Dezember 29th, 2020 by Silversurger

Dass der professionelle Baseball spätestens ab den 1990er-Jahren ein Problem mit der Nutzung leistungsfördernder Substanzen hatte, ist allgemein bekannt und wird natürlich auch in dieser Serie noch Thema sein. Doch schon zehn Jahre vor der sogenannten Steroid-Ära erschütterte ein anderer Drogenskandal die Liga. In den Pittsburgh Drug Trials, einer Reihe von Gerichtsprozessen, kamen 1985 erschütternde Details über offenbar weit verbreiteten Kokainmissbrauch in der MLB ans Licht.

Im Fokus der Ermittlungen standen die Pittsburgh Pirates. Sieben ihrer Spieler – Dale Berra, Lee Lacy, Lee Mazzilli, John Milner, Dave Parker und Rod Scurry – sowie eine Reihe weiterer MLB-Spieler – Willie Aikens, Vida Blue, Enos Cabell, Keith Hernandez, Jeffrey Leonard, Tim Raines, Lonnie Smith und Alan Wiggins – wurden vor dem Gericht als Zeugen gehört. Im Gegenzug für ihre Aussage wurde ihnen Straffreiheit im Hinblick auf den eigenen Drogenbesitz und -konsum gewährt.

Durch die Aussagen wurde deutlich, dass es sich bei den untersuchten Vorgängen wohl nur um die Spitze des Eisberges handelte. Unter anderem kam zutage, dass man in Pittsburgh während des Spiels Kokain von Dealern kaufen und es sich vom Pirate Parrot, dem Team-Maskottchen, liefern lassen konnte. Tim Raines offenbarte, dass er in der Tasche seiner Uniformhose ein Gramm Kokain aufbewahrte, um während des Spiels schnupfen zu können, und dass er beim Baserunning extra mit dem Kopf statt den Füßen voran slidete, um den Behälter nicht zu zerbrechen. John Milner berichtete, dass er in New York und Pittsburgh von den späteren Hall of Famern Willie Mays und Willie Stargell mit Amphetaminen versorgt worden sei. Die Anschuldigungen gegen Mays und Stargell konnten allerdings nie bewiesen werden. Keith Hernandez, der vor Gericht zugab, selbst drei Jahre lang massiv Kokain konsumiert zu haben, schätzte später, in den frühen 1980ern hätten rund 40% der MLB-Spieler die Droge genommen. 

Die Drug Trials endeten mit Urteilen gegen die Dealer Curtis Strong und Dale Shiffman, die Gefängnisstrafen von je zwölf Jahren erhielten (von denen sie nur vier bzw. zwei tatsächlich absitzen mussten) sowie der Verurteilung einer Reihe kleiner Dealer zu jeweils eineinhalb bis zweieinhalb Jahren Haft. 

Gegen die involvierten Spieler gab es vor Gericht aufgrund des erwähnten Deals keine Anklage. Seitens der MLB wurden zunächst Sperren von 60 Spielen bis zu einer ganzen Saison gegen elf Spieler ausgesprochen. Die Sperren wurden jedoch allesamt ausgesetzt unter den Auflagen, dass die Spieler einen Teil ihres Einkommens für Programme gegen Drogenmissbrauch spendeten, 50 bis 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisteten und sich mit regelmäßigen Drogentests einverstanden erklärten.

Vielen der genannten Spieler gelang es, ihre Baseballkarrieren erfolgreich und – soweit man das weiß – drogenfrei fortzusetzen, allen voran Dave Parker und Keith Hernandez. Andere wie Willie Aikens und Lary Sorenson brachten ihre fortgesetzten Suchtprobleme letztlich doch noch in den Knast oder kosteten sie gar das Leben: Alan Wiggins starb 1991 im Alter von 32 Jahren an AIDS, nachdem er sich beim Spritzen von Drogen mit HIV infiziert hatte. Rod Scurry erlag 1992 mit 36 einer durch Kokain verursachten Herzattacke. 

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Januar 19th, 2017 by Silversurger

Jeff Bagwell, Tim Raines und Ivan Rodriguez ziehen am 30. Juli in die National Baseball Hall of Fame ein. Das ist die Neuigkeit der Woche und damit auch das erste Thema im Grand Slam am Donnerstag. Außerdem haben in den letzten Tagen ein paar weitere Free Agents eine neue – oder ihre alte – Bleibe gefunden, allen voran Mr. Batflip Jose Bautista.

Die Hall-of-Fame-Klasse 2017
Mit meiner Vorhersage lag ich nicht allzu weit daneben: Die fünf Spieler, deren Aufnahme in die Hall of Fame ich prognostiziert hatte, belegten bei den Wahlergebnissen tatsächlich die ersten fünf Plätze, allerdings scheiterten Trevor Hoffman (74,0%) und Vladimir Guerrero (71,7%) knapp an der 75%-Hürde, während Jeff Bagwell (86,2%), Tim Raines (86,0%) und Ivan „Pudge“ Rodriguez (76,0%) diese nahmen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Hoffman und Guerrero es bei der Wahl im nächsten Jahr schaffen – es ist eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass man mit einem Ergebnis von über 70% im Folgejahr gewählt wird.

Hinter den fünf Genannten klafft ein großes Loch, nächster in der Reihe ist Edgar Martinez mit 58,6%. Die beiden wegen ihrer Dopinggeschichte umstrittenen Stars Roger Clemens (54,1%) und Barry Bonds (53,8%) erhielten weniger Stimmen als allgemein erwartet wurde und sehen ihre Chancen, es irgendwann in das Ehrenmuseum zu schaffen, langsam aber sicher schwinden. Auch Manny Ramirez, der mit Außenseiterchancen in sein erstes Jahr als wählbarer Kandidat gegangen war, wird sich nach seinen 23,8% keine großen Hoffnungen mehr machen, auch wenn er noch neun Chancen haben wird. Keine Chance mehr hat hingegen Jorge Posada (3,8%). Da er im ersten Anlauf unter 5% blieb, ist er bei der nächsten Wahl nicht mehr dabei – ein Schicksal, das er mit 15 anderen Ex-Spielern teilt.

Bautista bleibt bei den Blue Jays
Es hat sehr lange gedauert, aber am Ende stand dann doch das erwartete Ergebnis: Jose Bautista bleibt das Gesicht der Franchise Toronto Blue Jays. Der erhoffte längerfristige Vertrag war für den 36-Jährigen nicht drin, aber 18 Millionen Dollar für ein Jahr plus zwei für beide Seiten optionale Jahre klingen nach einem fairen Deal.

Tyson Ross geht zu den Rangers
Eines der großen Schnäppchen dieser Offseason könnten die Texas Rangers gemacht haben. Der rechtshändige Pitcher Tyson Ross wurde, nachdem die Padres entschieden hatten, ihn ziehen zu lassen, von angeblich über 20 Clubs umworben. Ross hatte drei starke Jahre in San Diego mit einem ERA von 3.16, verpasste allerdings die letzte Saison nahezu vollständig wegen einer Verletzung am Wurfarm. Ross wurde (genau wie z. B. Matt Harvey) wegen eines „Thoracic Outlet Syndrome“ operiert und es bleibt abzuwarten, ob er danach wieder der Alte ist. Wenn er es ist, sind die 6 Millionen Dollar für seinen Jahresvertrag sehr gut angelegtes Geld. Mit Andrew Cashner, Yu Darvish, Cole Hamels, Martin Perez, A.J. Griffin und Ross haben die Rangers nun eine Rotation, die auch ein, zwei Verletzte wegstecken kann.

Die Phillies holen Saunders
Auch die Philadelphia Phillies haben noch eine Verstärkung an Land gezogen. Michael Saunders, zuletzt bei den Blue Jays unter Vertrag, bekommt zunächst für ein Jahr 9 Millionen Dollar und der Club hat noch die Option auf ein zweites Jahr für 11 Millionen. Saunders ist der lange gesuchte linkshändige Veteran, der wohl im Right Field auflaufen wird und damit Prospect Roman Quinn Zeit verschafft, etwas mehr AAA-Erfahrung zu sammeln. Jetzt müssen die Phillies nur hoffen, dass sie den Saunders aus der ersten Saisonhälfte 2016 erleben (.298/.372/.551, 16 HRs) und nicht den aus der zweiten (.178/.282/.357, 8 HRs).

Vertragsverlängerungen für Myers, Arenado und Duffy
Zu guter Letzt seien noch ein paar interessante Vertragsverlängerungen erwähnt: All-Star-3B Nolan Arenado bleibt für 29,5 Millionen Dollar die nächsten zwei Jahre bei den Colorado Rockies und umgeht mit diesem Deal das Schiedsverfahren (Arbitration), das sonst angestanden hätte.

Gleiches gilt für OF/1B Wil Myers, dessen Dienste sich die San Diego Padres für sechs Jahre und 83 Millionen Dollar gesichert haben. In meinen Augen ist es aus Clubsicht etwas riskant, sich so langfristig und für so viel Geld an einen Spieler zu binden, der in seiner bisherigen Karriere solide, aber nicht überragende Zahlen (.257/.331/.429) geliefert und sich nicht ganz unanfällig für Verletzungen gezeigt hat.

Auch Starting Pitcher Danny Duffy und die Kansas City Royals haben die Arbitration vermieden und sich stattdessen auch einen Fünfjahresvertrag über 65 Millionen Dollar geeinigt. Linkshänder Duffy kommt ebenfalls nicht ohne Fragezeichen aus, denn Konstanz war bislang nicht seine Stärke. 2016 fand er sich zunächst in den Bullpen versetzt, schwang sich dann aber mit 179.2 gepitchten Innings und einem ERA von 3.51 zum besten Starter der Royals auf. Klar, dass sie ihn halten wollten, aber ob es fünf Jahre sein mussten, lasse ich mal dahingestellt.

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Januar 14th, 2017 by Silversurger

Am kommenden Mittwoch, dem 18. Januar, wird die Baseball Writers Association of America (BBWA) bekannt geben, welche ehemaligen Spieler dieses Jahr in die Baseball Hall of Fame in Cooperstown aufgenommen werden.

Wahlberechtigt sind die Mitglieder der BBWA, sofern sie dieser seit mindestens zehn Jahren angehören und in dieser Zeit durchgehend an der Berichterstattung über die MLB beteiligt gewesen sind. Jeder Wähler darf für bis zu zehn Spieler stimmen. Gewählt werden können Spieler, die zehn oder mehr Jahre in der MLB aktiv waren und seit mindestens fünf Jahren ihre Karriere beendet haben. Wer in einem Jahr auf 75% oder mehr der Stimmzettel landet, wird in die Hall of Fame aufgenommen. Wer in einem Jahr weniger als 5% der Stimmen erhält oder in zehn Versuchen nie die 75% erreicht, scheidet aus; alle anderen haben im nächsten Jahr erneut die Chance, gewählt zu werden.

Nach diesem Verfahren sind üblicherweise 25 bis 40 Spieler wählbar. In diesem Jahr sind es 34, die man hier aufgelistet findet. 19 davon sind zum ersten Mal im Pool, 14 zum zweiten bis zehnten Mal und einer – Lee Smith – sogar zum fünfzehnten Mal. Smith ist der letzte Spieler, der noch unter die alte Regel fällt, nach der man fünfzehn statt zehn Versuche hatte, die nötigen Stimmen zu bekommen.

Wer schafft es auf Anhieb? 
Anders als im letzten Jahr, als Ken Griffey Jr. mit dem Rekordergebnis von 99,32% beim ersten Versuch in die Hall gewählt wurde, gibt es dieses Mal keinen Spieler auf der Liste, dessen Wahl als sicher gilt. Berechtigte Hoffnungen dürfen sich Manny Ramirez, Vladimir Guerrero, Ivan Rodriguez und Jorge Posada machen.

Ramirez war einer der großen Hitter seiner Zeit (.312/.411/.585), ließ sich allerdings zweimal mit leistungssteigernden Drogen erwischen, was seine Chancen auf einen sofortigen Einzug in die Hall deutlich schmälern dürfte. Auch gegen „Pudge“ Rodriguez gab es Dopingvorwürfe, allerdings keinerlei Beweise und aus unbestätigten Gerüchten sollte man einem der offensiv wie defensiv besten Catcher aller Zeiten (mit unter anderem den meisten Spielen, den meisten Hits und den meisten Extra-Base-Hits sowie 13 Gold Gloves als Catcher) keinen Strick drehen. Er ist meinen Augen der aussichtsreichste Kandidat, im ersten Jahr gewählt zu werden. Guerrero könnte es ebenfalls schaffen. Er war ein großartiger Hitter, bekannt für seine Fähigkeit, auch nach schlechten Pitches zu schlagen und Basehits daraus zu produzieren. Als Fielder beging er einerseits viele Errors, hatte aber andererseits einen sehr starken rechten Arm. Ich bin sicher, Guerrero wird in die Hall of Fame kommen, vielleicht im ersten, spätestens aber im zweiten Jahr. Posada schließlich hat in 17 Jahren mit den Yankees vier World Series gewonnen und es mit einer Karriere-Slashline von .273/.374/.474 auf gute Zahlen gebracht; für so überragend, dass er zwangsläufig in die Hall of Fame gewählt wird, halte ich ihn aber nicht.

Wer kommt noch rein?
Hinter der aus Griffey Jr. und Mike Piazza bestehenden Hall-of-Fame-Klasse von 2016 verpassten Jeff Bagwell (71,6%), Tim Raines (69,8%) und Trevor Hoffman (67,3%) letztes Jahr nur knapp die Aufnahmeschwelle. Alle drei können guter Hoffnung sein, dass es dieses Mal klappt – in aller Regel wird man mit solchen Zustimmungswerten im Folgejahr gewählt.

Hinter den drei Genannten landete 2016 mit Curt Schilling (52,3%), Roger Clemens (45,2%) und Barry Bonds (44,3%) ein Trio großer Namen, deren Chancen auf eine der begehrten Plaketten in Cooperstown nur mittelmäßig sind. Vor allem Clemens und Bonds spalten die Gemüter – beide gehören unzweifelhaft zu den besten MLB-Spielern aller Zeiten, beide sind aber auch bekannte Dopingsünder. In welchem Ausmaß sind die Karriereleistungen der Beiden auf verbotene Substanzen zurückzuführen? Und welche Rolle soll bei der Wahl die charakterliche Einwandfreiheit der Kandidaten spielen? Vor diesen Fragen stehen die BBWA-Mitglieder in Bezug auf Bonds und Clemens nun zum fünften Mal. Der Ausgang ist offen, wenngleich sich die Anzeichen mehren, dass der Widerstand gegen ihre Aufnahme bröckelt und sie dieses Mal wohl zumindest näher an die 75% herankommen als in den Jahren davor. Wenn es nach mir ginge: Ich würde sie in die Hall of Fame aufnehmen, das Dopingthema aber nicht verschämt unter den Tisch kehren, sondern durch entsprechende Darstellung im Museum eine offensive Auseinandersetzung damit befördern.

Um eine konkrete Prognose zu wagen: Ich tippe, dass die diesjährige Hall-of-Fame-Klasse aus Rodriguez, Guerrero, Bagwell, Raines und Hoffman bestehen wird. Bonds und Clemens bleiben dieses Mal noch draußen, sind aber nächstes Jahr dabei.

Neben dem „normalen“ Verfahren der Wahl durch die BBWA gibt es übrigens noch einen zweiten Weg in die Hall of Fame des Baseballs: Die sogenannten Eras Committees (früher bekannt als Veterans Committee) sind vier vom Direktorat der Hall of Fame eingesetzte Expertengruppen, die sich auf verschiedene historische Zeiträume des Baseballsports spezialisiert haben. Die Era Committees tagen im jährlichen Wechsel und entscheiden gemeinsam (ebenfalls mit Dreiviertelmehrheiten) über die Aufnahme von Trainern, Schiedsrichtern und Funktionären sowie von durch die BBWA nicht mehr wählbaren Spielern in die Hall of Fame. Für die Aufnahme in diesem Jahr haben die Committees bereits während der Winter Meetings im Dezember die beiden Funktionäre John Schuerholz (Präsident der Atlanta Braves) und Bud Selig (ehemaliger Commissioner der MLB) gewählt.

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