Januar 12th, 2019 by Silversurger

Letzte Woche ging es an dieser Stelle um die Auswahl der Pitches. Sie ist eine der beiden großen taktischen Herausforderungen beim Pitching. Die andere besteht in der Entscheidung des Managers, wann und wie lange die vorhandenen Pitcher eingesetzt werden.

In den frühen Jahrzehnten der Baseballgeschichte stellte sich diese Frage kaum. Es gab wie heute eine Rotation aus mehreren Starting Pitchern, die sich von Spiel zu Spiel abwechselten – wobei es damals meistens drei bis vier Starter waren, während heute fünf üblich sind. Vom jeweiligen Starting Pitcher wurde erwartet, dass er das komplette Spiel absolvierte. Gewechselt wurde nur, wenn der Starter sich verletzte oder wenn seine Leistung nicht stimmte. Das änderte sich mit der Zeit mehr und mehr. Complete Games wurden immer seltener und sind inzwischen geradezu eine Rarität.

JahrComplete GamesAnteil
1898160987,4%
1918128063,0%
1938109044,6%
195874330,1%
1978103424,6%
19983026,2%
2018420,9%

Üblicherweise wird der Starter heute spätestens nach 100 bis 120 Pitches gegen einen Relief Pitcher ausgewechselt. Das ist meistens nach fünf bis sieben Innings der Fall. Für die Entwicklung hin zu kürzeren Starts sprechen zwei wichtige Argumente: Erstens ist man zunehmend zu der Einsicht gelangt, dass bei einem hohen Pitch Count die Belastung der Muskeln und Gelenke so hoch wird, dass die Effektivität der Pitches ab- und das Verletzungsrisiko für den Pitcher zunimmt. Zweitens zeigt die Erfahrung, dass die Batter umso leichteres Spiel haben, je öfter sie einem bestimmten Pitcher gegenüberstehen, weil sie sich auf diesen einstellen und in einen Rhythmus finden. Aus Sicht des verteidigenden Teams ist es daher sinnvoll, einen Wechsel vorzunehmen, nachdem der Starter zwei- bis höchstens dreimal durch das Batting Lineup gepitcht hat.

Einhergehend mit der Tendenz zu kürzeren Starts hat sich auch die Rolle der Relief Pitcher verändert. Waren sie früher schlichtweg Ersatzleute, die wenn nötig für den Starter einsprangen und das Spiel zu Ende pitchten, handelt es sich heute um Spezialisten für besondere Aufgaben und Situationen. Hier einige typische Rollen, die Relief Pitcher ausfüllen:

– Long Reliever. Er übernimmt für mehrere Innings, falls der Starter mal besonders früh ausgewechselt werden muss. In der Regel füllt diese Rolle ein Pitcher aus, der selbst Erfahrung als Starter hat und auch von Anfang an einspringen kann, wenn zum Beispiel durch Verletzungen mal eine Lücke in der Starting Rotation entsteht.

– Middle Reliever. Pitcht in der Regel ein oder zwei Innings, bevor das Spiel in die Endphase geht. Übernimmt gegebenenfalls auch mal ein spätes Inning, wenn das Spiel ohnehin weitgehend entschieden ist und man die Top-Reliever schonen will.

– LOOGY. Der Lefty-One-Out-GuY ist Spezialist für linkshändige Batter. Da im gegnerischen Lineup selten mehr als einer oder zwei davon hintereinander an der Reihe sind, ist der Auftritt des LOOGY meistens von kurzer Dauer.

– Setup-Man. In der Regel der zweitbeste Reliever der Mannschaft. Sein Job ist es, spät im Spiel – meistens im achten Inning – einen engen Spielstand zu verteidigen.

– Closer. Der zuverlässigste Reliever im Team hat die Aufgabe, das Spiel zu Ende zu bringen, vor allem wenn es sich um eine Save-Situation handelt, es also eine knappe Führung zu retten gilt.

Eine neue Entwicklung ist die Rolle des Openers. Gemeint ist damit, dass ein Pitcher das Spiel beginnt, dessen Start von vornherein nicht für einen längeren Auftritt ausgelegt ist. Die damit verbundene Taktik nennt sich Bullpenning. Anstelle des üblichen Starter-Reliever-Modells wird beim Bullpenning von Anfang an alle ein, zwei Innings der Pitcher gewechselt. Bislang handelt es sich bei dieser Art des Pitcher-Einsatzes um eine Ausnahme, aber der Trend scheint das Potenzial zu haben, sich auszuweiten. Begonnen wurde er in der vergangenen Saison von den Tampa Bay Rays und er fand direkt einige Nachahmer. Von den Oakland Athletics und den Milwaukee Brewers wurde er bereits bis in die Playoffs getragen.

Bei der Entscheidung, welcher konkrete Pitcher zum jeweiligen Zeitpunkt eingewechselt wird, kommt es neben der beschriebenen Rollenverteilung stark auf den Spielstand an. Je deutlicher die Partie bereits in die eine oder in die andere Richtung entschieden ist, desto mehr tendieren die Manager dazu, ihr schwächeres Personal einzusetzen und dieses verhältnismäßig lange im Spiel zu lassen. In engeren Spielen hingegen schaut man sehr genau auf jedes einzelne Matchup und setzt immer den Reliever ein, der gerade die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit für die nächsten ein bis drei Outs gewährt. Eine typische Matchup-Entscheidung ist, dass bevorzugt linkshändige Pitcher gegen linkshändige Batter eingesetzt werden. Bei gleichhändigen Matchups haben Pitcher den Vorteil, dass Breaking Balls sich vom Batter weg bewegen und somit schwerer zu schlagen sind als wenn die Bewegung in die andere Richtung geht. Die Händigkeit ist aber bei weitem nicht das einzige relevante Kriterium, um ein vorteilhaftes Matchup zu finden. Die Teams nutzen den riesigen Datenfundus, den es über jeden Spieler gibt, um Stärken und Schwächen aller Art aufzudecken und zu nutzen. Das kann zum Beispiel sein, dass Batter X Probleme mit Curveballs hat, dass Pitcher Y gut darin ist, Power Hitter auf Groundballs zu beschränken oder dass Runner Z regelmäßig Bases stiehlt, wenn ein Pitcher mit etwas langwierigerer Wurfbewegung auf dem Mound steht.

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Januar 5th, 2019 by Silversurger

Gleich die erste Anregung im diesjährigen Offseason-Wunschkonzert bestand in der Bitte, dass ich etwas über Taktiken im Baseballspiel schreiben soll. Das Thema gefällt mir gut und nachdem ich mich nun eine Weile damit auseinander gesetzt habe, beginne ich heute eine Reihe von voraussichtlich fünf oder sechs Artikeln dazu. Den Anfang machen Taktiken beim Pitching. Zunächst gehe ich der Frage nach, von wem und nach welchen Kriterien entschieden wird, welcher Pitch in welcher Situation geworfen wird. Im nächsten Artikel – voraussichtlich in einer Woche – beschäftige ich mich mit dem Einsatz der Pitcher vom Starter bis zum Closer.

Als Einstiegslektüre empfehle ich die Erläuterung der verschiedenen Pitcharten, die vor zwei Jahren ebenfalls als Artikelserie in diesem Blog veröffentlicht wurde. Ich habe damals acht häufig verwendete Pitches vorgestellt. In der Regel hat ein professioneller Pitcher ein Arsenal von drei bis vier davon im Repertoire. Neben der Art des Pitches ist dessen Platzierung die zweite Variationsmöglichkeit, über die man als Pitcher verfügt. Jeder Pitch zielt auf eine bestimmte Stelle innerhalb oder außerhalb der Strikezone. Der Verlauf eines Basesballspiels hängt ganz wesentlich davon ab, ob es dem Pitcher gelingt, seine Würfe so auszuwählen, dass er die Batter überraschen und verwirren kann, oder ob er für den Gegner durchschaubar ist.

Die Entscheidung, welcher Pitch geworfen und wohin er gezielt wird, wird vom Pitcher gemeinsam mit dem Catcher getroffen. Die beiden verständigen sich über verdeckte Zeichen: Der Catcher macht per Fingerzeig einen Vorschlag, den der Pitcher entweder akzeptiert oder durch ein Kopfschütteln ablehnt, um einen neuen Vorschlag zu erhalten. Üblicherweise steht ein Finger für einen Fastball, zwei Finger signalisieren einen Curveball, drei einen anderen Breaking Ball (zum Beispiel einen Slider), vier einen Changeup. Hinzu kommt ein Zeichen, auf welche Seite und welche Höhe der Pitch zielen soll. Häufig gibt es hierzu auch Vorgaben des Managers oder des Pitching Coaches. Diese werden dem Catcher vom Dugout aus per Zeichen übermittelt und von ihm an den Pitcher weitergegeben. Dafür ist ein etwas ausgefeilteres System von Signalen nötig, damit diese von den gegnerischen Battern, Runnern und Basecoaches nicht verstanden werden. Das könnte zum Beispiel so aussehen: Ein Streichen des Managers über seinen rechten Arm bedeutet, dass er einen hohen Fastball sehen will. Er verpackt diese Vorgabe, indem er vorher und nachher ein paar andere Bewegungen macht, aber der Catcher weiß, dass nur die Anweisung zählt, die der Manager direkt nach einem Griff an die Nase gibt. Wenn er sich anschließend an den Schirm seiner Kappe greift, sind alle vorherigen Anweisungen aufgehoben und es folgt ein neues Signal. Berührt er irgendwann während der Sequenz sein linkes Ohr, so ist unabhängig von allen anderen Zeichen noch einmal der gleiche Pitch zu werfen wie der letzte.

Welcher Pitch letztlich gewählt wird, hängt von diversen Faktoren ab. Einer davon sind die Stärken und Vorlieben des jeweiligen Pitchers. Jeder Pitcher möchte Outs erzielen, aber manchen gelingt das bevorzugt über Groundballs, während andere stärker auf Strikeouts und wieder andere mehr darauf zu setzen, leicht zu fangende Pop-Ups zu verursachen.

Neben den persönlichen Voraussetzungen des Pitchers spielt bei der Entscheidung für einen Pitch primär die  Spielsituation eine Rolle – der aktuelle Count, die Anzahl der Outs und der Baserunner, die bekannten Tendenzen des Batter usw. Um ein paar konkrete Beispiele zu nennen:

– Mit einem Runner auf der ersten Base und weniger als zwei Outs wünscht man sich einen Groundball, aus dem sich ein Doubleplay produzieren lässt. Dazu braucht es einen niedrigen Pitch, bei dem der Schläger die obere Hälfte des Balls trifft. Es bietet sich ein Curveball oder ein Sinker an.

– Schlägt der Batter gegen den Wind und hat daher kaum Chancen auf einen Homerun, so könnte der Pitcher darauf abzielen, dass der Ball tief getroffen wird, um hoch in die Luft zu fliegen. Dafür eignet sich ein hoher Fastball.

– Wenn ein schneller Runner vorhanden ist, der eine Base stehlen könnte, will der Catcher den Ball möglichst schnell und sicher empfangen. Es bietet sich ein Fastball an, nicht zu tief und nicht zu nah am Batter.

– Mit einem Count von 3-0 (3 Balls, 0 Strikes) oder 3-1 möchte man das Risiko vermeiden, einen weiteren Ball und damit einen Walk zuzulassen. Daher wählt man einen Pitch, den man gut kontrollieren kann, und zielt damit klar in die Strikezone.

– Steht der Count hingegen bei 0-2, so kann man sich ohne weiteres einen Ball erlauben, während der Batter keinen weiteren Strike riskieren darf. Es bietet sich ein Pitch an, der bewusst die Strikezone verfehlt, ihr aber nahe genug kommt, um den Batter zu einem Schwung zu verführen.

In den aufgeführten Beispielen scheint relativ klar zu sein, welcher Pitch jeweils sinnvoll ist. Nun kommt aber erschwerend hinzu, dass jede der angestellten Überlegungen auch dem Batter und seinen Kollegen bewusst ist. Der Pitcher muss daher nicht nur die Spielsituation berücksichtigen, sondern auch die bestehenden Erwartungen und Erwartungserwartungen. Er muss häufig genug einen anderen als den auf der Hand liegenden Pitch wählen, damit der Batter sich nie zu sicher sein kann.

Einen Sonderfall stellt eine Spielkonstellation dar, in der ein Walk aus Sicht des Pitchers das geringste Übel darstellt. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein besonders starker Batter am Schlag ist und nach ihm eine vermeintlich leichtere Aufgabe wartet. Oder wenn die zweite Base besetzt, die erste aber frei ist. In dem Fall erhöht man die Chancen, im Infield ein leichtes Out oder auch zwei zu erzielen, indem man den Batter auf die erste Base lässt. Das kann man ganz offen tun, indem man einen Intentional Walk signalisiert: Der Manager hält vier Finger in die Höhe, woraufhin der Umpire den Batter direkt zur Base schickt. Oder man wählt die Variante “half-intentional” – das heißt, man wirft bewusst Pitches außerhalb der Strikezone und überlässt es dem Batter, ob er das Geschenk annimmt oder sich an einem wenig aussichtsreichen Schwung versucht.

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Juli 18th, 2016 by Silversurger

Wenn ich in früheren Artikeln über mehr oder weniger brauchbare Pitcher-Statistiken geschrieben habe, dann ging es in erster Linie um Starting Pitcher. Heute möchte ich meinen Blick stärker Richtung Bullpen richten und ein paar Gedanken festhalten, welche Stats man heranziehen kann, um die Leistung von Relief Pitchern sinnvoll zu beurteilen.

Wins und Losses

Mein „ceterum censeo“ setze ich gleich an den Anfang: Das Zählen von Pitcher-Wins und -Losses ist für Reliever noch blödsinniger als für Starter, aber über das Thema habe ich hier eigentlich schon alles gesagt.

IP, ERA, FIP

Die wichtigsten Aufgaben eines Pitchers – in dem Punkt unterscheiden sich Reliever nicht von Startern – sind das Produzieren von Outs und das Verhindern von Runs. Das führt direkt zu Indikatoren wie Innings Pitched (IP), ERA und FIP, die ich allesamt hier erklärt habe. Einige Fallstricke machen die Interpretation dieser Zahlen jedoch für Relief Pitcher etwas schwieriger als für Starter. Zum Beispiel sind für Reliever, dadurch dass sie im Laufe einer Saison in der Regel deutlich weniger Innings pitchen als die Starter, Durchschnitts- und Anteilswerte wie ERA, FIP, HR/9% oder SO/BB% deutlich unzuverlässiger und anfälliger für Ausreißer, wenn man die Betrachtung nicht auf einen großen Zeitraum (am besten mindestens eine ganze Saison) bezieht.

Hinzu kommt, dass man erst mal identifizieren muss, wer überhaupt als Reliever gelten soll. Wählt man die Relief-Pitcher-Tabelle auf Baseball-Reference und sortiert sie nach IP, so stellt man fest, dass auf den ersten vierzig Plätzen ausnahmslos Pitcher stehen, die auch Spiele gestartet haben. Da steht Tanner Roark ganz oben mit 124.2 IP, was im Zusammenhang mit Relief Pitching völlig in die Irre führt, weil er in seinen zwanzig Spielen dieses Jahr nur ein einziges mal als Reliever auftrat. Fangraphs hingegen bezieht in die Standardtabelle ausschließlich die Relief-Einsätze ein, was für unsere Zwecke informativer ist. Hier sieht man auf den ersten Blick, dass Brad Hand (Padres) diese Saison bisher von allen Relief Pitchern die meisten Outs produziert hat und dass Brad Brach (Orioles) ein ganz fantastisches Jahr hat, in dem er nicht nur die zweitmeisten Relief-Innings gepitcht hat, sondern in diesen mit 0.88 ERA auch extrem dominant war.

Eine interessante Möglichkeit, um Spezialistenpitcher wie LOOGYs (Lefty One-Out GuYs) zu identifizieren und zu beurteilen, sind Split-Statistiken, also Statistiken, die die üblichen Werte wie ERA, FIP etc. getrennt nach bestimmten At-Bats – in dem Fall solche gegen linkshändige Batter – darstellen. Leider gibt es Übersichtstabellen mit Linkshänder-/Rechtshändersplits auf den mir bekannten Statistikseiten nicht gesondert für Relief Pitcher. Das ist sehr schade, denn gerade dafür wären sie besonders brauchbar. So bleibt einstweilen nichts anderes übrig, als erstens weiter Ausschau zu halten, ob es nicht doch eine Seite gibt, die diese Aufgliederung anbietet (wenn ihr eine kennt, sagt mit bitte Bescheid!), und zweitens für die Zwischenzeit die verfügbaren Split-Tabellen entweder manuell durchzublättern oder gezielt nach Spielern zu durchsuchen, die man auf andere Weise als potenzielle LOOGYs identifiziert hat. Sehr verdächtig sind in diesem Sinne all jene Spieler, bei denen eine große Anzahl von Spielen mit einer vergleichsweise kleinen Anzahl von Outs bzw. Innings einhergeht: Vergleicht man hier Spalte G mit Spalte IP, so stößt man schnell auf Kandidaten wie Josh Osich (Giants), Zach Duke (White Sox), Jerry Blevins (Mets) oder Marc Rzepczynski (Athletics) und beim Betrachten ihrer Split-Statistiken zeigt sich, dass diese Reliever bei ihren meist kurzen Einsätzen tatsächlich überproportional häufig gegen Linkshänder antreten dürfen.

Saves

Ausschließlich für Relief Pitcher und zwar in erster Linie für Closer gibt es die statistische Kategorie des Saves. Einen Save kann pro Spiel nie mehr als ein Pitcher verdienen. Das tut er, indem er für sein Team das letzte Aus im Spiel produziert, ohne selbst den Win zugerechnet zu bekommen, sofern er eine von drei weiteren Bedingungen erfüllt: entweder er kommt ins Spiel mit einer Führung seines Teams von höchstens drei Runs und pitcht selbst mindestens ein Inning lang; oder er kommt ins Spiel mit dem potenziell ausgleichenden Run auf Base, am Schlag oder on Deck; oder er pitcht mindestens drei Innings lang.

Der Save ist ein Indikator für die Erfüllung einer sehr wichtigen Aufgabe, weist aber auch einige Schwächen und Tücken auf. Die erste Tücke ist, dass Saves oft missverstanden werden als das Qualitätskriterium für Relief Pitcher, was natürlich insofern Unsinn ist, als Saves eben nur in Save-Situationen verdient werden können, in welche viele Relief Pitcher im Rahmen der Aufgabenverteilung selten oder nie kommen. Eine weitere Tücke ist, dass beim Zählen von Saves unberücksichtigt bleibt, dass die Häufigkeit und Schwierigkeit der Save-Situationen vom Team abhängen. Das verzerrt die Wahrnehmung vor allem dann, wenn nur auf die Absolutzahl der Saves geschaut wird und nicht auf den Anteil erfolgreicher Saves an allen Save-Möglichkeiten. Ein brauchbares Bild von der Leistung eines Closers ergibt nur beides zusammen.

Die beiden erfolgreichsten Closer der laufenden Saison haben bislang perfekte Arbeit bei jeder ihrer Save-Gelegenheiten geleistet: Jeurys Familia (Mets) hat 32 Saves aus ebenso vielen Chancen gemacht, Zach Britton (Orioles) 29 aus 29. Auch A. J. Ramos (Marlins) bringt es auf 29 Saves, er hatte jedoch bereits eine verpatzte Save-Gelegenheit, einen Blown Save. Den Rekord für die meisten Saves in einer Saison (62 im Jahr 2008) hält Francisco Rodriguez (damals Angels, heute Tigers), die meisten Saves insgesamt gehen auf das Konto von Mariano Rivera (Yankees) mit 652.

Holds

Da Saves in erster Linie für Closer erreichbar und damit auch nur für sie sinnvoll interpretierbar sind, gibt es als Ergänzung die (im Gegensatz zum Save nicht offizielle) Statistik über Holds. Ein Hold ist prinzipiell das gleiche wie ein Save mit dem einzigen Unterschied, dass der betreffende Pitcher nicht das Spiel beendet, sondern bei fortbestehender Führung seines Teams ausgewechselt wird. Einen Hold können sich in einem Spiel mehrere Pitcher verdienen. Durch den Einbezug von Holds wird der Blick auf die Relief Pitcher etwas breiter, wobei auch hier durch die Anwendung größtenteils identischer Kriterien wie beim Save der Schwerpunkt auf den späteren Innings liegt. Holds verdienen sich somit in erster Linie Setup-Pitcher, also die Pitcher, die direkt vor dem Closer – typischerweise im achten Inning – zum Einsatz kommen.

Die meisten Holds in der MLB-Geschichte hat Matt Thornton (White Sox u. a., heute Padres) erzielt, die meisten Holds in einer Saison verzeichneten Joel Peralta (Rays) 2013 und Tony Watson (Pirates) 2015 mit jeweils 41. In der aktuellen Saison wird die Statistik von Dellin Betances (Yankees) mit 22 Holds angeführt.

Fazit

Für die Reliever gilt noch stärker als für die Starter, dass nur ein Bündel von verschiedenen Indikatoren ein einigermaßen umfassendes und ausgeglichenes Bild ergibt, vor allem weil die Reliever sich in diverse Spezialaufgaben aufgliedern. So lohnt sich für Closer der Blick auf Saves, für Setup-Pitcher der Blick auf Holds, für linkshändige Spezialisten sind vor allem die entsprechenden Splits gegen linkshändige Batter interessant, für Long Reliever hingegen vor allem die IP usw. Hinzu kommen übergreifende Maße wie ERA und FIP, die für alle Pitcher relevant sind – vorausgesetzt, die Fallzahlen bzw. Zeiträume sind groß genug, um verlässliche Zahlen zu erhalten.

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Juni 28th, 2016 by Silversurger

Wie am Ende meines Rants gegen Pitcher-Wins versprochen, werde ich heute auf ein paar Pitcher-Statistiken eingehen, die ich sinnvoll finde – manche mehr, manche weniger, aber auf jeden Fall alle deutlich mehr als die Win-Loss-Bilanz. Ich konzentriere mich auf Aussagen über starting Pitcher. Einiges davon lässt sich auch auf Reliefer übertragen, aber mit denen beschäftige ich mich ein andermal gründlicher.

Es gibt haufenweise Zahlen, die uns etwas über Pitcher sagen – zum Beispiel die Anzahl von Strikeouts, von erlaubten Walks, Hits und Homeruns sowie diverse Verhältnisse dieser Zahlen zueinander, die Auswahl und Geschwindigkeit der Pitches und so weiter. Das alles sind interessante Informationen, aber im Endeffekt bemisst sich die Leistung eines Pitchers an genau zwei Fakten. Erstens: Wie viele Outs produziert er? Zweitens: Wie viele Runs lässt er dabei zu?

Innings Pitched

Outs werden üblicherweise in Form von Innings Pitched (IP) gezählt. IP sind nichts anderes als die produzierten Outs multipliziert mit drei. Dabei werden alle Outs mitgerechnet, die auftreten während der betreffende Pitcher auf dem Mound steht, unabhängig von dessen konkreter Beteiligung. Insbesondere für Starter sind IP eine sehr aussagekräftige Zahl, schließlich ist es deren Hauptaufgabe, ihr Team möglichst lange im Spiel zu halten. Derzeit gilt es als sehr guter Wert, wenn man es pro Saison auf über 200 IP bringt. 2015 gelang dies 28 MLB-Pitchern, angeführt von Clayton Kershaw mit 232.2 IP (.2 bedeutet in dem Fall, dass er zwei Outs mehr als 232 Innings verantwortet hat). Auch für 2016 führt Kershaw in dieser Statistik mit bislang 121.0 IP.

In der Karriere-Rangliste führt, wahrscheinlich für alle Zeiten uneinholbar, der legendäre Cy Young mit 7.356 IP. Dazu muss man sagen, dass zu seiner Zeit um das Jahr 1900 die Pitches mit deutlich geringerer Belastung für den Ellenbogen geworfen wurden, dass Complete Games und kürzere Starterrotationen üblich waren und dass bis 1892 nur 50 Fuß weit gepitcht wurde anstelle der seitdem bis heute üblichen 60 Fuß und 6 Zoll. Angesichts der Entwicklung des Spiels hin zu weniger Innings und längeren Erholungsphasen für die Starter ist es nicht überraschend, dass sich in den historischen Top-200 nur zwei noch aktive Pitcher finden. Es handelt sich um Bartolo Colon mit 3068.2 IP auf Platz 126 und um C. C. Sabathia mit 3058.1 IP auf Platz 128. Die meisten IP in einer Saison gelangen 1879 Will White mit 680.0. Man muss sehr lange blättern, um in der Liste einen Wert aus der „modernen Ära“ des Baseballs zu finden und schließlich bei Wilbur Wood im Jahr 1972 mit 376.2 IP zu landen. Steve Carlton (304.0) war 1980 der bislang letzte Pitcher mit über 300 IP.

(Earned) Run Average

Zugelassene Runs kann man natürlich einfach so zählen, allerdings sind sie für sich genommen wenig aussagekräftig. Das dürfte unmittelbar einleuchten, denn natürlich hat man lieber einen Clayton Kershaw auf dem Mound, der in 121 Innings 25 Runs zugelassen hat, als zum Beispiel seinen Teamkollegen Ross Stripling mit 24 Runs in 45.2 Innings. Man sollte also beide Zahlen, die Runs und die Innings, zueinander ins Verhältnis setzen, um eine gute Aussage über die Qualität eines Pitchers zu erhalten. In der einfachsten Form landet man damit beim Run Average (RA), also der Anzahl von Runs, die der betreffende Pitcher durchschnittlich in 9 Innings zulässt.

Um die Leistung des Pitchers etwas unabhängiger von der Qualität seiner Mitspieler beurteilen zu können, wird üblicherweise eine korrigierte Variante dieses Indikators verwendet, der sogenannte Earned Run Average (ERA). Dieser errechnet sich wie der RA, indem man die erlaubten Runs durch die IP teilt und das ganze mal neun nimmt. Der Unterschied besteht darin, dass in der Berechnung von ERA die Runs nicht mitgezählt werden, die durch Errors oder vom Catcher verpasste Bälle (passed Balls) erzielt werden. Das klingt einerseits sinnvoll, ist andererseits aber mit Recht umstritten, denn die vorgenommene Korrektur unterstellt zwei Dinge: erstens dass der Einfluss der Mitspieler „nur“ in Errors und passed Balls besteht – was nicht stimmt, denn zum Beispiel die Reichweite der Fielder, deren Fähigkeit, Double Plays auszuspielen und Base-Stealer auszuwerfen, spielen ebenfalls eine große Rolle; zweitens dass der Pitcher für Runs nach Errors und passed Balls keine Verantwortung trägt – was ebenfalls oft nicht der Fall ist, denn meistens trägt der Pitcher zu dem Run bei, indem er entweder den scorenden Spieler zuvor per Walk oder Hit auf Base gelassen hat oder indem er zum Beispiel den Hit zulässt, der einen durch Error im Spiel befindlichen Spieler nach Hause bringt. Als drittes Defizit kommt noch hinzu, dass Errors auf einer subjektiven, durchaus unterschiedlich gehandhabten Einstufung der Scorer beruhen. Man kann also mit einigem Recht sagen, dass ERA kaum mehr als eine Scheinkorrektur von RA darstellt. Das ist keine neue Erkenntnis, aber die Baseballwelt ist bekanntlich recht konservativ und so wird ERA trotz bekannter Defizite auf absehbare Zeit der dominierende Indikator für die Leistung von Pitchern bleiben. Das ist für mich O. K., denn alles in allem ist ERA den Nachteilen zum Trotz ein brauchbares Maß.

Auch hier ein kurzer Blick auf aktuelle und historische Resultate: Einen ERA unter 3.0, was im heutigen Baseball als hervorragender Wert gilt, wiesen 2015 lediglich zwölf qualifizierte Pitcher auf (als qualifziert gelten in dem Fall Pitcher mit mindestens so vielen IPs wie Spiele stattgefunden haben, also 162 in einer Saison), angeführt von Zack Greinke (1.66) und Jake Arrieta (1.77), die als einzige unter 2.0 blieben. In der laufenden Saison stehen noch drei qualifizierte Pitcher unter einem ERA von 2.0: Jake Arrieta (1.74), Clayton Kershaw (1.79) und Madison Bumgarner (1.99).

Wie bei den IP ist auch beim ERA in der Karriere-Rangliste zu beobachten, dass die erzielten Werte von der jeweiligen Ära des Spiels abhängen und man deshalb auf den hohen Plätzen nahezu ausschließlich Spieler aus der Dead Ball Era zu Beginn des letzten Jahrhunderts findet. Umso beachtlicher sind die Leistungen von Mariano Rivera (Platz 13 mit 2.209 Karriere-ERA) und Clayton Kershaw (Platz 27 mit 2.385) einzuschätzen, die es als „moderne“ Pitcher so weit nach oben geschafft haben. Kershaw ist der einzige noch aktive Spieler, der in die Top-150 dieser Liste vorgedrungen ist. Betrachtet man hingegen die Einzelsaison-Rekorde, so sticht ein anderer aktiver Pitcher hervor: Die 1.66-ERA-Saison 2015 von Zack Greinke brachte ihn auf Platz 75 dieser Liste und war damit die beste Jahresleistung seit 20 Jahren.

Fielding Independent Pitching

Gehen wir noch mal zurück zu dem Anspruch, der ERA zugrunde liegt, nämlich die Messung der Pitcherleistung ohne den Einfluss der restlichen Defense. ERA erfüllt diesen Anspruch, wie oben aufgezeigt, nicht. Generell scheint es ein aussichtsloses Unterfangen, das Verschulden von Runs trennscharf einem Pitcher zu- oder abzuerkennen. Eines geht aber: Man kann einen Indikator basteln, der nur aus Komponenten zusammen gesetzt ist, die der Pitcher nahezu alleine verantwortet. Das trifft zu für Strikeouts, für Walks und Hit by Pitches sowie für Homeruns – also alle Situationen, bei denen der Ball nicht „in play“ kommt. Aus diesen Einzelteilen besteht der von Tom Tango entwickelte Indikator Fielding Independent Pitching (FIP). Als geschickter kleiner Kniff wird der Formel noch eine Konstante hinzugefügt, mit der FIP auf das gleiche Niveau gehoben wird wie der ERA des betrachteten Zeitraums. Der Ligadurchschnitt für FIP und ERA ist dann also genau gleich und somit hat man es als ERA-gewohnter Beobachter sehr leicht, die Werte zu interpretieren. Geht man nach FIP, so zeigt sich in aktuellen Ranglisten ein leicht anderes Bild als bei der Betrachtung von ERA: Ganz vorne steht aktuell Clayton Kershaw mit 1.65, gefolgt von Noah Syndergaard mit 1.86 und Jose Fernandez mit 1.95. Auch 2015 führte Clayton Kershaw (1.99) als einziger Pitcher mit einem FIP unter 2.0 die Liga an. Zack Greinke mit seinem sensationellen 1.66 ERA brachte es „nur“ auf ein FIP von 2.76 und damit auf Platz 6.

ERA+, ERA-, FIP+, FIP-

Sowohl zu ERA als auch zu FIP gibt es übrigens abgeleitete Indikatoren, die sich am Ligadurchschnitt orientieren. Inhaltlich steckt das gleiche drin wie in den Grundzahlen; diese werden so umgerechnet, dass der Ligadurchschnitt auf 100 gesetzt wird und führen zu neuen Kennzahlen, die sich ERA+, ERA-, FIP+ oder FIP- nennen. ERA+ und FIP+ bedeuten, dass man umso besser ist, je weiter man über 100 liegt, oder umso schlechter, je weiter man darunter landet. Bei ERA- und FIP- ist es genau umgekehrt, hier bedeutet niedrig gut und hoch schlecht. Jake Arrieta steht beispielsweise 2016 bisher bei einem ERA+ von 231, genau in der Mitte liegt Jaime Garcia mit 100 und das Schlusslicht der qualifizierten Pitcher bildet James Shields mit 64. Das Gute an diesen Werten ist, dass sie den Vergleich von Zahlen aus verschiedenen Jahren erleichtern, d. h. jede Pitcherleistung wird ins Verhältnis zu dem zeitlichen Umfeld gesetzt, in dem sie erbracht wurde.

Quality Starts

Zu guter Letzt möchte ich noch eine recht einfache Statistik vorstellen, für die man nicht rechnen muss und die trotzdem ein Maß zur zumindest oberflächlichen Beurteilung von startenden Pitchern liefert: Der Quality Start (QS) wurde 1985 von dem Journalisten John Lowe als Qualitätsmerkmal für einzelne Starts vorgeschlagen. Ein QS liegt dann vor, wenn der startende Pitcher mindestens für sechs Innings auf dem Mound bleibt und dabei höchstens drei earned Runs zulässt.

Auch der QS hat Kritikpunkte, beispielsweise weil er im Extremfall (6 IP und 3 ER) mit einem relativ hohen ERA von 4.5 einhergeht und weil er nicht berücksichtigt, dass beispielsweise ein 9-Inning-Start mit 4 ER objektiv betrachtet die bessere Leistung wäre als ein 6-Inning-Start mit 3 ER, Ersterer aber nicht als QS gezählt wird. Aber der QS ist durch seine Einfachheit eine manchmal hilfreiche „quick and dirty“-Statistik, die jeder schnell versteht. Außerdem sind QS als Instrument zur Schwarz-Weiß-Einstufung jedes einzelnen Starts eine gute Ergänzung zu Indikatoren wie ERA oder FIP, die eher langfristig angelegt sind und wenig Auskunft darüber geben, wie gleichmäßig die Leistungen erbracht werden. Interessanterweise liegt der Anteil von QS ligaweit in den letzten Jahren immer bei ungefähr 50%.

Wenn in der Berichterstattung auf Dauer die übliche Kurzdarstellung „W-L und ERA“ ersetzt würde durch eine Darstellung „QS-GS und ERA“ (GS = Anzahl der gestarteten Spiele), dann wäre das in meinen Augen ein deutliches Upgrade gegenüber dem Status quo. Beispielsweise würde man dann auf einen Blick erfahren, dass dieses Jahr Marco Estrada mit 12 QS in 15 Starts (80%) seinem Team deutlich häufiger die Gelegenheit verschafft hat, mit überschaubarem Offensivaufwand zu gewinnen, als Chris Tillman mit 9 QS in 15 Spielen (56%) – was eine deutlich informativere Aussage über die Pitcherleistung wäre als die 5 Wins von Estrada gegenüber den 10 von Tillman.

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