Chief Wahoo – reif für die Rente?

Man stelle sich vor, in Deutschland träte ein Sportverein auf den Plan, der sich beispielsweise „Castrop-Rauxel Zigeuner“ nennt und als Logo die vor rassistischen Stereotypen strotzende Karikatur eines Angehörigen des „fahrenden Volkes“ trägt. Der Aufschrei wäre groß, außer vielleicht wenn es ein von Sinti und Roma gegründeter Club wäre, dessen Bezeichnung einen selbstironischen Hintergrund hat. Das Beispiel klingt an den Haaren herbei gezogen, aber das ist es nicht, denn die Cleveland Indians entsprechen ziemlich genau diesem Muster: Sie tragen einen Namen, dessen Neutralität als Bezeichnung amerikanischer Ureinwohner zumindest fragwürdig ist, und obendrein als Logo die Karikaturfigur „Chief Wahoo“, die man mit ihrer knallroten Haut und der Hakennase relativ eindeutig als offen rassistisch bezeichnen muss.

Der Konflikt um den Namen und das Logo der Indians ist nicht neu, vielmehr schwelt er seit Jahrzehnten und kocht in unregelmäßigen Abständen immer wieder hoch. Dass es nun mal wieder so weit ist und sich dieses Mal tatsächlich etwas ändern könnte, geht auf niemand Geringeren als MLB-Commissioner Rob Manfred zurück. Gegenüber der New York Times ließ Manfred durch einen Sprecher verlauten, er habe gegenüber den Cleveland Indians den Wunsch deutlich gemacht, dass man sich von Chief Wahoo als Logo verabschiedet. Manfred galt schon früher als Gegner des Logos, hatte sich aber noch nie so deutlich öffentlich geäußert wie mit dem jüngsten Statement.

Sehr viel früher und sehr viel deutlicher haben sich schon zahlreiche Andere über Chief Wahoo geäußert: Seit den 1970er Jahren gibt es immer wieder Proteste und Klagen amerikanischer Ureinwohner, die sich durch den Teamnamen und vor allem durch das Logo beleidigt und herabgewürdigt fühlen, und schon seit über 20 Jahren wird jedes Jahr zum Opening Day eine Demonstration (wenngleich oft in überschaubarer Größe) gegen Chief Wahoo abgehalten.

Natürlich gibt es auch Anhänger der Gegenposition, die den Namen und das Logo nicht als Problem sehen sondern als liebgwonnene Tradition, von der man sich nicht trennen will. Das Argument dieser Seite ist, dass die wenig dezenten Anspielungen auf die amerikanischen Ureinwohner positive Assoziationen wecken sollen: Man wolle die Ureinwohner damit ehren, sich ihre Stärke und Standhaftigkeit zum Vorbild nehmen.

Ich glaube den Vertrern dieser Ansicht, zu denen natürlich vor allem der Verein selbst und die große Mehrheit seiner Anhänger gehören, dass sie das ernst meinen. Warum sollten sie ihr Team nach einer Volksgruppe benennen, die sie damit beleidigen wollen? Doch gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Chief Wahoo ist und bleibt ein stereotypes Zerrbild von einem amerikanischen Ureinwohner und in erster Linie sollten die Betroffenen selbst entscheiden, ob sie sich von einer Bezeichnung oder einer Darstellung beleidigt fühlen oder nicht. Für eine nicht unerhebliche Anzahl von Angehörigen und Interessenvertretern der betreffenden Volksgruppen ist das offensichtlich der Fall und das halte ich für Grund genug, sich zumindest von dem Logo zu verabschieden. Terry Pluto, einer der Beatwriter in Cleveland, hat es meiner Ansicht nach sehr gut auf den Punkt gebracht mit der Frage „Würdest du dich damit wohl fühlen, eine Chief-Wahoo-Kappe zu tragen, wenn du ein Indianer-Reservat besuchst?“ und seiner eigenen Antwort darauf: „No way.“

Die Politik des Clubs selbst ist übrigens, die Verwendung von Chief Wahoo seit rund zehn Jahren behutsam zurückzufahren, ohne sich offiziell zu einem Abschied von dem Logo zu bekennen. Das Logo wurde über die Jahre hinweg weniger präsent im Ballpark der Indians und auch auf Uniformen und Fanartikeln wurde Chief Wahoo inzwischen zum sekundären Logo heruntergestuft gegenüber einem großen roten „C“. Ein klarer Schnitt sieht freilich anders aus, die Präsenz der Rothaut-Karikatur ist nach wie vor unübersehbar und zwar nicht nur auf der Kleidung von Zuschauern sondern auch auf den meisten Varianten der von den Spielern getragenen Caps.

Ich hoffe sehr, dass man in Cleveland (und anderswo, zum Beispiel beim NFL-Team Washington Redskins) über kurz oder lang zur Vernunft kommt und sich zu klarer Kante gegen Rassismus und offenem Umgang mit dem Thema bekennt statt zu halbherzigen Rechtfertigungen und verschämtem Verschwindenlassen auf Raten. Die Indians haben ein starkes, sympathisches Team und eine große und treue Fanbasis. Von beidem werden sie kein Stück verlieren, wenn sie sich von Chief Wahoo verabschieden.

April 18th, 2017 by