Juni 26th, 2018 by Silversurger

Es ist an der Zeit, Mike Trout und der großartigen Saison, die er gerade spielt, hier mal einen eigenen Artikel zu widmen. Der Mann ist so unglaublich gut, dass er möglicherweise auf dem Weg zur besten Saison eines MLB-Spielers aller Zeiten ist. Nach über 170 Jahren Major League Baseball, in denen fast 20.000 Spieler mehr als 16 Millionen Plate Appearances absolvierten, könnte das Jahr 2018 kurioserweise gleich doppelt historisch werden, denn auch auf der anderen Seite des in der Liga gebotenen Leistungsspektrums tut sich Erstaunliches. Aber dazu später mehr.

Mike Trout ist erst 26, blickt aber bereits auf 1004 MLB-Spiele zurück und wurde 2014 und 2016 als wertvollster Spieler der American League ausgezeichnet. Zwei MVP-Titel wären für die meisten anderen Spieler ein großartiger Eintrag auf der Visitenkarte, aber Trout ist damit eher noch unterbewertet. Schließlich führte er die Liga von 2012 bis 2016 in jedem Jahr in Wins Above Replacement (WAR) an. Auch 2017 war er in der Spitzengruppe dabei, obwohl er rund ein Viertel der Saisonspiele verletzungsbedingt verpasste. Zur Erinnerung: WAR sagt aus, wie viele zusätzliche Siege ein Spieler seinem Team einbringt im Vergleich mit einem Spieler auf Replacement Level, also einem problemlos verfügbaren Ersatzmann vom freien Markt oder aus der Minor League. Eine nähere Erläuterung dieser Statistik kann man in einem Artikel nachlesen, den ich vor zwei Jahren ebenfalls über Mike Trout geschrieben habe. Der Einfachheit halber beziehe ich mich hier durchweg auf die WAR-Version von Baseball-Reference, oft auch als bWAR abgekürzt.

Im laufenden Jahr hat Trout bislang keines der 79 Spiele seiner Los Angeles Angels ausgelassen und dabei schier unglaubliche Werte produziert. Seine Slashline von .325/.461/.657 und die daraus resultierende OPS von 1.118 führen ebenso die MLB an wie seine 23 Homeruns. Um das Paket komplett zu machen, hat Trout auch schon 13 Bases gestohlen und im Outfield mit einer makellosen Fielding Percentage sowie 2.9 UZR überzeugt. Zurzeit ist er etwas angeschlagen und läuft deshalb seit einer Woche nur als Designated Hitter auf.

Rechnet man die 6.6 WAR, die Trout seinem Klub bislang (Stand nach 78 Spielen) eingebracht hat, auf die ganze Saison hoch, kommt man auf eine Prognose von 13.7 WAR für das gesamte Jahr 2018. Das wäre Platz zwei in der Allzeit-Rangliste, direkt zwischen den Saisons 1923 und 1921 von Babe Ruth mit 14.1 bzw. 12.9 WAR. Man muss sich das mal vor Augen führen: Wir reden hier von Babe Ruth und Mike Trout und haben im Hinterkopf all die anderen großen Namen wie Barry Bonds, Mickey Mantle, Willie Mays, Ted Williams, Hank Aaron, Lou Gehrig, Ty Cobb und so weiter und so fort. Außer Ruth kann man jeden einzelnen von ihnen nehmen, seine beste Saison auf dem absoluten Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit anschauen – und jedes Mal feststellen, dass Mike Trout gerade eine bessere Saison spielt.

Genug der Huldigungen. Ich hatte ja eingangs versprochen, auch einen Blick auf die andere Seite des Leistungsspektrums zu werfen, das uns in der MLB geboten wird. Während Mike Trout eine der besten, wenn nicht sogar die beste Saison der MLB-Geschichte spielt, könnte gleichzeitig die von Chris Davis von den Baltimore Orioles eine der schlechtesten, wenn nicht sogar die schlechteste werden. Davis hat in seiner Karriere ebenfalls beachtliche Leistungen gebracht, ihr Highlight war eine Saison mit 53 Homeruns im Jahr 2013. Davon ist die 2018-Version von Chris Davis leider weit entfernt: In bislang 61 Spielen schlägt er .149/.230/.239 mit nur 5 Homeruns und 93 Strikeouts. Mit -2.3 WAR (Stand nach 60 Spielen) hat er seinem Team bisher deutlich mehr geschadet als genutzt. Normalerweise findet man sich bei solchen Werten recht schnell in den Minor Leagues oder auf dem freien Markt wieder, doch das Problem für die Orioles ist, dass der 32-Jährige sich in der dritten Saison eines Sieben-Jahres-Vertrags über 161 Millionen Dollar befindet. Deswegen und weil es für die Orioles ohnehin schon lange um nichts mehr geht, lässt man Davis weiterspielen in der Hoffnung, dass er irgendwann doch noch die Kurve kriegt und man für ihn irgendeinen Gegenwert herausholen kann. Dass man auf dem Großteil des ihm zustehenden Gehalts sitzen bleiben wird, ist den Orioles natürlich längst klar.

Um auch hier die Methode der Hochrechnung zu bemühen, die in Davis‘ Fall natürlich auf noch etwas wackligeren Füßen steht als bei Trout: Wenn Chris Davis den Rest des Jahres so oft und so schlecht weiter spielt wie bisher, wird er bei -4.8 WAR landen. Das wäre dann tatsächlich die schlechteste Saison der MLB-Geschichte. Bislang kommt diese zweifelhafte Ehre Jerry Royster zu, der 1977 für die Atlanta Braves -4.0 WAR produzierte.

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September 24th, 2016 by Silversurger

Angesichts von Europameisterschaft, Deutscher Meisterschaft und der heißen Phase der MLB-Saison sind in letzter Zeit meine Statistik-Erklärartikel ein wenig zu kurz gekommen. Das ist nicht schlimm, denn es gibt ja bald wieder eine viel zu lange Offseason. Mit einem Indikator möchte ich mich aber doch schon jetzt beschäftigen, denn er ist besonders interessant in Bezug auf die aktuelle Diskussion, wer dieses Jahr die Titel der Most Valuable Players (MVP) der beiden Ligen erhalten soll.

Die MVPs werden vom Baseball-Journalistenverband, der Baseball Writers‘ Association of America (BBWA) gewählt. Regelmäßig gibt es flammende Kontroversen darüber, welche Kriterien bei der Auswahl angelegt werden sollen. Da gibt es zum einen die Frage, ob und welche Rolle es spielen soll, ob der betreffende Spieler in einem erfolgreichen Team spielt. Die eine Fraktion sagt, es ist egal, da es um eine individuelle Auszeichnung geht und ein Spieler nicht für den Rest des Teams verantwortlich ist; die andere Fraktion sagt, ein Spieler, der mit seinem Team dauernd verliert, kann nicht der wertvollste der Liga sein. Die andere Frage ist, welche Statistiken am besten Auskunft über die Qualität eines Spielers geben. Traditionalisten schauen in erster Linie auf die Komponenten der Triple Crown: RBI, Batting Average und Homeruns für Batter; Wins, ERA und Strikeouts für Pitcher. Der progressivere Ansatz hingegen besteht darin, über diese Einzelwerte hinaus zu schauen und zu versuchen, den gesamten egenständigen Beitrag des jeweiligen Spielers zum Teamerfolg zu messen.

Der bekannteste Indikator, der diesen Gesamtbeitrag eines Spielers misst, heißt Wins Above Replacement, kurz: WAR. Das Grundprinzip von WAR besteht darin, dass der Wert des jeweiligen Spielers in Form von Siegen gemessen wird und zwar im Vergleich mit einem Spieler auf Replacement Level. Oder anders formuliert, WAR beantwortet die Frage: Wie viele Siege hat das Team mehr auf dem Konto, weil es den bestimmten Spieler X im Roster hat statt eines beliebigen Spielers Y?

Das Thema Replacement Level oder „beliebiger Spieler“ muss ich noch etwas näher erläutern: Ein Spieler auf Replacement Level meint einen Spieler, der einem MLB-Team zu minimalen Kosten und mit minimalem Aufwand zur Verfügung steht. Replacement Level ist in jedem Fall weniger als ein durchschnittlicher MLB-Spieler, aber auch mehr als irgend jemand Dahergelaufenes wie Tim Tebow oder ich. Replacement Level ist das Niveau, das ich erwarten kann, wenn ich wegen Verletzungen oder sonstiger Ausfälle eine Lücke mit einem Minor Leaguer oder einem arbeitslosen Profi zum Mindestlohn der MLB fülle. Die beiden führenden Statistikseiten Fangraphs und Baseball-Reference haben sich vor einigen Jahren auf eine gemeinsame Annahme zum Replacement Level geeinigt. Demnach entspricht das Replacement Level einer Siegrate von 29,4%. Ein Team, das nur aus Replacements besteht, würde in einer 162-Spiele-Saison nach dieser Annahme 47,7 Spiele gewinnen.

WAR ist keine offizielle MLB-Statistik und nicht standardisiert, das heißt unterschiedliche Quellen benutzen unterschiedliche Formeln und kommen zu leicht unterschiedlichen Ergebnissen, obwohl sie im Großen und Ganzen das gleiche messen. Das gilt auch für Fangraphs und Baseball-Reference, die sich zwar auf ein einheitliches Replacement Level geeinigt haben, aber eben nicht auf eine einheitliche Formel für WAR. Mit in die Aufzählung gehört auch Baseball Prospectus, bei denen der Indikator WARP (Wins Above Replacement Player) heißt. Die Grundidee ist bei allen drei Quellen die gleiche, nämlich dass man sich fragt,
– wie viele Runs ein Spieler für sein Team produziert hat,
– wie viele Runs der gegnerischen Teams er verhindert hat,
– wie viele Siege für sein Team diese Anzahl von verursachten oder verhinderten Runs wert ist und
– welchen Mehrwert gegenüber einem hypothetischen Replacement-Spieler diese Siege darstellen.

Eine sehr übersichtliche Darstellung der Unterschiede in den Berechnungsweisen kann man bei Baseball-Reference nachlesen. Fürs Erste genügt es zu wissen, dass bei der Bewertung von Pitchern für Baseball-Reference und Baseball Prospectus die Runs Allowed (RA) im Mittelpunkt stehen, für Fangraphs hingegen Fielding Independent Pitching (FIP) und dass bei der Bewertung von Battern alle drei auf unterschiedliche Weise die Leistungen am Schlag, im Feld und beim Baserunning mit einbeziehen und auch Parkfaktoren berücksichtigen. Letzteres bedeutet, dass der Einfluss auf die zählbaren Leistungen eines Spielers, häufiger in einem eher hitter- oder pitcherfreundlichen Ballpark zu spielen, herausgerechnet wird.

Unterschiedliche Berechnungen führen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das sieht man auf einen Blick, wenn man die WAR-Tabellen von Fangraphs (Spalte ganz rechts), Baseball-Reference (links oben) und Baseball Prospectus (zwei Links für Pitcher und Batter, jeweils Spalte ganz rechts) vergleicht. Immerhin sind sich Fangraphs und Baseball-Reference einig, dass Mike Trout in der aktuellen Saison bisher die meisten Wins für sein Team wert war und alle drei Seiten kommen gleichermaßen zu dem Ergebnis, dass Trout mit 8 bis 10 WAR die American League anführt und Kris Bryant mit 7 bis 9 die National League. Folgt man diesen Zahlen, müssten Trout und Bryant dieses Jahr MVP werden. Ob es wirklich so kommt? Wir werden sehen, aber ich wage es zu bezweifeln – vor allem in Bezug auf Trout, der in keiner der „klassischen“ Kategorien vorne steht und obendrein bei einem wirklich schlechten Team spielt.

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