Wilde Tage in der Bundesliga

Wer am vergangenen Wochenende und dem vorhergehenden Maifeiertag die Baseball-Bundesliga verfolgt hat, musste sich vermutlich mehrfach verwundert die Augen reiben. Irgendwas war anders als sonst, das zeigte sich vor allem an der unglaublich großen Anzahl von Runs, die erzielt wurden: 569 Zähler gingen in 32 Spielen über die Platte, das sind 17,8 Runs je Partie. Zum Vergleich: Üblich ist in der Bundesliga, seit Jahren relativ stabil, ein Durchschnitt von rund 11 Runs pro Spiel.

Man könnte auf die Idee kommen, der Spielplan hätte in den letzten Tagen besonders viele einseitige Spiele vorgesehen und dadurch die Offensiv-Feuerwerke hervorgerufen. So war es allerdings nicht. Auf dem Plan stand eine ziemlich gewöhnliche Mischung aus Paarungen mit großem Leistungsgefälle (z. B. Bremen vs. Bonn, Solingen vs. Wesseling) sowie solchen auf Augenhöhe in den oberen (z. B. Regensburg vs. Mannheim, Heidenheim vs. Mainz) oder in den unteren Tabellenregionen (z. B. Ulm vs. Saarlouis, Bremen vs. Köln). Die wundersame Run-Inflation zog sich durch sämtliche Arten von Duellen und traf (fast) alle Teams: Die Solingen Alligators sind unter den 16 Klubs der einzige, der nicht an mindestens einem Spiel mit mindestens 20 Runs beteiligt war.

Ganz unerklärlich ist der statistische Ausreißer der letzten Tage nicht. Mir erscheint es jedenfalls mehr als plausibel, dass hinter dem Phänomen eine allseitige Pitcher-Knappheit steckt. Vier Spiele innerhalb von vier bis fünf Tagen, mit dem vorhergehenden Wochenende sechs Spiele innerhalb von acht Tagen – das ist Alltag für MLB-Teams, aber eine komplett ungewohnte Belastung für die Bundesligisten. Viele von ihnen haben genau zwei Leute an Bord, die fähig und gewohnt sind, auf diesem Niveau einmal pro Woche sechs, sieben Innings zu pitchen. Dazu kommen im günstigen Falle zwei, drei Reliever, die für ein paar Innings einspringen und zur Not auch mal einen Start übernehmen können. Im weniger günstigen Fall kommt man als Coach eines Bundesligateams in solch intensiven Tagen noch schneller an den Punkt, an dem die Entscheidung richtig unangenehm wird: Verheizt man seine Starter, indem man sie mit nur zwei Tagen Pause erneut antreten lässt? Wirft man 17-, 18-jährige Nachwuchsspieler ins kalte Wasser? Oder schickt man Positionsspieler auf den Mound, um irgendwie die Innings rumzukriegen? Keine der drei Optionen ist dem sportlichen Niveau, das man den Zuschauern und sich selbst bieten möchte, besonders zuträglich. Verrückte Ergebnisse wie die der vergangenen Tage sind die logische Folge.

Es ist ein bisschen schade, dass die Bundesliga sich auf diese Weise selbst beschädigt. Ich möchte es aber mit der Kritik nicht übertreiben, denn dass die Spiele dieses Jahr in einen so engen Terminplan gequetscht wurden, kann man der Ligaleitung kaum zum Vorwurf machen. Es ist vielmehr eine bedauerliche Notwendigkeit, weil durch die Baseball-EM und die Olympia-Qualifikation das Zeitfenster für die Bundesligasaison sehr viel kleiner ist als in anderen Jahren.

Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen kehrt nun zumindest für ein paar Wochen wieder Normalität ein in den Spielrhythmus der Bundesliga. Um Christi Himmelfahrt herum wartet Ende Mai / Anfang Juni jedoch erneut eine Hammerwoche auf die höchste deutsche Spielklasse.

Mai 6th, 2019 by