Januar 26th, 2021 by Silversurger

Zur Mitte der 1990er-Jahre litt der professionelle Baseball unter sinkender Popularität, nicht zuletzt wegen des zerrütteten Verhältnisses zwischen Teambesitzern und Spielern infolge der Owner-Verschwörung in den 80ern und des Spielerstreiks von 1994. In dieser Situation erschien es wie ein Geschenk des Himmels, dass das Spiel selbst ab derselben Zeit spürbar spektakulärer wurde, weil Stars wie Marc McGwire, Barry Bonds und Sammy Sosa die Bälle weiter schlugen als jemals zuvor. Ab 1994 gab es regelmäßig im Durchschnitt mehr als zwei Homeruns pro Spiel. Jahrzehntealte Rekorde von Babe Ruth, Hank Aaron und Roger Maris wurden auf einmal reihenweise überboten.

Wie wir heute wissen, kam die neue Baseball-Power nicht vom Himmel und auch nicht nur aus dem Kraftraum, sondern zu einem guten Teil aus Spritzen mit leistungsfördernden Mitteln, sogenannten Steroiden. Diese spielten für die Ergebnisse und Rekorde von der ersten Hälfte der 1990er- bis zur Mitte der 2000er-Jahre mutmaßlich eine so große Rolle, dass man diese Zeit heute als die „Steroid-Ära“ des Baseballs bezeichnet.

Der Verdacht, dass bei den Heldentaten von McGwire, Bonds und Co. etwas nicht mit rechten Dingen zuging, kam damals recht schnell auf. Doping war schließlich spätestens seit dem Fall des Sprinters Ben Johnson von 1988 ein präsentes Thema – wenngleich eines, das die MLB damals wenig interessierte. Tatsächlich gab McGwire schon während seiner Rekordsaison 1998 offen zu, seit Jahren das Steroid Androstendion zu benutzen. Das Mittel stand damals beim Internationalen Olympischen Komitee und anderen Sportverbänden bereits auf der Dopingliste, nicht aber in der MLB. Die Liga beließ es zunächst weiterhin bei sanften Ermahnungen und halbherzigen Verboten in Bezug auf leistungsfördernde Mittel. Bis die Ligaleitung einsah, dass Doping auch im Baseball ein ernstes Problem ist, das dem Sport und seinen Akteuren langfristig schadet, brauchte es einige Jahre Anlauf. Erst 2003 wurden von der MLB Dopingtests eingeführt, erst 2005 umfassende Verbote und Strafenkataloge festgelegt und auf dieser Basis erstmals Sperren ausgesprochen.

2005 gilt nicht nur wegen der neuen Regeln allgemein als Endpunkt der Steroid-Ära. Es war auch das Jahr, in dem der mehrfache All-Star und Homerun-Champion José Canseco sein vielbeachtetes Buch „Juiced“ veröffentlichte. Canseco schildert und verteidigt darin seinen eigenen Gebrauch von Steroiden und nennt ehemalige Teamkameraden wie McGwire, Juan González, Rafael Palmeiro, Iván Rodríguez und Jason Giambi als weitere Nutzer dieser Mittel. 

Unter zunehmendem Druck aus Politik und Öffentlichkeit beauftragte Anfang 2006 MLB-Commissioner Bud Selig den Anwalt und ehemaligen Senator George J. Mitchell mit einer Untersuchung der Rolle von anabolen Steroiden und Wachstumshormonen im professionellen Baseball. Der 409 Seiten starke Abschlussbericht der 20-monatigen Ermittlungen wurde bekannt als Mitchell-Report. Der Report zeigte auf, dass die Nutzung leistungsfördernder Substanzen in der MLB weit verbreitet war und dass die Spieler sich bei der Wahl ihrer Mittel und Methoden der Entwicklung der Tests anpassten, um den Gebrauch möglichst lange und möglichst weitgehend zu verbergen. Obwohl der Report ausdrücklich nicht auf die Identifikation individueller Täter abzielte, wurden in seinem Verlauf knapp 90 Spieler namentlich genannt.

Nach der umfassenden, wenn auch späten Aufarbeitung der Steroid-Ära wurden relativ wenige Strafen ausgesprochen. Kaum mehr als eine Handvoll der im Mitchell-Report genannten Akteure erhielt Sperren zwischen 10 und 50 Spielen. Die prominentesten Figuren dieser Zeit wie Bonds, McGwire, Sosa und Roger Clemens wurden in ihrer gesamten Karriere nie belangt. Gestraft sind sie trotzdem, da ihre in der Steroid-Ära erzielten Leistungen und Rekorde heute bei jeder Erwähnung mit einer gedanklichen oder tatsächlichen Klammer oder Fußnote versehen sind. Darüber hinaus wurde bislang keiner von ihnen in die Hall of Fame gewählt, in der sie ohne die Dopinggeschichte sicher längst alle vertreten wären.

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