April 2nd, 2020 by Silversurger

Der Baseball befindet sich weiterhin im Shutdown und angesichts der Bilder aus New York, Kalifornien und anderen Gegenden der USA fällt es schwer zu glauben, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Statt um Sport geht es deshalb im heutigen Grand Slam am Donnerstag ein weiteres Mal um den Umgang der MLB mit der Corona-Krise.

Einigungen mit der Spielergewerkschaft
Die Liga und die Spielergewerkschaft MLBPA haben diverse Richtlinien vereinbart, wie man mit den Einschränkungen und Unwägbarkeiten durch die Corona-Situation umgehen wird. Hier die wichtigsten Punkte daraus:

  • Die Kader der MLB-Teams wurden eingefroren, das heißt es werden bis auf Weiteres weder Spieler entlassen noch neu eingestellt.
  • Die Kernforderung von Seiten der Spieler wird erfüllt: Ihnen wird für 2020 die volle „Service-Time“ angerechnet, egal ob und in welchem Ausmaß die Saison stattfindet. Das bedeutet unter anderem, dass sich Verträge nicht automatisch verlängern, sondern die Spieler mit auslaufendem Kontrakt – zum Beispiel Mookie Betts, J. T. Realmuto und Marcus Stroman – im Winter Free Agents werden.
  • Im Gegenzug müssen die Spielervertreter die Kröte schlucken, dass, wenn die Saison 2020 gekürzt wird, auch ihre Gehälter gekürzt werden. Sollte die Saison ganz abgesagt werden, werden an Gehaltszahlungen nur 170 Millionen Dollar ausgeschüttet, die die Franchises als garantierte Vorauszahlung bereit stellen.
  • Die Schwelle, ab der Teams Luxury Tax für überhöhte Spielergehälter zahlen müssen, wird sich für 2020 nicht an den tatsächlichen Gehaltszahlungen bemessen, sondern an den Zahlungen, die bei einer vollumfänglichen MLB-Saison angefallen wären. Somit werden die betreffenden Teams nicht von der Luxury Tax befreit, nur weil weniger Spiele stattfinden. Die Höhe der zu zahlenden Tax wird sich aber an den gekürzten Gehältern orientieren.
  • Die Verlierer der Vereinbarung sind Amateurspieler, die zurzeit noch in der Highschool oder im College aktiv sind. Um Kosten zu sparen, wird die Draft zur Auswahl dieser Spieler dieses und nächstes Jahr deutlich gekürzt. Statt der üblichen 40 Runden wird sie 2020 mindestens 5 und 2021 mindestens 20 Runden umfassen. Die konkrete Anzahl der Draftrunden legt der MLB-Commissioner fest, abhängig davon, ob und wie viele Spiele dieses Jahr stattfinden. Auch die Einstiegszahlungen für die gedrafteten Spieler werden reduziert.

Weitere Unterstützung für die Minor Leagues
Kurz nach den aufgezählten Vereinbarungen hat die MLB weitere Maßnahmen bekannt gegeben, um den von wirtschaftlicher Unsicherheit besonders betroffenen Spielern der Minor Leagues unter die Arme zu greifen. Jeder Spieler soll bis vorerst Ende Mai mit 400 Dollar pro Woche unterstützt werden. Das ist weniger als der während der Saison übliche Verdienst in den höheren Klassen, aber etwas mehr als das normale Gehalt in den niedrigeren Ligen. Außerhalb der Saison erhalten die Minor Leaguer von den Klubs sonst in der Regel überhaupt kein Gehalt.
OF/DH Shin-Soo Choo von den Texas Rangers hat unterdessen angekündigt, jedem der 190 Minor Leaguer im System der Rangers 1000 Dollar von seinem eigenen Geld abzugeben. Das ist eine großartige solidarische Geste und findet hoffentlich Nachahmer unter vielen anderen MLB-Spielern mit Millionenverträgen.

Wie geht es weiter?
Es weiß natürlich niemand, wann und wie es mit dem Baseball weiter geht in diesem Jahr. Aber vielleicht findet ihr ja interessant, wie die Erwartungen und Vermutungen in der Baseball-Community aussehen. Meine Lieblings-Statistikseite Fangraphs hat dazu eine Umfrage durchgeführt, an der sich über 1.000 Leute beteiligt haben (Selbstrekrutierung, also nicht-repräsentativ). Demnach gehen über 70% der Teilnehmenden davon aus, dass es im Jahr 2020 noch MLB-Baseball geben wird. Eine große Mehrheit rechnet damit, dass die Saison im Juni oder Juli beginnt und statt der üblichen 162 Spiele nicht mehr als 100 Partien pro Team umfassen wird. Es wird davon ausgegangen, dass keine oder nur wenige Spiele ohne Zuschauer stattfinden. Mit der Durchführung und dem Abschluss der Playoffs rechnen die meisten für November. Die Hälfte der Befragten glaubt an Playoffs im normalen Umfang, die anderen sagen teils eine Verkürzung, teils eine Ausweitung der Playoffs voraus.

London-Serie abgesagt
Eine endgültige Absage gibt es bereits: Die internationalen Serien der MLB werden dieses Jahr nicht stattfinden. Am 13. und 14. Juni sollten die Chicago Cubs und die St. Louis Cardinals zwei Spiele im London Stadium austragen. Auf diese Reise wird nun in jedem Fall verzichtet, ebenso wie auf die Spiele der San Diego Padres gegen die Arizona Diamondbacks in Mexiko-Stadt und auf die der New York Mets gegen die Miami Marlins in Puerto Rico. Alle Spiele werden, sofern die Saison noch stattfindet, als normale Heimspiele der jeweiligen Teams ausgetragen. Bereits verkaufte Tickets werden zurückerstattet. Ob die Serien nächstes Jahr nachgeholt werden, ist noch nicht bekannt.

Keine Tommy-John-Surgeries bei Dr. Andrews
Angesichts der Corona-Krise besteht auch in den USA die Anweisung, derzeit auf nicht dringend notwendige und verschiebbare Operationen zu verzichten, um Hygienekleidung und Krankenhauskapazitäten zu sparen. Das wirkt sich auch auf den Baseball aus, denn zum Beispiel die berühmte Tommy-John-Surgery (TJS) ist zwar für die Karriere der betroffenen Spieler enorm wichtig, aber es entsteht kein körperlicher Schaden, wenn man sie ein paar Monate später durchführt. Aus diesem Grund haben der führende TJS-Spezialist Dr. James Andrews und einige weitere Ärzte nun angekündigt, vorerst keine solchen OPs mehr auszuführen. Chris Sale, Noah Syndergaard und Tyler Beede, die jeweils in den vergangenen beiden Wochen operiert wurden, waren somit wohl die vorerst letzten Tommy-John-Patienten.

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März 8th, 2018 by Silversurger

Noch exakt drei Wochen sind es bis zum Saisonstart der MLB. Mike Moustakas, Jake Arrieta, Lance Lynn, Alex Cobb, Greg Holland und einige andere sind nach wie vor arbeitslos, während es in den vergangenen Tagen nur ein paar Verpflichtungen aus der zweiten oder dritten Reihe der Free Agents gab. Einige davon mussten sich mit einem Minor-League-Vertrag begnügen, nachdem der Markt in dieser Offseason für den Großteil der Spieler nicht viel hergab. Für den erwartungsfrohen Baseballfan gibt es immerhin schon seit zwei Wochen täglich Live-Baseball. Wenn man sich die aktuellen Stände im Spring Training anschaut, dann sieht das schon fast so aus, wie es auch in der regulären Saison laufen könnte: Die New York Yankees (10-2) führen die Grapefruit League an, die Chicago Cubs (9-2) die Cactus League, während sich ganz unten die Pittsburgh Pirates (3-7) und die Texas Rangers (3-8) tummeln.

Was bedeuten Spring-Training-Ergebnisse?
Nur zur Erinnerung, bevor die Fans der Yankees und der Cubs mit dem Feiern anfangen und die der Rangers und der Pirates Tränen vergießen: Die Ergebnisse des Spring Trainings haben nur einen ganz geringen Zusammenhang mit denen der regulären MLB-Saison. Letztes Jahr landeten zum Beispiel die Houston Astros im Spring Training nur bei 15-15, während Teams wie die Pittsburgh Pirates (19-12) oder die Los Angeles Angels (21-14) es auf hervorragende Bilanzen brachten – wir wissen alle, dass es nach der regulären Saison deutlich anders aussah.

Noch ein Tommy-John-Opfer bei den Rays
Schlechte Nachrichten für die Tampa Bay Rays: Nach Top-Prospect Brent Honeywell muss nun ein weiteres Pitching-Talent der Rays die Hoffnung begraben, dieses Jahr in der MLB sein Können unter Beweis zu stellen: José de León hat sich ein Band im Ellenbogen gerissen und wird sich genau wie Honeywell einer Tommy-John-Surgery unterziehen müssen. Die übliche Ausfallzeit nach dieser Prozedur beträgt 12 bis 14 Monate.

Ichiro zurück in Seattle
Für die Fans der Mariners und für einen der berühmtesten Spieler ihrer Geschichte wird ein Traum wahr: Ichiro Suzuki ist zurück in Seattle. Der 44-jährige Outfielder erhält einen Einjahresvertrag über 750.000 bis 2 Millionen Dollar und die Gelegenheit, seine großartige MLB-Karriere an dem Ort ausklingen zu lassen, an dem er die ersten zwölf Jahre davon verbracht hat. Für die Mariners war ein Move nötig geworden, nachdem in ihrem ohnehin dünn besetzten Outfield Ben Gamel für sechs Wochen ausfällt und auch Mitch Haniger und Guillermo Heredia angeschlagen sind. Ichiro stellt für die Mariners sowohl die benötigte Ergänzung auf dem Feld als auch eine willkommene Promotion- und Merchandising-Möglichkeit dar.

Rangers verpflichten kubanisches Talent
Die Texas Rangers haben 2,8 Millionen Dollar ihres internationalen Bonuspools investiert und sich die Dienste von Julio Pablo Martinez gesichert. Das 21-jährige kubanische Outfield-Talent erhält getreu den Regeln für internationale Verpflichtungen einen Minor-League-Vertrag sowie die genannte Summe als Signing Bonus. Martinez wird auf der Liste der Top-100-Prospects von Baseball America auf Rang 60 aufgenommen und ist damit das dritthöchste Prospect der Rangers.

Weitere Signings
2B/3B Ryan Schimpf konnte sich bei den Tampa Bay Rays, die ihn erst im Dezember von den San Diego Padres ertradet hatten, nicht durchsetzen. Gegen eine finanzielle Entschädigung lassen die Rays ihn nun weiterziehen zu den Atlanta Braves. Die Braves können ihn als Absicherung an der noch nicht endgültig besetzten dritten Base gebrauchen und ihn, da er noch zwei Jahre lang Minor-League-Optionen hat, ihn zwischendurch problemlos in der Farm parken.

Auch die Kansas City Royals haben noch etwas für die Tiefe ihres Kaders getan: Für ein Jahr und drei Millionen Dollar ergänzt Jon Jay das Outfield und Pitcher Ricky Nolasco bekommt einen Minor-League-Vertrag sowie die Chance, sich um einen Platz in der Starting Rotation zu bewerben.

Genau wie Nolasco hat auch Reliever Tyler Clippard keinen Erfolg dabei gehabt, einen neuen MLB-Vertrag zu finden. Auch er hat daher einen Minor-League-Vertrag unterschrieben in der Hoffnung, bei den Toronto Blue Jays so sehr zu überzeugen, dass er es zurück in die Majors schafft.

Allrounder Danny Valencia muss sich bei den Baltimore Orioles ebenfalls vorerst mit einem Minor-League-Vertrag zufrieden geben. Er hat allerdings die Option ausgehandelt, dass er 1,2 Millionen plus leistungsbezogene Bestandteile verdienen wird, sofern die Orioles ihn ins MLB-Team holen. Valencia ist hauptsächlich eine Absicherung für den Fall von Verletzungen, vielleicht aber auch für einen möglichen Trade von Manny Machado.

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Juni 26th, 2017 by Silversurger

Ich bin sicher, kein Name eines früheren MLB-Spielers begegnet einem heutzutage häufiger – nicht Babe Ruth, nicht Willie Mays, nicht Ted Williams oder Hank Aaron und auch nicht Barry Bonds. Tommy John stellt sie mit seiner Präsenz alle in den Schatten – und manch einem läuft es immer, wenn sein Name fällt, kalt den Rücken runter. Das ist nicht deshalb so, weil er ein besonders unangenehmer Zeitgenosse wäre und auch nicht, weil er mit seiner Spielweise die Gegner in Angst und Schrecken versetzt hätte. Mit einem Karriere-ERA von 3.34 und vier Berufungen ins All-Star-Team war John ein sehr guter, aber kein alles überragender Pitcher. Doch ihm ist gelungen, was vor ihm noch niemandem gelungen war: Nach der irreparablen Schädigung des wichtigsten Stabilisierungsbandes in seinem Wurfellenbogen – des ligamentum collaterale ulnare (englisch: ulnar collateral ligament) – pitchte er dreizehn weitere Jahre lang in der MLB. Verantwortlich dafür ist eine Operationsmethode, die an Tommy John erstmals durchgeführt wurde und die seither nach ihm benannt ist: die berühmt-berüchtigte Tommy-John-Surgery.

Tommy John begann seine MLB-Karriere 1963 im Alter von 20 Jahren in Cleveland. Elf Jahre lang trat der linkshändige Starter für die Indians, die White Sox und die Dodgers an, dann schien seine aktive Zeit beendet: Der Ellenbogen spielte nicht mehr mit und John konnte nicht an der World Series teilnehmen, die die Dodgers in diesem Jahr erreichten. Johns letzte Hoffnung bestand in einer Methode, deren Erfolgschancen der Orthopäde und Teamarzt Dr. Frank Jobe mit 1:100 bezifferte: Das beschädigte Band wird entfernt und durch ein anderes Band ersetzt. Dieses Ersatzteil wird entweder dem Körper des Patienten selbst (meist aus dem Unterarm oder dem Bein) oder als Organspende einer Leiche entnommen.

Am 25. September 1974 führte Dr. Jobe die OP an Tommy John durch. Sie verlief ohne Komplikationen, zog aber eine langwierige Reha-Phase nach sich: Die komplette Saison 1975 verbrachte John damit, seinen Körper wieder an die Belastung des Pitchens heranzuführen und dabei seine Bewegungsabläufe so zu korrigieren, dass diese Belastung minimiert wird. Eine große Unterstützung war dabei sein Teamkamerad Mike Marshall, erfolgreicher Relief-Pitcher bei den Dodgers und promovierter Kinesiologe, der bereits bei Johns Entscheidung für die OP eine wichtige Rolle gespielt hatte.

1976, mit 33 inzwischen in einem Alter, in dem viele Profisportler in Rente gehen, begann Tommy John seine zweite Karriere, die länger und erfolgreicher war als die erste: Drei der vier All-Star-Berufungen und alle drei World Series, in denen er spielte, erreichte er in der Phase nach der Operation. Bis zu seinem endgültigen Karriereende im stolzen Sportleralter von 46 Jahren verpasste Tommy John kein einziges Spiel mehr aufgrund von Ellenbogenproblemen. Die drei größten Auszeichnungen blieben ihm jedoch versagt: Bei seinen drei Teilnahmen an den World Series zwischen den Dodgers und den Yankees (1977, 1978 und 1981) stand er jeweils auf der Verliererseite, beim Cy-Young-Arward landete er zweimal (1977 und 1979) auf Platz zwei und bei seiner letzten Chance, über das Wahlverfahren in die Hall of Fame zu gelangen, brachte er es 2009 nur auf 31,7% statt der benötigten 75%.

Die Tommy-John-Surgery war eine Revolution für die Sportmedizin, wenngleich eine von der schleichenden Sorte: Nach der ersten OP führte Dr. Jobe den Eingriff zwei Jahre lang nicht mehr durch, um zunächst den Erfolg bei John abzuwarten. Nachdem dieser gesichert war, nahm die Zahl der Tommy-John-OPs beständig zu und ist heute gängige Praxis insbesondere im Baseball, aber auch für andere Sportler wie Football-Quarterbacks und Speerwerfer, bei denen die Beanspruchung des Ellenbogengelenks durch häufige Wurfbewegungen ähnlich hoch ist. Die Erfolgsaussichten, nach der Operation wieder zu voller Einsatzfähigkeit zurückzukehren, werden heutzutage auf 85 bis 90 Prozent beziffert. Was sich seit der ersten Tommy-John-OP bis heute so gut wie gar nicht geändert hat, ist die nötige Erholungszeit: Ein Jahr für Pitcher und ein halbes Jahr für Feldspieler gelten nach wie vor als Mindestmaße für eine vollständige Erholung von dem Eingriff.

Ins Reich der Mythen und Märchen wird von den meisten Experten übrigens die Annahme verwiesen, man könne nach einer Tommy-John-Surgery härter und ausdauernder werfen als vorher – die bei zahlreichen Eltern den Wunsch entstehen ließ, ihre Kinder „vorsorglich“ der Operation zu unterziehen. Dass in einigen Fällen nach der OP tatsächlich bessere Leistungen erzielt werden als vorher sah (nicht nur) ihr Erfinder Dr. Jobe darin begründet, dass die Patienten nach der OP ein größeres Augenmerk auf das Training und die angemessene Beanspruchung des Gelenkes legen als vorher.

 

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