; das heißt sie spielen ohne direkte Anbindung an das System der Major und Minor Leagues auf halbprofessionellem Niveau weiter. Andere wie z. B. die Frederick Keys (bisher Affiliate der Baltimore Orioles) treten künftig in einer „Draft League“ an, die Nachwuchsspielern dazu dient, vor der jährlichen Spielerauswahl ihr Können unter Beweis zu stellen. Drei bislang unabhängige Teams wurden neu in das Minor-League-System aufgenommen: die St. Paul Saints als AAA-Affiliate der Minnesota Twins, die Sugar Land Skeeters als AAA-Team der Houston Astros und die Somerset Patriots als AA-Ableger der New York Yankees.

Die Schließungen oder Herabstufungen von einem Viertel der Minor-League-Klubs sind natürlich traurige Nachrichten für die Angestellten und Fans der betreffenden Teams, die oft auf eine jahrzehntelange Tradition zurückblicken. Die Argumentation der MLB ist, dass die Verschlankung dazu beiträgt, die verbleibenden Minor-League-Klubs profitabler zu machen und die oft beklagten Reise- und Einkommensbedingungen der Spieler zu verbessern. Auch die Reisestrecken zwischen den Minor-League-Filialen und den MLB-Klubs wurden reduziert: Nach Angaben der Liga sind die AAA-Teams ab diesem Jahr durchschnittlich 200 Meilen näher an ihrem Mutterverein als bisher.

Zugute halten muss man dem Umbau der Minor Leagues zudem, dass er für klarere Strukturen und etwas mehr Gerechtigkeit in dem Sinne sorgt, dass jetzt jedes MLB-Team gleich viele Minor-League-Filialen hat. Bislang unterhielten einige Franchises mehrere MiLB-Ableger auf demselben Niveau, ab diesem Jahr sind es einheitlich je ein AAA-Team, ein AA-Team, ein High-A-Team und ein Low-A-Team. Zusätzlich dürfen Rookie-Teams in den Spring-Training-Einrichtungen sowie in der Dominican Summer League betrieben werden. Die Ligen, die im Minor-League-System geblieben sind, wurden folgendermaßen eingeteilt – ob es bei der eher farblosen Benennung der Ligen bleibt oder noch „richtige“ Namen vergeben werden, steht übrigens noch nicht fest: 

AAA oder Triple-A ist die höchste Stufe der Minor Leagues und besteht aus zwei Ligen, der Triple-A East mit 20 und der Triple-A West mit 10 Teams.

Die zweithöchste Stufe ist AA oder Double-A. Auf diesem Niveau spielen die Double-A Central mit 10, die Double-A Northeast mit 12 sowie die Double-A South mit 8 Teams.

High-A, auch Class A Advanced oder A+ genannt, besteht ab diesem Jahr aus High-A East, High-A Central (je 12 Teams) und High-A West (6 Teams).

Die Low-A East mit 12, die Low-A Southeast mit 10 und die Low-A West mit 8 Teams bilden die auch Single-A oder einfach Class A genannte Stufe.

Eine komplette Übersicht aller 120 Minor-League-Teams und ihrer Zuordnung zu den MLB-Teams findet ihr hier.

Von Low-A bis AAA werden normalerweise 140-Spiele-Saisons gespielt, also ein Pensum sehr nah an den in der MLB üblichen 162 Spielen. Die Rookie-Ligen haben eine deutlich kürzere Spielzeit; sie umfassen in der Regel 60 Spiele von Mitte Juni bis Ende August oder Anfang September.

Ein Starttermin der Minor Leagues in diesem Jahr steht noch nicht fest. Zumindest die Ligen unterhalb Double-A müssen mit einem verspäteten Beginn rechnen, weil sie wegen der Corona-Maßnahmen ihr Spring Training erst dann aufnehmen können, nachdem die MLB-Teams ihres beendet haben.

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Januar 30th, 2021 by Silversurger

Dass hinter einem MLB-Team ein riesiger personeller und organisatorischer Apparat steht, ist uns allen klar. Aber wie groß ist dieses „Team hinter dem Team“ tatsächlich und welche Rollen und Aufgaben umfasst es im Einzelnen? Diese Frage hat Baseblog-Leser Maik im Offseason-Wunschkonzert gestellt und ich fand sie so interessant, dass ich ihr nachgegangen bin.

Bei der Recherche wurde mir schnell klar, dass die Frage nicht leicht zu beantworten ist. Informationen in Hülle und Fülle finden sich in erster Linie über das spielende Personal: Das aktive Roster eines Teams am Spieltag umfasst 26 Spieler, der erweiterte MLB-Kader 40 Spieler, in einer kompletten Franchise inklusive Minor Leagues sind ungefähr 200 bis 300 Baseballer aktiv. Aber das wusste ich schon, die meisten von euch vermutlich auch.

Genaue und aktuelle Zahlen über das sonstige Personal der Franchises sind kaum zu finden. Auf eine direkte Nachfrage bei der MLB habe ich bisher keine Antwort erhalten. Im Zusammenhang mit den Auswirkungen von Corona war letztes Jahr die Rede von 9.000 Angestellten, die unter den Uniform Employee Contract (UEC) fallen, einen Rahmenvertrag, der alle Coaches, Scouts, Betreuer und Teile des Front-Office-Personals in den Major und Minor Leagues umfasst. Es lässt sich klar herauslesen, dass unter diesen Vertrag bei weitem nicht das gesamte Personal fällt. In einem sechseinhalb Jahre alten, aber immer noch sehr lesenswerten Artikel der Washington Post wird die Zahl der nicht-spielenden Personen, die für die Washington Nationals arbeiten, auf 1.100 beziffert. Der Artikel bietet tolle Einblicke hinter die Kulissen; eine Aufschlüsselung, wie die 1.100 Leute sich auf die verschiedenen Ebenen und Aufgabenbereiche verteilen, enthält er leider nicht.

Eine hilfreiche Quelle, um einen Überblick über einen Großteil der verschiedenen Jobs zu bekommen, sind die Media Guides der Klubs. Es handelt sich um jeweils mehrere hundert Seiten starke Informationspakete, die sich vor allem an Journalisten richten. Früher kam man da auch nur über Pressekontakte heran, aber inzwischen kann jeder die Guides problemlos als pdf im Internet finden und herunterladen, zum Beispiel hier. Zu beachten ist, dass die Media Guides von 2020 den Stand vor etwa einem Jahr abbilden. Die 2021-Versionen erscheinen Mitte März. 

Die Guides sind alle sehr ähnlich aufgebaut. Werfen wir exemplarisch einen Blick in den der Nationals, da wir über sie schon weiter oben geredet haben und sie als Team mit mittlerer Marktgröße in etwa den Durchschnitt der MLB abbilden dürften: Ab Seite 32 finden sich Übersichten zum Front-Office-Personal. An dessen Spitze, direkt unterhalb der Eigentümer um Mark und Ted Lerner, steht im Fall der Nationals Mike Rizzo als President of Baseball Operations und General Manager. Bei einigen anderen Klubs sind diese Rollen getrennt, der President of Baseball Operations ist dann der Chef des Front Offices und der General Manager sein wichtigster Mitarbeiter bei der Zusammenstellung und Verwaltung des Kaders. Mehrere Vizepräsidenten und/oder Assistenzmanager beaufsichtigen je einen Arbeitsbereich wie das Spielerpersonal, die Talentsuche und die Finanzen. Erwähnenswert sind neben dem Spielbetrieb, dem Scouting und der Spielerentwicklung vor allem die Analyseabteilung mit 12 Mitarbeitern und die medizinische Abteilung, bestehend aus 15 Personen vom Physiotherapeuten bis zum Team-Zahnarzt. 

Außerhalb der Baseball Operations, zu denen alle bisher genannten Abteilungen zählen, gehören zum Front Office unter anderem die Bereiche Ballpark Operations (= Grünpflege, Verkaufsstände, Veranstaltungen, Gästebetreuung, Security, Hausmeisterdienste), Kommunikation, IT, Finanzen, Vermarktung, Übertragungsdienste, Ticketverkäufe, Unternehmenspartnerschaften (d.h. vor allem Sponsoring) und die Verwaltung der Jugend-Baseballakademie der Nationals. 

Allein die im Media Guide aufgelisteten Mitglieder des Front Offices umfassen rund 360 Personen. Noch nicht mitgezählt sind dabei die Trainer. Die acht Leute, die ab Seite 76 des Media Guides vorgestellt werden, stellen die Grundausstattung dar, wie sie normalerweise jedes MLB-Team hat: einen Cheftrainer – im Baseball Field Manager oder einfach nur Manager genannt -, einen First Base Coach, einen Third Base Coach, einen Bench Coach, einen Hitting Coach plus Assistent sowie einen Pitching Coach plus Assistent bzw. Bullpen Coach. Hinzu kommen einige Unterstützer wie der Clubhouse Manager (das ist übrigens immer noch der im Artikel der Washington Post vorgestellte Mike „Wally“ Wallace), der Equipment Manager, ein Bullpen-Catcher, ein Batting-Practice-Pitcher und oft ein Übersetzer für die spanischsprachigen Spieler. 

Alles in allem reden wir von rund 400 Angestellten im direkten Umfeld des MLB-Teams. Zudem hat natürlich jedes Minor-League-Team der Franchise einen eigenen Trainerstab, und eine Reihe von Minor-League-Koordinatoren sorgt dafür, dass in allen Teams der Organisation nach denselben Standards und Philosophien gearbeitet wird. 

Das sonstige Personal der Minor-League-Teams – Ballpark Operations, Ticketverkäufe und so weiter – gehört nicht offiziell zur MLB-Franchise. Denn die Minor-League-Teams sind in der Regel kein Eigentum der Franchise, sondern mit dieser nur durch einen Kooperationsvertrag (Afilliation) verbunden. Die übliche Kooperation sieht so aus, dass die MLB-Franchise die Spieler und die Trainer stellt, während der Minor-League-Klub für die personelle und sonstige Infrastruktur selbst verantwortlich ist. In der von der Washington Post genannten Zahl von 1.100 nicht-spielenden Angestellten der Nationals ist vermutlich das Personal der Affiliates mitgezählt, anders dürfte man nicht auf diese Zahl kommen. 

Ich hoffe, es ist mir gelungen, zumindest einen groben Einblick in den personellen Aufbau und Umfang einer MLB-Franchise zu vermitteln. Bitte lasst mich in den Kommentaren wissen, ob diese Informationen interessant für euch sind und ob ihr möglicherweise Quellen kennt, über die man genauere Zahlen und Fakten zu dem Thema findet. 

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