Mai 14th, 2019 by Silversurger

Wenn man sich die Zuschauerzahlen der MLB-Teams anschaut, so erklärt sich Vieles von selbst: Ganz oben stehen Teams, die sowohl eine lange Tradition ihr eigenen nennen als auch aktuell oben mitspielen – die Dodgers, die Cardinals, die Yankees, die Phillies und die Cubs. Ganz unten stehen überwiegend die Klubs, die sportlich mit geringen Ambitionen unterwegs sind – zum Beispiel die Orioles, die Tigers, die Royals und ganz besonders die Marlins. Vergleicht man die Zahlen mit denen des Vorjahres, so kann man auch ganz gut ablesen, welche Teams interessanter geworden sind – vor allem die Phillies und die Padres – und welche sich auf dem absteigenden Ast befinden – beispielsweise die Giants, die Nationals und die Indians.

Eine erstaunliche Konstanz legen hingegen die Zuschauer der Tampa Bay Rays an den Tag: Durchschnittlich 14.540 Leute wollten im bisherigen Jahr die Rays im Ballpark sehen. Das sind fast exakt gleich viele wie 2018 (14.428), und es sind vor allem deutlich weniger als bei jedem anderen Team außer den Marlins. Die Marlins stecken bekanntlich tief im Rebuilding, sind mit Abstand das schlechteste Team der MLB und tun nichts, was irgendwie zum Stadionbesuch ermuntern würde. Ganz anders die Rays: Sie haben letztes Jahr 90 Spiele gewonnen und nur äußerst knapp die Playoffs verpasst. Dieses Jahr führen sie die AL East an, in welcher mit den Red Sox und den Yankees die vielleicht stärksten und attraktivsten Konkurrenten der gesamten Liga unterwegs sind.

Am vergangenen Wochenende immerhin war Tropicana Field an zwei Tagen hintereinander ausverkauft. Man muss dazu zweierlei sagen: Erstens sahen die optischen und akustischen Eindrücke sehr stark danach aus, als wären es Heimspiele der Yankees. Zweitens bedeutet „ausverkauft“ in Tampa Bay nicht mehr als 25.025 Zuschauer und somit eine geringere Zahl als in anderen MLB-Stadien durchschnittlich die Spiele besucht. Die Kapazität von Tropicana Field wurde im Laufe der letzten 20 Jahre von einst rund 45.000 Plätzen immer weiter künstlich reduziert, indem ganze Blöcke und Ebenen dauerhaft geschlossen wurden mit dem Ziel, durch engeres Zusammenrücken der wenigen Zuschauer mehr Atmosphäre zu schaffen.

Die Gründe für das Ausbleiben der Zuschauer sind vielfältig. Ein Punkt ist sicher, dass das Stadion alles andere als schön ist. Es ist der einzige Ballpark der MLB mit dauerhaft geschlossenem Dach. Das Dach mit seinen vielen Verstrebungen und Gerüsten sieht von innen aus wie ein behelfsmäßiges Zirkuszelt, die Bullpens sind nicht vom Feld abgetrennt und die vielen außer Betrieb genommenen und abgedeckten Sitzplätze versprühen den Charme einer Bauruine. Auch die Lage des Stadions ist sehr ungünstig für einen Großteil der Einwohner des Einzugsbereichs. Von Tampa, der bevölkerungsreichsten Stadt der Tampa-Bay-Region, sind es über 30 Kilometer und das mit Verkehrsanbindungen, die im Berufsverkehr in der Regel überlastet sind. Hinzu kommt, dass Florida generell ein schlechtes Pflaster für professionellen Baseball zu sein scheint: Die beliebteste Sportart der Gegend ist Football und die Bevölkerung des Staats hat eine hohe Quote von Zugereisten, die selbst bei vorhandenem Baseballinteresse meist andere Lieblingsteams haben als die erst 1998 gegründeten Rays.

Im Endeffekt scheint es nur zwei realistische Auswege aus der Zuschauermisere der Tampa Bay Rays zu geben: einen Stadion-Neubau oder eine Relocation. Über Ersteren wird seit Jahren diskutiert, doch die aussichtsreichsten Pläne für einen neuen Ballpark im weitaus günstiger gelegenen Ybor City haben sich inzwischen zerschlagen. Momentan konzentrieren sich die Überlegungen wieder auf St. Petersburg, die aktuelle Heimat der Rays. Wahrscheinlicher erscheint allerdings, dass die Franchise spätestens 2027 mit Auslaufen der aktuellen Mietverträge eine ganz neue Heimat suchen und finden wird. Über mögliche Verlegungen oder Erweiterungen der MLB wird seit Jahren spekuliert. Es erscheint sehr gut vorstellbar, dass die Rays in diesem Zuge nach Montreal, Portland, Charlotte oder gar Mexico City verlegt werden. Das wäre zwar schade für die Region, aber ich glaube für die Liga wäre es die richtige Entscheidung.

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Juni 19th, 2018 by Silversurger

Es ist mal wieder eine großartige Baseballsaison mit atemberaubenden Plays, epischen Spiele, hautengen Divisionsrennen, Geschichten zum Lachen und zum Weinen. Aber eines ist in diesem Jahr bislang alles andere als erfreulich, sondern geradezu besorgniserregend: die Zuschauerzahlen. Je nach Quelle und Rechenmodell sind 2018 bislang zwischen 5% und 7% weniger Besucher in die Ballparks gekommen als bis zum vergleichbaren Zeitpunkt im letzten Jahr.

Die Entwicklung ist vor allem deshalb erstaunlich, weil die Zahlen in diesem Jahrzehnt bislang ziemlich stabil waren. Ein Rückgang um 1,1% von 2015 auf 2016 war bereits die größte Schwankung in diesem Zeitraum. Sollte es bis Saisonende bei dem bisherigen Rückgang von 5% oder mehr bleiben, wäre das ein echter Erdrutsch. Erstmals seit 2003 könnten die Gesamtzahl der Stadionbesuche unter die Schwelle von 70 Millionen und der Zuschauerschnitt pro Spiel unter 28.000 fallen.

Es ist sicher noch zu früh, in Krisenstimmung zu verfallen, aber man kann und sollte sich zumindest fragen, woran es liegt, dass dieses Jahr so viel weniger Menschen die Ballparks besuchen. Zwei Gründe scheinen sich aufzudrängen: das Wetter und die gefühlt außergewöhnlich hohe Zahl von Teams, die die Jagd nach sportlichen Erfolgen auf kommende Jahre vertagt haben.

Tatsächlich war das Wetter dieses Jahr im April und bis in den Mai hinein außergewöhnlich schlecht, das heißt es hat häufiger geregnet und die Temperaturen waren niedriger als in der Jahreszeit üblich. Das gilt mehr oder weniger für die gesamten USA und ganz besonders für den Norden und den mittleren Westen. Der lange Winter führte zu einer Rekordzahl von Spielverlegungen, aber auch dazu, dass viele Spiele unter ungünstigen äußeren Bedingungen stattfanden und/oder bis kurz vor Beginn noch auf der Kippe standen. Dass unter solchen Umständen weniger Zuschauer in die Ballparks kommen als an sonnigen Frühlingstagen, ist logisch. Es reicht jedoch bei weitem nicht aus, einen Rückgang von rund 2 Millionen Zuschauern zu erklären; außerdem ist inzwischen das Wetter besser geworden, die Zuschauerzahlen aber nicht.

Somit kommt der zweite Erklärungsansatz ins Spiel: die sehr hohe Anzahl von Teams, die sich im Modus des Tanking, Rebuilding oder wie auch immer man es nennen möchte, befinden. Der Ansatz, sich für ein paar Jahre aus dem Konkurrenzkampf auszuklinken und sich Zeit für einen fundierten Neuaufbau mit jungen Spielern zu nehmen, ist in einem System ohne Auf- oder Abstiege zweifelsohne ein sinnvoller. Das unterstreichen nicht zuletzt die Erfolge der jüngsten World Champions Houston Astros und Chicago Cubs, die genau diesen Weg gegangen sind. Aktuell haben sie damit aber leider so viele Nachahmer gefunden, dass die Spannung der Liga merklich beeinträchtigt wird. Mindestens zehn Teams, also ein Drittel der MLB, sind dieses Jahr ganz bewusst nicht konkurrenzfähig. Fünf von ihnen stehen derzeit bei einer Siegquote von unter 40% – das sind so viele wie in den vergangenen drei Jahren zusammen.

In Toronto, Detroit, Kansas City, Süd-Chicago, Baltimore, Pittsburgh und anderen Städten mit Rebuilding-Teams sind die Zuschauerzahlen besonders massiv eingebrochen. Am krassesten zeigt sich die Auswirkung der absichtlichen Nicht-Wettbewerbsfähigkeit auf den Zuschauerzuspruch in Miami. Mit 10.267 Besuchern pro Heimspiel bilden die von der neuen Ownergruppe um Derek Jeter entkernten Marlins das Schlusslicht der Liga. Letztes Jahr, als man zwar auch nicht besonders erfolgreich, aber zumindest aufrichtig bemüht war und dabei Stars wie Giancarlo Stanton und Christian Yelich in die Arena schickte, wurden fast doppelt so viele Zuschauer gezählt. Man muss allerdings auch erwähnen, dass die Marlins vor der Saison angekündigt hatten, ab diesem Jahr ehrlicher zu zählen als bisher – ein Teil des extremen Rückgangs ist vermutlich dadurch erklärbar.

Natürlich lassen sich weitere potenzielle Gründe für die schwachen Zuschauerzahlen finden. Laufen die Länge und das Tempo der Spiele zu sehr dem Zeitgeist zuwider? Ist das Spiel langweiliger geworden durch die Zunahme von Strikeouts und Homeruns? Sitzt den Menschen das Geld nicht mehr so locker, um die hohen Eintrittspreise bezahlen? Bieten Fernsehen und Streaming inzwischen zu viele Möglichkeiten, die Spiele bequem auf dem Sofa zu verfolgen? Vermutlich spielt all das eine gewisse Rolle, doch ich bin relativ optimistisch, dass die Besucherzahlen sich erholen werden, sobald ein nennenswerter Teil der Rebuilding-Teams sich zurück im Konkurrenzkampf meldet.

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