Januar 12th, 2019 by Silversurger

Letzte Woche ging es an dieser Stelle um die Auswahl der Pitches. Sie ist eine der beiden großen taktischen Herausforderungen beim Pitching. Die andere besteht in der Entscheidung des Managers, wann und wie lange die vorhandenen Pitcher eingesetzt werden.

In den frühen Jahrzehnten der Baseballgeschichte stellte sich diese Frage kaum. Es gab wie heute eine Rotation aus mehreren Starting Pitchern, die sich von Spiel zu Spiel abwechselten – wobei es damals meistens drei bis vier Starter waren, während heute fünf üblich sind. Vom jeweiligen Starting Pitcher wurde erwartet, dass er das komplette Spiel absolvierte. Gewechselt wurde nur, wenn der Starter sich verletzte oder wenn seine Leistung nicht stimmte. Das änderte sich mit der Zeit mehr und mehr. Complete Games wurden immer seltener und sind inzwischen geradezu eine Rarität.

JahrComplete GamesAnteil
1898160987,4%
1918128063,0%
1938109044,6%
195874330,1%
1978103424,6%
19983026,2%
2018420,9%

Üblicherweise wird der Starter heute spätestens nach 100 bis 120 Pitches gegen einen Relief Pitcher ausgewechselt. Das ist meistens nach fünf bis sieben Innings der Fall. Für die Entwicklung hin zu kürzeren Starts sprechen zwei wichtige Argumente: Erstens ist man zunehmend zu der Einsicht gelangt, dass bei einem hohen Pitch Count die Belastung der Muskeln und Gelenke so hoch wird, dass die Effektivität der Pitches ab- und das Verletzungsrisiko für den Pitcher zunimmt. Zweitens zeigt die Erfahrung, dass die Batter umso leichteres Spiel haben, je öfter sie einem bestimmten Pitcher gegenüberstehen, weil sie sich auf diesen einstellen und in einen Rhythmus finden. Aus Sicht des verteidigenden Teams ist es daher sinnvoll, einen Wechsel vorzunehmen, nachdem der Starter zwei- bis höchstens dreimal durch das Batting Lineup gepitcht hat.

Einhergehend mit der Tendenz zu kürzeren Starts hat sich auch die Rolle der Relief Pitcher verändert. Waren sie früher schlichtweg Ersatzleute, die wenn nötig für den Starter einsprangen und das Spiel zu Ende pitchten, handelt es sich heute um Spezialisten für besondere Aufgaben und Situationen. Hier einige typische Rollen, die Relief Pitcher ausfüllen:

– Long Reliever. Er übernimmt für mehrere Innings, falls der Starter mal besonders früh ausgewechselt werden muss. In der Regel füllt diese Rolle ein Pitcher aus, der selbst Erfahrung als Starter hat und auch von Anfang an einspringen kann, wenn zum Beispiel durch Verletzungen mal eine Lücke in der Starting Rotation entsteht.

– Middle Reliever. Pitcht in der Regel ein oder zwei Innings, bevor das Spiel in die Endphase geht. Übernimmt gegebenenfalls auch mal ein spätes Inning, wenn das Spiel ohnehin weitgehend entschieden ist und man die Top-Reliever schonen will.

– LOOGY. Der Lefty-One-Out-GuY ist Spezialist für linkshändige Batter. Da im gegnerischen Lineup selten mehr als einer oder zwei davon hintereinander an der Reihe sind, ist der Auftritt des LOOGY meistens von kurzer Dauer.

– Setup-Man. In der Regel der zweitbeste Reliever der Mannschaft. Sein Job ist es, spät im Spiel – meistens im achten Inning – einen engen Spielstand zu verteidigen.

– Closer. Der zuverlässigste Reliever im Team hat die Aufgabe, das Spiel zu Ende zu bringen, vor allem wenn es sich um eine Save-Situation handelt, es also eine knappe Führung zu retten gilt.

Eine neue Entwicklung ist die Rolle des Openers. Gemeint ist damit, dass ein Pitcher das Spiel beginnt, dessen Start von vornherein nicht für einen längeren Auftritt ausgelegt ist. Die damit verbundene Taktik nennt sich Bullpenning. Anstelle des üblichen Starter-Reliever-Modells wird beim Bullpenning von Anfang an alle ein, zwei Innings der Pitcher gewechselt. Bislang handelt es sich bei dieser Art des Pitcher-Einsatzes um eine Ausnahme, aber der Trend scheint das Potenzial zu haben, sich auszuweiten. Begonnen wurde er in der vergangenen Saison von den Tampa Bay Rays und er fand direkt einige Nachahmer. Von den Oakland Athletics und den Milwaukee Brewers wurde er bereits bis in die Playoffs getragen.

Bei der Entscheidung, welcher konkrete Pitcher zum jeweiligen Zeitpunkt eingewechselt wird, kommt es neben der beschriebenen Rollenverteilung stark auf den Spielstand an. Je deutlicher die Partie bereits in die eine oder in die andere Richtung entschieden ist, desto mehr tendieren die Manager dazu, ihr schwächeres Personal einzusetzen und dieses verhältnismäßig lange im Spiel zu lassen. In engeren Spielen hingegen schaut man sehr genau auf jedes einzelne Matchup und setzt immer den Reliever ein, der gerade die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit für die nächsten ein bis drei Outs gewährt. Eine typische Matchup-Entscheidung ist, dass bevorzugt linkshändige Pitcher gegen linkshändige Batter eingesetzt werden. Bei gleichhändigen Matchups haben Pitcher den Vorteil, dass Breaking Balls sich vom Batter weg bewegen und somit schwerer zu schlagen sind als wenn die Bewegung in die andere Richtung geht. Die Händigkeit ist aber bei weitem nicht das einzige relevante Kriterium, um ein vorteilhaftes Matchup zu finden. Die Teams nutzen den riesigen Datenfundus, den es über jeden Spieler gibt, um Stärken und Schwächen aller Art aufzudecken und zu nutzen. Das kann zum Beispiel sein, dass Batter X Probleme mit Curveballs hat, dass Pitcher Y gut darin ist, Power Hitter auf Groundballs zu beschränken oder dass Runner Z regelmäßig Bases stiehlt, wenn ein Pitcher mit etwas langwierigerer Wurfbewegung auf dem Mound steht.

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Januar 5th, 2019 by Silversurger

Gleich die erste Anregung im diesjährigen Offseason-Wunschkonzert bestand in der Bitte, dass ich etwas über Taktiken im Baseballspiel schreiben soll. Das Thema gefällt mir gut und nachdem ich mich nun eine Weile damit auseinander gesetzt habe, beginne ich heute eine Reihe von voraussichtlich fünf oder sechs Artikeln dazu. Den Anfang machen Taktiken beim Pitching. Zunächst gehe ich der Frage nach, von wem und nach welchen Kriterien entschieden wird, welcher Pitch in welcher Situation geworfen wird. Im nächsten Artikel – voraussichtlich in einer Woche – beschäftige ich mich mit dem Einsatz der Pitcher vom Starter bis zum Closer.

Als Einstiegslektüre empfehle ich die Erläuterung der verschiedenen Pitcharten, die vor zwei Jahren ebenfalls als Artikelserie in diesem Blog veröffentlicht wurde. Ich habe damals acht häufig verwendete Pitches vorgestellt. In der Regel hat ein professioneller Pitcher ein Arsenal von drei bis vier davon im Repertoire. Neben der Art des Pitches ist dessen Platzierung die zweite Variationsmöglichkeit, über die man als Pitcher verfügt. Jeder Pitch zielt auf eine bestimmte Stelle innerhalb oder außerhalb der Strikezone. Der Verlauf eines Basesballspiels hängt ganz wesentlich davon ab, ob es dem Pitcher gelingt, seine Würfe so auszuwählen, dass er die Batter überraschen und verwirren kann, oder ob er für den Gegner durchschaubar ist.

Die Entscheidung, welcher Pitch geworfen und wohin er gezielt wird, wird vom Pitcher gemeinsam mit dem Catcher getroffen. Die beiden verständigen sich über verdeckte Zeichen: Der Catcher macht per Fingerzeig einen Vorschlag, den der Pitcher entweder akzeptiert oder durch ein Kopfschütteln ablehnt, um einen neuen Vorschlag zu erhalten. Üblicherweise steht ein Finger für einen Fastball, zwei Finger signalisieren einen Curveball, drei einen anderen Breaking Ball (zum Beispiel einen Slider), vier einen Changeup. Hinzu kommt ein Zeichen, auf welche Seite und welche Höhe der Pitch zielen soll. Häufig gibt es hierzu auch Vorgaben des Managers oder des Pitching Coaches. Diese werden dem Catcher vom Dugout aus per Zeichen übermittelt und von ihm an den Pitcher weitergegeben. Dafür ist ein etwas ausgefeilteres System von Signalen nötig, damit diese von den gegnerischen Battern, Runnern und Basecoaches nicht verstanden werden. Das könnte zum Beispiel so aussehen: Ein Streichen des Managers über seinen rechten Arm bedeutet, dass er einen hohen Fastball sehen will. Er verpackt diese Vorgabe, indem er vorher und nachher ein paar andere Bewegungen macht, aber der Catcher weiß, dass nur die Anweisung zählt, die der Manager direkt nach einem Griff an die Nase gibt. Wenn er sich anschließend an den Schirm seiner Kappe greift, sind alle vorherigen Anweisungen aufgehoben und es folgt ein neues Signal. Berührt er irgendwann während der Sequenz sein linkes Ohr, so ist unabhängig von allen anderen Zeichen noch einmal der gleiche Pitch zu werfen wie der letzte.

Welcher Pitch letztlich gewählt wird, hängt von diversen Faktoren ab. Einer davon sind die Stärken und Vorlieben des jeweiligen Pitchers. Jeder Pitcher möchte Outs erzielen, aber manchen gelingt das bevorzugt über Groundballs, während andere stärker auf Strikeouts und wieder andere mehr darauf zu setzen, leicht zu fangende Pop-Ups zu verursachen.

Neben den persönlichen Voraussetzungen des Pitchers spielt bei der Entscheidung für einen Pitch primär die  Spielsituation eine Rolle – der aktuelle Count, die Anzahl der Outs und der Baserunner, die bekannten Tendenzen des Batter usw. Um ein paar konkrete Beispiele zu nennen:

– Mit einem Runner auf der ersten Base und weniger als zwei Outs wünscht man sich einen Groundball, aus dem sich ein Doubleplay produzieren lässt. Dazu braucht es einen niedrigen Pitch, bei dem der Schläger die obere Hälfte des Balls trifft. Es bietet sich ein Curveball oder ein Sinker an.

– Schlägt der Batter gegen den Wind und hat daher kaum Chancen auf einen Homerun, so könnte der Pitcher darauf abzielen, dass der Ball tief getroffen wird, um hoch in die Luft zu fliegen. Dafür eignet sich ein hoher Fastball.

– Wenn ein schneller Runner vorhanden ist, der eine Base stehlen könnte, will der Catcher den Ball möglichst schnell und sicher empfangen. Es bietet sich ein Fastball an, nicht zu tief und nicht zu nah am Batter.

– Mit einem Count von 3-0 (3 Balls, 0 Strikes) oder 3-1 möchte man das Risiko vermeiden, einen weiteren Ball und damit einen Walk zuzulassen. Daher wählt man einen Pitch, den man gut kontrollieren kann, und zielt damit klar in die Strikezone.

– Steht der Count hingegen bei 0-2, so kann man sich ohne weiteres einen Ball erlauben, während der Batter keinen weiteren Strike riskieren darf. Es bietet sich ein Pitch an, der bewusst die Strikezone verfehlt, ihr aber nahe genug kommt, um den Batter zu einem Schwung zu verführen.

In den aufgeführten Beispielen scheint relativ klar zu sein, welcher Pitch jeweils sinnvoll ist. Nun kommt aber erschwerend hinzu, dass jede der angestellten Überlegungen auch dem Batter und seinen Kollegen bewusst ist. Der Pitcher muss daher nicht nur die Spielsituation berücksichtigen, sondern auch die bestehenden Erwartungen und Erwartungserwartungen. Er muss häufig genug einen anderen als den auf der Hand liegenden Pitch wählen, damit der Batter sich nie zu sicher sein kann.

Einen Sonderfall stellt eine Spielkonstellation dar, in der ein Walk aus Sicht des Pitchers das geringste Übel darstellt. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein besonders starker Batter am Schlag ist und nach ihm eine vermeintlich leichtere Aufgabe wartet. Oder wenn die zweite Base besetzt, die erste aber frei ist. In dem Fall erhöht man die Chancen, im Infield ein leichtes Out oder auch zwei zu erzielen, indem man den Batter auf die erste Base lässt. Das kann man ganz offen tun, indem man einen Intentional Walk signalisiert: Der Manager hält vier Finger in die Höhe, woraufhin der Umpire den Batter direkt zur Base schickt. Oder man wählt die Variante “half-intentional” – das heißt, man wirft bewusst Pitches außerhalb der Strikezone und überlässt es dem Batter, ob er das Geschenk annimmt oder sich an einem wenig aussichtsreichen Schwung versucht.

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