November 20th, 2018 by Silversurger

In meiner Serie über die Ballparks der MLB geht es heute zum ersten und voraussichtlich einzigen Mal um ein Stadion außerhalb der USA. Im Rogers Centre tragen die Toronto Blue Jays ihre Heimspiele aus. Da es sich um eine Multifunktionsarena handelt, finden in dem Gebäude diverse weitere Veranstaltungen wie zum Beispiel Messen und Konzerte statt. Bis 2015 war es gleichzeitig die Heimstätte des CFL-Football-Teams Toronto Argonauts.

Geschichte
Football spielte eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, dieses Stadion zu bauen. Denn es war ein Spiel um die CFL-Meisterschaft im Jahr 1982, bei dem auf nachhaltige Weise deutlich wurde, dass ein geschlossenes Stadion angesichts des kanadischen Wetters eine gute Idee wäre. Das Exhibition Stadium, die damalige Heimat sowohl der Blue Jays als auch der Argonauts, wurde während des Spiels von einem sehr heftigen Regenschauer heimgesucht. 7,8 Millionen Fernsehzuschauer wurden Zeuge der unhaltbaren Zustände in der Arena, in der 55.000 Zuschauer versuchten, unter einen kleinen überdachten Bereich sowie in die Toilettenräumlichkeiten zu flüchten. Während der Siegesfeier am nächsten Tag gab es massenhafte und lautstarke Forderungen nach einem überdachten Stadion, denen sich der Premierminister des Bundesstaates Ontario, Bill Davis, der selbst das Spiel besucht hatte, anschloss.

Nach einer gut dreijährigen Phase des Sondierens und Planens begann 1986 der Bau der neuen Arena. Die Finanzierung des Baus, der erst 150 Millionen kanadische Dollar kosten sollte, im Endeffekt aber 570 Millionen verschlag, erfolgte zu einem guten Teil über Sponsoren. Das Modell, das dabei angewandt wurde, stieß auf starke Kritik, da es den beteiligten 30 Unternehmen für je 5 Millionen Dollar unter anderem exklusive Werbepartnerschaften für 99 Jahre zusicherte, was sich mittelfristig absehbar als Spottpreis erwies. 

Die offizielle Eröffnung des Stadions, zunächst unter dem Namen SkyDome, fand am 3. Juni 1989 in Form einer Feier mit prominenten Gästen und Livemusik statt. Das Highlight war die Öffnung des weltweit ersten komplett einfahrbaren Stadiondachs. Die 50.000 anwesenden Besucher waren davon allerdings nicht allzu begeistert, denn sie wurden bei der Zeremonie prompt wieder vollgeregnet.

Das erste Baseballspiel in der Arena war die Partie der Blue Jays gegen die Milwaukee Brewers am 5. Juni 1989. Das Spiel wurde 3:5 verloren, aber ein schlechtes Omen war diese Niederlage nicht: Der Umzug in das neue Stadion markierte den Beginn der erfolgreichsten fünf Jahre der Teamgeschichte mit vier Divisionsmeisterschaften und zwei gewonnenen World Series. Dementsprechend erlebte der Dome seine sportlichen Highlights als Baseballstadion allesamt Anfang der 90er Jahre: das All-Star-Spiel 1991 sowie die World-Series-Heimspiele der Blue Jays 1992 und 1993. 

Da das Stadion sich nicht nur im Bau, sondern auch im Unterhalt als sehr viel teurer erwies als ursprünglich kalkuliert, häuften sich über die Jahre Unsummen an Schulden an, sodass die Arena 1998 Gläubigerschutz anmelden musste und zum Preis von 80 Millionen Dollar an eine Investorengruppe verkauft wurde. 2005 übernahm Rogers Communications das Stadion – ein Telekommunikationsunternehmen, dem auch die Blue Jays gehören und von dem der ehemalige SkyDome seinen neuen Namen erhielt.

Rogers Centre, CN Tower und die Skyline von Toronto (1)

Architektonische Auffälligkeiten
Rogers Centre liegt in der südlichen Innenstadt von Toronto und bietet allein dadurch schon einen spektakulären Anblick, dass es direkt neben dem CN Tower steht, dem 553 Meter hohen Wahrzeichen der Stadt. Das herausragende Feature der Arena selbst ist das komplett ein- und ausfahrbare kuppelförmige Dach. Innerhalb von 20 Minuten wird aus einem offenen Stadion eine riesige Halle und umgekehrt. Bei niedrigen Temperaturen funktioniert der Mechanismus allerdings nicht zuverlässig, daher bleibt die Kuppel in den kalten Monaten durchgängig geschlossen.

Rogers Centre mit offenem Dach (2)

Nicht nur in Bezug auf das Dach ist Rogers Centre ein wahrer Verwandlungskünstler: Der Pitchermound wird hydraulisch ein- und ausgeklappt, je nachdem ob gerade ein Baseballfeld gebraucht wird oder nicht. Für Footballspiele können zusätzliche Sitze ausgefahren und bewegt werden, sodass sich die benötigte Form des Feldes ergibt. Bei Bedarf kann innerhalb einiger Stunden auch der Kunstrasenbelag entfernt  und später wieder ausgerollt werden.

Eine weitere Besonderheit von Rogers Centre ist ein integriertes Hotel mit 350 Zimmern, von denen 70 Blick auf das Spielfeld gewähren.

Innenansicht bei geschlossenem Dach (3)

Spielbezogene Eigenheiten
Die Ballpark-Faktoren von ESPN für die Saison 2018 sehen Rogers Center als ein Stadion, in dem etwas unterdurchschnittlich viele Hits und etwas überdurchschnittlich viele Homeruns vorkommen. Die Dimensionen von 328 Fuß (100 Meter) langen Foullinien ins Rightfield und Leftfield sowie einem 400 Fuß (122 Meter) tiefen Centerfield liegen im Mittelfeld der MLB-Ballparks. Es spricht somit vieles dafür, dass Rogers Centre eine Spielumgebung darstellt, in der weder die Hitter noch die Pitcher besonders bevorteilt werden.

In einer anderen Eigenheit, die sich auf das Spiel auswirkt ist Rogers Centre allerdings durchaus etwas besonderes im Vergleich mit fast allen anderen Ballparks: Es ist eines von nur noch zwei Kunstrasenstadien in der MLB (das andere ist Tropicana Field in Tampa Bay). Der künstliche Untergrund, das sogenannte AstroTurf, ist häufiger Gegenstand von Diskussionen. Einerseits liegt es auf der Hand, dass ein künstlicher Belag angesichts des kanadischen Klimas und des häufig geschlossenen Daches sehr viel leichter zu unterhalten ist als natürlicher Rasen. Andererseits herrscht unter den Spielern und Verantwortlichen im professionellen Baseball mehr und mehr die Meinung vor, dass Kunstrasen zu mehr Verletzungen und körperlichen Abnutzungserscheinungen führt als echtes Gras. Aus diesem Grund spielen inzwischen fast alle MLB-Klubs auf Naturrasen und auch in Toronto wurden mehrmals entsprechende Pläne publik. Umgesetzt wurden diese bisher nicht und es ist völlig offen, ob es jemals dazu kommt. Denn der finanzielle Aufwand für die bauliche Installation und Pflege eines Grasuntergrunds unter den gegebenen Bedingungen wäre hoch und würde der Arena obendrein einen guten Teil ihrer aktuellen Wandlungsfähigkeit nehmen.

Wo sitzt man am besten?
Im Bett liegen und Baseball schauen – nicht im Fernsehen, sondern live durch ein bodentiefes Fenster. Wäre das was? Im Toronto Marriott City Centre Hotel ist das möglich. Für 500 bis 600 kanadische Dollar (pro Nacht und Zimmer, nicht pro Person) kann man sich dieses besondere Erlebnis gönnen.

Was die normalen Sitzplätze betrifft, so folgt Rogers Stadium den gleichen Regelmäßigkeiten wie alle anderen MLB-Stadien: Oben ist es günstiger als unten, im Outfield ist es günstiger als hinter der Homeplate, Spiele gegen populäre Teams wie die Red Sox oder die Yankees sind teurer als andere Spiele. Das höchste Level (Blöcke mit 500er Nummern) ist zwar das billigste, aber man sitzt dort schon sehr weit weg, weil sich in Rogers Centre zwischen den normalen Blöcken noch zwei Ringe mit Logen ziehen. Je nach Wetter sind auch die Plätze auf der First-Base-Seite nicht empfehlenswert, denn bei starkem Sonnenschein und offenem Dach wird man dort oft geblendet.

In den letzten fünf Jahren sind die Ticketpreise in Toronto jährlich gestiegen, 2018 betrugen sie ca. 17 bis 85 Dollar je nach Platz. Das Ende der Fahnenstange scheint allerdings vorerst erreicht, denn angesichts steigender Preise bei sinkender sportlicher Leistung verkauften sich die Tickets dieses Jahr so schlecht, dass es in der zweiten Saisonhälfte teilweise wahnwitzige Sonderangebote hagelte wie zum Beispiel Premiumsitze für unter 10 Dollar.

Wer das Spiel mit Kindern besucht, kann sich bei der Blockwahl für einen der speziellen Familienbereiche entscheiden. Hierzu zählen die Abschnitte 237/238 (mittig im Leftfield) sowie 516/517 (oben auf Höhe der ersten Base). Der Hauptunterschied dieser Bereiche zu anderen Sitzen ist, dass dort kein Alkohol verkauft wird. Man kann sich mit seinen Kindern aber auch auf alle anderen Plätze wagen – meiner Erfahrung nach ist die Wahrscheinlichkeit, in einem MLB-Ballpark von Betrunkenen angepöbelt zu werden, sehr viel geringer als in einem deutschen Fußballstadion.

(1) Quelle: Flickr, Urheber: The City of Toronto (CC BY SA 2.0)
(2) Quelle: Wikimedia, Urheber: Magnus Manske (CC BY SA 2.0)
(3) Quelle: Flickr, Urheber: The West End (CC BY-NC-ND 2.0)

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