Juni 2nd, 2020 by Silversurger

In der Serie über die Ballparks der MLB geht es heute um das wohl unbeliebteste Stadion der Liga: Tropicana Field in St. Petersburg. Moment mal, St. Petersburg? Natürlich ist nicht die russische Metropole gemeint, sondern die gleichnamige Stadt an der Tampa Bay in Florida. Der Name der Bucht ist den meisten Sportfans geläufiger als der der Stadt, da die meisten Teams der Region sich nach ihr benennen – so zum Beispiel die Tampa Bay Buccaneers (Football), Tampa Bay Lightning (Eishockey) und eben die MLB-Baseballer Tampa Bay Rays.

„The Trop“ von außen (1)

Geschichte
Die Stadtregierung von St. Petersburg war in den 1980er Jahren so sehr darauf aus, ein Profi-Sportteam im Ort anzusiedeln, dass sie den Bau eines Stadions beschloss, ohne einen Mieter dafür zu haben. Aufgrund des heißen und feuchten Sommerklimas sowie regelmäßiger Stürme in der Region entschied man sich für ein vollständig überdachtes Gebäude.

Das Stadion wurde ab 1986 unter dem Namen „Florida Suncoast Dome“ gebaut. Während und nach der Bauphase gab es einige Versuche, MLB-Teams nach St. Petersburg zu locken, zum Beispiel die Chicago White Sox, die Seattle Mariners und die San Francisco Giants. Sie alle blieben, wo sie waren, und als der 130 Millionen Dollar teure Dome 1990 eröffnete, stand er bis auf gelegentliche Rock-Konzerte und ein Davis-Cup-Finale die meiste Zeit über leer.

1991 wurde das Arena-Football-League-Team Tampa Bay Storm gegründet und zog in den Dome ein, 1993 kam das NHL-Team Tampa Bay Lightning hinzu. Für beide Sportarten war der als Baseball-Stadion konzipierte Dome überdimensioniert und insofern keine Dauerlösung, auch wenn er beiden Teams mehrere Zuschauerrekorde in ihren jeweiligen Ligen einbrachte. 1996 zogen Lightning und Storm um ins benachbarte Tampa.

Im gleichen Jahr begann eine umfangreiche Renovierung des Domes hin zu seinem ursprünglichen Zweck: dem eines Baseballstadions. Die MLB hatte zuvor entschieden, sich um zwei Teams zu vergrößern. Eines davon sollten die Tampa Bay Devil Rays sein. Zu diesem Anlass sprang Tropicana, eine Fruchtsaft-Tochter von Pepsi-Cola, als neuer Sponsor und Namensgeber des Stadions ein. Nach weiteren zwei Jahren und weiteren 70 Millionen Dollar Baukosten war es soweit: Am 31. März 1998 absolvierten die Devil Rays das erste MLB-Spiel in ihrer Heimstätte, eine 6:11-Niederlage gegen die Detroit Tigers.

Das Zuschauerinteresse an den Devil Rays war im ersten Jahr mit einem Schnitt von gut 30.000 Zuschauern ordentlich, doch dieses Niveau wurde danach nie wieder auch nur ansatzweise erreicht. Eine Rolle spielt dabei sicher, dass die Devil Rays in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens regelmäßig zu den schlechtesten Teams der Liga gehörten. Erst als sie 2008 den teuflischen Teil ihres Namens strichen, fanden sie plötzlich zum Erfolg und stürmten bis in die World Series. Tropicana Field sah seine beiden ersten und bislang einzigen Meisterschaftsspiele, von denen die Rays eins gewannen und eins verloren (bevor sie dreimal in Philadelphia unterlagen und den Phillies die Championship überlassen mussten).

Obwohl die Rays in den letzten Jahren häufig guten und erfolgreichen Baseball spielen, rangiert Tropicana Field bis heute regelmäßig in den hinteren Rängen der Zuschauertabelle. In Reaktion darauf wurde die Kapazität im Laufe der letzten 20 Jahre von einst rund 45.000 Plätzen immer weiter künstlich reduziert, indem ganze Blöcke und Ebenen dauerhaft geschlossen wurden mit dem Ziel, durch engeres Zusammenrücken der wenigen Zuschauer mehr Atmosphäre zu schaffen.

Architektonische Auffälligkeiten
Wenn man etwas Positives über Tropicana Field sagen möchte, dann vielleicht, das es einzigartig ist. Kein anderer MLB-Ballpark verfügt über ein dauerhaft geschlossenes Dach und kein anderer bietet eine Zirkuszelt-Optik wie Tropicana Field. Was für Fans der Manege ganz hübsch sein mag, ist allerdings für Baseball eher unpraktisch, denn die vielen Verstrebungen, Gerüste und Laufstege der Dachkonstruktion behindern häufig Flugbälle.

Baseball unter dem Zirkuszelt (2)

Ein weiteres einzigartiges Element ist der Rays Touch Tank, ein 38.000-Liter-Aquarium, in dem drei verschiedene Arten von Rochen (englisch: Rays) leben. Das Becken ist hinter dem rechten Centerfield gelegen und kann vor und während dem Spiel von den Zuschauern besucht werden. Ein Homerun, der im Tank landet, wird als besonderes Ereignis gefeiert und vom Klub mit einer Spende an das Florida Aquarium unterstützt. Unter Tierschützern stößt die Installation erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe, sodass schon mehrfach über ihre Abschaffung diskutiert wurde.

Nicht direkt ein architektonisches Element, aber eine massive Störung der Optik sind die vielen außer Betrieb genommenen und abgedeckten Sitzplätze. Durch sie erhält das gar nicht so alte, gar nicht so unmoderne Stadion den Charme einer Bauruine.

Rechts der Rays Touch Tank (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Tropicana Field ist in nahezu jeder Hinsicht als pitcher-freundlicher Ballpark zu bezeichnen. Trotz der relativ durchschnittlichen Dimensionen des im Centerfield 404 Fuß (123m) tiefen Outfields gibt es vergleichsweise wenige Homeruns, insbesondere durch rechtshändige Hitter. Auch für andere Runs und Hits ist St. Petersburg kein ideales Pflaster. Strikeouts hingegen werden in der kontrollierten, windstillen Umgebung des Domes begünstigt.

Besondere Ground Rules sind in Tropicana Field vor allem wegen der Laufstege innerhalb der Dachkonstruktion nötig. Die Stege hängen über dem Infield niedriger als über dem Outfield und bilden mehreren Ringe. Je nachdem, zu welchem Ring ein Laufsteg gehört, werden Bälle, die dort anstoßen, entweder als „in play“ oder „out of play“ und gegebenenfalls als Homerun gewertet.

Da die Bullpens in Tropicana Field nicht baulich vom Feld getrennt sind, sondern direkt neben den Outfield-Linien beginnen, kommen sich gelegentlich die aktiven Outfielder mit den dort aufwärmenden Pitchern und Catchern ins Gehege. Hinter jedem Catcher ist ein Batboy dafür zuständig, diesen vor Bällen zu bewahren, die ihn von hinten treffen könnten.

Wo sitzt man am besten?
Wenn man diesen Artikel bis hierher gelesen hat, könnte man vermuten, mein Rat, wo man in Tropicana Field sitzen soll, lautete „am besten gar nicht“. Aber nein, so weit möchte ich nicht gehen – wenn man die Möglichkeit hat, ein MLB-Spiel zu sehen, dann sollte man sie nutzen. Auch wenn das Stadion nicht besonders ansprechend ist, sind die Rays doch ein sehenswertes Team, das aus geringen finanziellen Möglichkeiten immer wieder erstaunlich viel herausholt.

Das Gute am fehlenden Zuschauerzuspruch in St. Petersburg ist, dass man vergleichsweise einfach und günstig an Tickets kommt. Plätze hinter der Homeplate (Blöcke 101 bis 108) bekommt für 65 bis 100 Dollar. Im Outfield – zum Beispiel Block 150 direkt neben dem Touch Tank – gibt es Tickets ab 20 Dollar.

Um Sonne oder Regen muss man sich in dem geschlossenen Stadion keine Sorgen machen, und da die oberen Blöcke gesperrt sind, ist man auch nirgends zu weit weg vom Feld. Abzuraten ist von den oberen Reihen (VV-YY) der Blöcke 107-131. Von dort wird der Blick nach oben behindert durch den Überhang der oberen Tribünen, sodass man Flyballs und Teile der Scoreboards nicht gut sehen kann. Im oberen Level (Blöcke mit einer 2 vorne) sollte man die erste Reihe meiden, da hier Geländer die Sicht stören.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: CityofStPete (CC BY-ND 2.0)
(2) Quelle: Flickr, Urheber: Bryce Edwards (CC BY 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: Rough Tough, Real Stuff (CC BY-NC-ND 2.0)

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