September 1st, 2016 by Silversurger

Ich finde es herrlich, mich zu irren. Naja, nicht unbedingt immer, aber zumindest fast immer dann, wenn Teams, die ich im Laufe des Jahres schon mal abgeschrieben hatte, plötzlich aus dem Nichts wieder auftauchen und mit einer Siegesserie für neue Spannung in der Liga sorgen. Konkret meine ich damit diese Woche die Houston Astros, die Detroit Tigers und die New York Mets, allesamt mit acht Siegen aus den letzten zehn Spielen und allesamt nun wieder ernsthafte Bewerber um Wild-Card-Plätze, wobei die Tigers vielleicht sogar noch mal um den Divisionstitel mitreden könnten.

National League
In die National League East ist Bewegung gekommen: Zwar sind die Washington Nationals (78-55) nach wie vor unangefochten, doch Platz zwei haben nach drei Siegen gegen die Miami Marlins (67-66) nun die New York Mets (69-64) zurück erobert. Nur noch 1.5 Spiele trennen die Mets vom Wild-Card-Platz und von allen konkurrierenden Teams – Giants, Cardinals, Pirates, Marlins – haben sie das leichteste Restprogramm. Ich weiß, letzte Woche habe ich hier noch herumgejammert und die zahlreichen Schwächen der Mets aufgezählt, aber über nichts irre ich mich lieber als darüber.

Über die Dominanz der Chicago Cubs (85-47) gibt es eigentlich nichts Neues zu sagen, aber es ist interessant zu sehen, wie stark der Einfluss der Cubs auf das Wild-Card-Rennen ist: Die Pittsburgh Pirates (67-64) waren bis vor ein paar Tagen noch gut dabei, wurden nun aber von den Cubs gesweept und sind entsprechend ins Hintertreffen geraten. Kurz vor Saisonende müssen sie übrigens noch viemal gegen die Cubs ran. Die St. Louis Cardinals (70-62) belegen momentan den zweiten WC-Platz, aber auch für sie könnten die Cubs in sechs noch ausstehenden Begegnungen zum Spielverderber werden. Da die Cardinals und die Pirates obendrein noch sechsmal gegeneinander spielen, sehe ich für die Wild-Card-Ambitionen der NL Central trotz des momentanen Tabellenbildes relativ schwarz.

Auch für die San Francisco Giants (72-60), die momentan die Wild-Card-Rangliste anführen, könnten die Cubs Schicksal spielen, denn die Giants müssen ab heute viermal hintereinander in Chicago antreten. Wenn die Form beider Teams aus den letzten Wochen halbwegs für eine Prognose taugt, dürften die Giants dort nicht viel zu lachen haben. Für die Los Angeles Dodgers (74-59) sieht das nach einer willkommen Gelegenheit aus, sich an der Spitze etwas abzusetzen; ihre eigenen Aufgaben in Form von zwei Heimserien gegen die Padres und die Diamondbacks erscheinen jedenfalls sehr lösbar.

American League
In der American League East geht es weiterhin eng zu, aber so langsam werden auch in dieser Divsion gewisse Tendenzen erkennbar. Dazu beigetragen hat sicher die von den Toronto Blue Jays (76-57) gewonnene Serie gegen die Baltimore Orioles (72-61). Zwischen den beiden liegen nun schon vier Spiele und angesichts des schweren Restprogramms der Orioles sind diese in meinen Augen schon so gut wie raus aus dem Kampf um den Divisionssieg. Genau zwischen Toronto und Baltimore stehen noch die Boston Red Sox (74-59), mit denen ich fest in den Playoffs rechne, sei es über die Division oder über die Wild Card. Dort werden sie ein unangenehmer Gegner sein, denn nachdem sie schon in der gesamten Saison die erfolgreichste Offense der Liga ihr eigen nennen, scheinen sie nun auch ihr Pitching auf die Reihe gebracht zu haben: Im August lagen sie mit einem Team-ERA von 3.69 auf Platz sechs der MLB – das heißt, sie haben pro Spiel fast einen Run weniger kassiert als in der ersten Saisonhälfte.

In der AL Central liegen die Detroit Tigers (72-61) nach acht Siegen aus den letzten zehn Spielen nur noch vier Spiele hinter den führenden Cleveland Indians (76-56). Ein Angriff auf die Spitze erscheint mir möglich, aber nicht wahrscheinlich, für eine Wild Card hingegen sind die Tigers ein ganz heißer Kandidat. Ihre Hauptkonkurrenten um diese sind die Orioles, die Astros, mit Außenseiterchancen die Yankees und vielleicht noch die Kansas City Royals (69-64). Was aus diesem „vielleicht“ wird, dürften die drei bevorstehenden Partien zwischen den Tigers und den Royals zeigen. Max Kepler hat gestern Abend endlich wieder einen Homerun für die Minnesota Twins (49-84) geschlagen. Die dreizehnte Niederlage seines Teams in Folge konnte er damit jedoch nicht verhindern, die Twins haben in ihrem freien Fall inzwischen die Atlanta Braves als bisheriges schlechtestes Team der Liga an sich vorbei ziehen lassen.

Die Texas Rangers (80-54) sind ein Phänomen: Mit einem höchst mittelmäßigen Run Differential von +22 (das vor dem gestrigen 14:1 gegen Seattle noch viel mittelmäßiger war) führen sie nicht nur die AL Central an sondern weisen auch den besten Record der gesamten AL auf. Das Erfolgsgeheimnis der Rangers: Sie gewinnen knappe Spiele – nicht immer, aber in 78,9% der Fälle. Mit der aktuellen Bilanz von 30-8 in Spielen, die durch einen einzigen Run Abstand entschieden werden, würden die Rangers einen neuen Einzelsaison-Rekord im modernen Baseball (d. h. seit 1900) aufstellen. Hinter den Rangers habe ich im Wild-Card-Rennen erst letzte Woche noch den Seattle Mariners (68-65) gute Chancen zugerechnet und die Houston Astros (71-62) als zu unbeständig abgeschrieben. Inzwischen haben sich die Vorzeichen komplett gedreht, wobei man sagen muss, dass ein wesentlicher Faktor der von den Mariners gegen die Rangers erlittene Sweep war und dass die Astros erst noch zeigen müssen, ob sie „for real“ sind, wenn sie ihrerseits nun dreimal gegen die Rangers, dann viermal gegen die Indians, dreimal gegen die Cubs und wieder dreimal gegen die Rangers antreten müssen. Das sind dreizehn Spielen gegen Divisionsführer hintereinander – Houston, wir haben ein Problem.

Spielzug der Woche
Relief Pitcher Zach McAllister von den Indians hat beim 8:4 gegen die Twins meiner Ansicht nach schlichtweg das Aus des Jahres produziert. Was soll ich groß schreiben, schaut es euch einfach an.

Statistik der Woche 
86 Jahre. So alt sind Bartolo Colon und Ichiro Suzuki, die beiden ältesten aktiven Spieler der MLB, zusammen. Gestern Abend trafen die beiden aufeinander und keiner von ihnen machte den Eindruck, zum alten Eisen zu gehören: Colon pitchte sieben Innings, in denen er nur einen earned Run zuließ; Ichiro erzielte einen Single, in dessen Folge er zwei Fehler der Mets sowie seine Schnelligkeit und Übersicht nutzte, um die Homeplate zu erreichen; zudem verhinderte er mit einem spektakulären Catch im Centerfield einen Homerun.

Spiel der Woche
Es scheint zwar schon eine Ewigkeit her, aber da die „Grand-Slam-Woche“ von Donnerstag bis Mittwoch reicht, gehört der Beinahe-No-Hitter von Matt Moore vom vergangenen Donnerstag in diesen Artikel. Angesichts der schwachen Form der Giants seit dem All-Star-Break ist ein gutes Spiel von ihnen fast schon für sich allein eine Erwähnung wert, aber der wichtige 4:0-Erfolg gegen die Dodgers geriet in den Hintergrund angesichts des geradezu tragischen Verlusts des möglichen No-Hitters – tragisch deshalb, weil der erste und einzige Hit der Dodgers nach zwei Aus im neunten Inning erfolgte. Corey Seager war der Spielverderber, wobei ich Spielverderber nicht negativ meine. Ich finde es vielmehr richtig und gut, auch bei einem quasi verlorenen Spiel bis zum letzten Aus ernsthaft zu spielen. Für Moore war es schade, aber ein angeknackstes Selbstvertrauen scheint er nicht erlitten zu haben, denn sein nächster Start gegen Arizona gestern Abend war ebenfalls ein ordentlicher Auftritt.

Spiel der kommenden Woche
Madison Bumgarner gegen Jake Arrieta und das Ganze zur besten mitteleuropäischen Sendezeit am Samstag um 20:20 Uhr direkt nach der Tagesschau. Baseballherz, was willst du mehr?

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