Februar 9th, 2021 by Silversurger

Zehn Wochen Anlauf habe ich genommen, um die meiner Meinung nach größten Skandale der MLB-Geschichte herunterzuzählen. Platz eins wird kaum jemanden überraschen: Der traurigste, beschämendste und zugleich am längsten andauernde Skandal im professionellen Baseball ist die große und lange währende Rolle von rassistischer Diskriminierung.

Am 15. April 1947 hatte Jackie Robinson seinen ersten MLB-Einsatz für die Brooklyn Dodgers. Das war der Anfang vom Ende jahrezehntelanger Rassentrennung im Baseball. Dieses besonderen Moments wird jedes Jahr am 15. April gedacht: Alle Spieler, Coaches und sogar die Schiedsrichter tragen für einen Tag Jackie Robinsons Rückennummer 42 auf dem Trikot, die ansonsten in der gesamten Liga nicht mehr vergeben wird.

Robinson war übrigens nicht der erste schwarze Spieler in den Major Leagues. Im 19. Jahrhundert waren einige dunkelhäutige Akteure zu Einsätzen gekommen, zum Beispiel William Edward White 1879 für die Providence Grays und 1884 die Brüder Fleetwood und Weldy Walker für die Toledo Blue Stockings. Nach 1884 war die Rassentrennung im Baseball für über 60 Jahre traurige Realität. In einigen Minor Leagues wurde der Einsatz farbiger Akteure ausdrücklich verboten, in der MLB berief man sich auf ein sogenanntes „Gentlemen’s Agreement“. Viele Spieler und Teams in der MLB drohten mit Streiks für den Fall, dass sie gegen Mannschaften antreten sollten, die dunkelhäutige Spieler einsetzten. Cap Anson, First Baseman und Manager der Philadelphia Athletics und der Chicago White Stockings (später Chicago Colts), machte sich in dieser Hinsicht einen besonders unrühmlichen Namen.

Schwarze Baseballer konnten ihr Können in jener Zeit lediglich in den in puncto Infrastruktur und Verdienstmöglichkeiten klar benachteiligten „Negro Leagues“ zeigen. Die offizielle Anerkennung der in diesen Ligen vollbrachten Leistungen ließ sehr lange auf sich warten: Erst vor zwei Monaten, im Dezember 2020, gab die MLB bekannt, dass sieben „Negro Leagues“ der Jahre 1920 bis 1948 nachträglich als Major Leagues eingestuft werden. Das bedeutet, dass die 3.400 Spieler dieser Ligen mit all ihren Leistungen, Statistiken und Rekorden nun offiziell als Major Leaguer gelten. 

Nicht nur die viel zu späte Anerkennung der „Negro Leagues“ zeigt, dass Rassismus im Baseball keineswegs am 15. April 1947 schlagartig Geschichte war. Jackie Robinson und viele andere dunkelhäutige Spieler hatten noch über Jahre und Jahrzehnte mit offenen Anfeindungen durch Spieler, Funktionäre und Fans zu kämpfen. Der kürzlich verstorbene Hank Aaron musste dies vor allem 1973/74 erfahren, als er dabei war, den Homerun-Rekord von Babe Ruth zu brechen.

The Ruth chase should have been the greatest period of my life, and it was the worst. I couldn’t believe there was so much hatred in people. It’s something I’m still trying to get over, and maybe never will. (Hank Aaron) 

1987 kosteten rassistische Äußerungen den General Manager der Los Angeles Dodgers, Al Campanis, den Job. Ausgerechnet in einer Sendung zum 40. Jubiläum des Debüts seines ehemaligen Teamkameraden Jackie Robinson verriet Campanis krude Ansichten: zum Beispiel, dass vielen Schwarzen die „Voraussetzungen“ fehlten, Field Manager oder General Manager  zu sein, und dass sie schlechte Schwimmer seien, weil sie weniger Auftrieb hätten.

Ein noch erschreckenderes Beispiel dafür, dass Rassismus im Baseball auch lange nach 1947 noch eine Rolle spielte, bot Marge Schott, die Teameignerin der Cincinnati Reds von 1968 bis 1999. Schott leistete sich im kleinen Kreis regelmäßig beleidigende Ausfälle gegen Schwarze und Juden und verbot ihren Angestellten, Schwarze einzustellen. Nachdem sie 1996 öffentlich äußerte, Adolf Hitler sei am Anfang gut gewesen, bevor er „etwas zu weit gegangen“ sei, wurde sie von der MLB für zwei Jahre gesperrt und entschied sich anschließend zum Verkauf der Franchise.

Wo steht der Baseball heute in Bezug auf Rassismus? Das Glas ist halb voll, weil offen rassistische Äußerungen wie jene von Campanis und Schott eine absolute Seltenheit sind und auf konsequente Reaktionen stoßen; es ist halb leer, weil der Anteil von Dunkelhäutigen und sonstigen Angehörigen von Minderheiten in den Führungsebenen der Klubs immer noch unverhältnismäßig niedrig ist. Das Glas ist halb voll, weil zum Beispiel die Aktionen zur Unterstützung der „Black Lives Matter“-Bewegung im August 2020 gezeigt haben, dass die Spieler aller Hautfarben und Abstammungen bereit sind, gemeinsam starke Zeichen gegen Rassismus zu setzen; es ist halb leer, weil solche Zeichen offensichtlich immer noch nötig sind. Das Glas ist halb voll, weil auch subtilere und scheinbar „positiv gewendete“ Formen der Diskriminierung wie Logos und Teamnamen (z. B. der Cleveland Indians) in den Blick genommen und geändert werden; es ist halb leer, weil dieser ganze Prozess quälend lange dauert und immer noch von viel „wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „war doch schon immer so“ begleitet wird.

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November 28th, 2019 by Silversurger

Happy Thanksgiving allerseits! Für die USA im Allgemeinen und für NFL-Football im Speziellen ist heute ein bedeutender Feiertag. In der MLB wird sich heute eher nichts tun, die Spieler und sonstigen Akteure verbringen den Tag entweder mit der Familie oder mit sozialem Engagement. Für mich ist das eine gute Gelegenheit, in Ruhe darauf zurück zu blicken, was sich rund um die Liga in den vergangenen sieben Tagen getan hat – angefangen mit der Verpflichtung von Yasmani Grandal, die die White Sox frecherweise wenige Minuten nach dem letzten Grand Slam am Donnerstag öffentlich machten.

Die White Sox investieren in Grandal und Abreu
Das Rebuiling-Projekt der Chicago White Sox ist wohl offiziell abgeschlossen: Zwei Deals innerhalb weniger Tage über zusammen mehr als 120 Millionen Dollar signalisieren klar, dass der Klub ab sofort wieder eine Rolle spielen möchte in der AL Central und darüber hinaus. Das Geld bekommen zwei Spieler, die als erfahrene Eckpfeiler dabei helfen sollen, das junge, talentierte Team zu führen, welches die White Sox sich im Laufe der letzten Jahre aufgebaut haben.
Yasmani Grandal kommt für für vier Jahre und 73 Millionen Dollar nach Chicago. Der 31-Jährige war in der zweiten Offseason hintereinander der beste Catcher unter den Free Agents. Er hatte letztes Jahr damit überrascht, dass er sich mit einem Einjahresvertrag über 18,25 Millionen bei den Milwaukee Brewers zufrieden gab und ein Angebot der Mets über vier Jahre und 60 Millionen ausschlug. Der Vertrag, den er jetzt erzielt hat, spricht dafür, dass Grandals Taktik der Wette auf sich selbst aufgegangen ist. Gelungen ist ihm das durch die stärkste Saison seiner Karriere, in der er es auf 5.2 fWAR brachte mit einer Slashline von .246/.380/.468, 28 Homeruns in 632 Plate Appearances und einer soliden Defense.
Weitere 50 Millionen lassen die White Sox sich die Dienste von First Baseman Jose Abreu in den kommenden drei Jahren kosten. Der 32-jährige Slugger hatte letzte Woche einem Qualifying Offer der White Sox zugestimmt, nun konnten sich beide Seiten doch noch auf eine längerfristige Zusammenarbeit einigen. Abreus Saison 2019 (1.9 fWAR, .284/.330/.503, 33 Homerun) war gut, aber doch weit entfernt von den Leistungen, die er von 2014 bis 2017 gezeigt hat. Der Vertrag, den die White Sox ihm nun geben, wirkt in diesem Lichte recht großzügig, aber Abreus Wert als Führungsspieler dürfte für das Team deutlich über die zahlenmäßige Produktion hinaus gehen.

Trade zwischen den Brewers und den Padres
Keinen Blockbuster, aber einen interessanten Tausch einiger junger Spieler haben die Milwaukee Brewers und die San Diego Padres vereinbart: OF Trent Grisham und RHP Zach Davies gehen nach San Diego, dafür wechseln IF Luis Urias und LHP Eric Lauer zu den Brewers. Die Brewers erhalten darüber hinaus noch einen „Player to be named later“. Grisham und Urias sind beide frühere Top-Prospects, die die in sie gesetzten Erwartungen 2019 (noch?) nicht voll erfüllen konnten. Ein Tapetenwechsel hin zu einem Team, in dem die Konkurrenz auf den jeweiligen Positionen geringer ist als im bisherigen Klub, klingt in beiden Fällen nach einer guten Idee. Die in den Trade involvierten Pitcher sind Material für Mitte bis Ende einer Starting Rotation, wobei der 26-jährige Davies die etabliertere Größe ist, während der 24-jährige Lauer etwas mehr Entwicklungspotenzial bietet.

Mariners verlängern mit Rookie
Auch die Seattle Mariners haben ihren Posten an der ersten Base langfristig vergeben: Sie haben sich mit Evan White auf einen Sechsjahresvertrag über 24 Millionen Dollar geeinigt. Der Vertrag enthält zudem drei Verlängerungsoptionen für den Klub, durch die er sich letztlich auf neun Jahre und 55,5 Millionen belaufen kann. Der 23-Jährige White hat bisher noch kein MLB-Spiel absolviert. Die Saison 2019 verbrachte er bei den Arkansas Travelers, dem AA-Minor-League-Team der Mariners. Die frühzeitige und langfristige Verpflichtung erinnert stark an den Vertrag zwischen den Philadelphia Phillies und Scott Kingery, der damals – kurz vor der Saison 2018 – ebenfalls vor seinem ersten MLB-At-Bat für 24 Millionen und sechs Jahre unterschrieb. Interessanter Fakt am Rande: White ist derzeit der einzige Spieler im Roster der Mariners mit einem garantierten Vertrag, der über 2021 hinaus reicht.

Ein paar weitere Signings
Auf dem Free-Agent-Karussell der MLB standen diese Woche vor allem Catcher hoch im Kurs. Neben Grandal fanden auch Travis d’Arnaud (Atlanta Braves für 2 Jahre, 16 Millionen), Yan Gomes (Washington Nationals, 2 Jahre, 10 Millionen), Stephen Vogt (Arizona Diamondbacks, 1 Jahr, 3 Millionen), Mike Zunino (Tampa Bay Rays, 1 Jahr, 4,5 Millionen plus Klub-Option) und Dustin Garneau (Houston Astros, 1 Jahr, 650.000) neue Engagements für ihre Tätigkeit hinter der Homeplate.
RHP Kyle Gibson einigte sich mit den Texas Rangers auf einen Dreijahresvertrag über 30 Millionen Dollar. Auch LHP Drew Pomeranz (San Diego Padres, 4 Jahre, 34 Millionen), RHP Kendall Graveman (Seattle Mariners, 1 Jahr, 2 Millionen plus Klub-Option) und RHP Carl Edwards Jr. (Seattle Mariners, 1 Jahr, 950.000) haben neue Jobs gefunden.

Koreanischer Pitcher auf dem Sprung
Letzte Woche habe ich einige interessante Spieler aus der japanischen NPB aufgelistet, die sich in dieser Offseason um einen Wechsel in die MLB bewerben. Mindestens ebenso großes Interesse zieht derzeit der Koreaner Kwang-hyung Kim auf sich. Der linkshändige Pitcher von den SK Wyverns soll bereits Anfragen von den Mets, den Royals, den Dodgers, den Diamondbacks und den Cubs erhalten haben. In der KBO wurde der 30-Jährige in der Regel als Starter eingesetzt. Ob er in der MLB ebenfalls starten oder zum Reliever umfunktioniert werden soll, ist noch unklar – möglicherweise wird das auch ein Punkt in den anstehenden Verhandlungen mit den interessierten Vereinen sien.

Yankees streiten mit Ellsbury
Die New York Yankees waren in den letzten Jahren von außergwöhnlich zahlreichen Verletzungen geplagt. Von zwei besonders häufig verletzten Spielern, First Baseman Greg Bird und Outfielder Jacoby Ellsbury, hat man sich nun getrennt. Ein Schlussstrich ist damit, zumindest was Ellsbury betrifft, noch nicht gezogen. Ihm schulden die Yankees nämlich noch rund 26 Millionen Dollar aus einem 2014 geschlossenen Siebenjahresvertrag – 21 Millionen für die Saison 2020 sowie 5 weitere Millionen als Buyout, damit sich der Vertrag nicht automatisch bis 2021 verlängert. Die Yankees weigern sich bislang, dieses Geld zu bezahlen. Ihr Vorwurf lautet, Ellsbury habe sich ohne Absprache von einem Arzt außerhalb der Organisation behandeln lassen und damit seine Genesung beeinträchtigt. Die Spielergewerkschaft MLBPA hat bereits erklärt, Ellsbury zu unterstützen in dieser Auseinandersetzung, die zu einem interessanten Präzedenzfall werden kann.

Neuer Eigentümer für die Royals
Die Kansas City Royals haben einen neuen Owner: Der Unternehmer John Sherman hat den Klub für rund eine Milliarde Dollar gekauft. Er und der bisherige Eigentümer, David Glass, hatten sich vor drei Monaten auf den Handel geeinigt. Letzte Woche erfolgten die notwendigen Zustimmungen der anderen MLB-Teambesitzer, sodass der Verkauf vorgestern offiziell bekannt gegeben werden konnte. Sherman ist schon länger im Baseball-Geschäft aktiv. Bevor er nun das Team seiner Heimatstadt erwarb, hielt er bereits einige Jahre lang Minderheitenanteile an den Cleveland Indians. Für Glass waren die Royals ein glänzendes Geschäft: Er hatte den Klub im Jahr 2000 für 96 Millionen Dollar erworben.

Wahl zum ersten All-MLB-Team läuft
Seit 1933 gibt es in der MLB das All-Star-Spiel. Das Verfahren, nach dem die Spieler für die All-Star-Roster ausgewählt werden, hat sich seitdem mehrfach geändert, doch zwei Dinge sind immer gleich geblieben: erstens dass es je ein Team für die American League und die National League gibt, zweitens dass das Spiel ungefähr zur Mitte der Saison stattfindet und somit bei der Spielerauswahl nur die Leistungen aus der ersten Saisonhälfte berücksichtigt werden. Das wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern, aber es brachte die MLB auf die Idee, ab diesem Jahr zusätzlich die Wahl eines All-MLB-Teams einzuführen. Dieses Team wird nicht nach Ligen getrennt sein und es wird erst nach Abschluss der Saison gewählt. Die Auswahl erfolgt mit einem Gewicht von je 50 Prozent durch die Fans und durch ein Expertengremium. Die Fanwahl läuft seit Dienstag dieser Woche bis Dienstag nächster Woche (3. Dezember). In diesem Zeitraum könnt ihr hier eure Stimmen abgeben, bei Bedarf auch mehrmals im Abstand von 24 Stunden. Das Ergebnis wird am 10. Dezember während der Winter Meetings der MLB bekannt gegeben.

Dämliche Verletzungen gesucht!
Auch hier im Blog gibt es in Kürze wieder eine Wahl – zum zweiten Mal werde ich den MRI-Award für die dämlichste Verletzung (Most Ridiculous Injury) des Jahres vergeben. Ich habe bereits ein paar sehr aussichtsreiche Kandidaten auf dem Zettel, aber bevor ich die Abstimmung starte, möchte ich hier erstmal zu weiteren Nominierungen aufrufen. Teilt mir eure Kandidaten einfach als Kommentar unter diesem Artikel mit – bitte mit der dazugehörigen Geschichte, egal ob als Link oder in euren eigenen Worten.
Für alle, die den Award nicht schon vom letzten Jahr kennen: Es handelt sich um eine nicht bierernst gemeinte Auszeichnung für einen Spieler, der sich bei einer möglichst lächerlichen Aktion verletzt hat. Hier könnt ihr die Nominierungen und das Abstimmungsergebnis aus dem letzten Jahr nachlesen, hier die Laudatio auf den ersten Preisträger Chris Martin.

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