Die Ballparks der MLB: Wrigley Field

In meiner Serie über Ballparks der MLB geht es heute nach Chicago. Dort stehen gleich zwei MLB-Stadien, aber die Fans der White Sox werden mir hoffentlich verzeihen, wenn ich sage, dass Wrigley Field das weitaus interessantere der beiden ist. Neben Fenway Park in Boston ist Wrigley Field der einzige noch in Betrieb befindliche Ballpark, der schon über hundert Jahre auf dem Buckel hat. Der Abstand von diesen beiden zu Rang 3 ist enorm: Dodger Stadium in Los Angeles ist „nur“ 56 Jahre alt.

Geschichte
Wrigley Field wurde 1914, zunächst unter dem Namen Weeghman Park, innerhalb von nur zwei Monaten erbaut. Es fasste zu Beginn 14.000 Zuschauer und war die Heimstätte der Chicago Federals. Diese spielten in der Federal League, einer Konkurrenzliga der National League und American League, die allerdings nur kurz Bestand hatte und schon 1915 wieder eingestellt wurde. Charles A. Weeghman, der Owner der Federals, kaufte daraufhin für 500.000 Dollar die Chicago Cubs, vereinigte die beiden Teams und ließ sie in das Stadion einziehen. Im Laufe der folgenden Jahre verkaufte Weeghman nach und nach Anteile des Klubs, bis schließlich um das Jahr 1920 der Kaugummi-Unternehmer William Wrigley Mehrheitseigner war. Der Ballpark wurde zunächst in Cubs Park und 1927 in Wrigley Field umbenannt.

Im Laufe seiner langen Geschichte wurde Wrigley Field immer wieder renoviert und erweitert. Die einschneidendsten Maßnahmen fanden 1922/23 statt, als die neuen Besitzer entschieden, das Stadion zu vergrößern, aber die bestehenden Strukturen beizubehalten. Dazu wurde die Haupttribüne in drei Teile zerschnitten und der mittlere und linke Teil wurden auf Rollen gesetzt, um sie auseinander zu ziehen. Das klingt unglaublich, hat aber funktioniert. Die entstehenden Lücken wurden durch neue Tribünen gefüllt, sodass der Park am Ende der Renovierung rund 31.000 Zuschauer fasste. Den Wrigleys war das noch nicht genug, weswegen sie 1927 eine zweite Etage auf die Haupttribüne bauen ließen, was die Kapazität auf über 38.000 erhöhte.

Tribüne auf Rollen: Der spektakuläre Umbau 1922/231

Spätere Maßnahmen betrafen vor allem die ursprünglich hölzernen Außentribünen: 1937 wurden sie durch Steinbauten ersetzt, welche wiederum 2006 erneuert und erweitert wurden, sodass das heutige Fassungsvermögen von  41.649 entstand. Bei dem Umbau 1937 erhielt Wrigley Field auch sein Wahrzeichen, die efeubewachsene Outfieldwand.

Wrigley Field war für lange Zeit das letzte Stadion der MLB, das ohne Flutlicht betrieben wurde. Eigentlich sollte schon 1942 eine Flutlichtanlage installiert werden, doch der japanische Angriff auf Pearl Harbor und der folgende Kriegseintritt der USA führten dazu, dass das vorgesehene Material für militärische Bedürfnisse gespendet wurde. Später führten Bestrebungen zur Installation einer Beleuchtung zu Widerständen sowohl bei den Einwohnern rund um das Stadion, die um ihre abendliche Ruhe fürchteten, als auch bei anderen Fans, die Tageslicht-Baseball als eine besondere Tradition der Cubs ansahen und als solche verteidigen wollten. 1988 war es dann aber doch soweit, nachdem die Liga bereits angedroht hatte, das Stadion von Postseason-Spielen auszuschließen, wenn es weiterhin ohne Flutlicht bliebe. Bis heute ist aber die Zahl der Flutlichtspiele in Wrigley Field aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten und Traditionen vertraglich limitiert.

Architektonische Auffälligkeiten
Das ganze Stadion ist allein schon durch seine über mehr als ein Jahrhundert gewachsene Struktur absolut einzigartig. Das berühmteste Feature von Wrigley Field ist aber die Begrenzung des Outfields, die von dichtem Efeu bewachsen ist. Dicht ist es jedenfalls im späteren Verlauf der Saison – zu Beginn einer Spielzeit haben die Blätter noch nicht ausgetrieben, mit der Zeit wird der Bewuchs dann immer dicker und grüner und wenn die Cubs es in die Playoffs schaffen, dann erlebt man mitunter auch die herbstliche Rotfärbung noch innerhalb der Baseballsaison.

Efeu im Outfield, darüber die „Baskets“2

Ebenfalls absolut einzigartig ist, dass es Zuschauerplätze nicht nur im Stadion gibt, sondern auch auf den umliegenden Häusern. Schon seit der Errichtung des Ballparks gab es Beobachter auf den Dächern entlang der Waveland Avenue hinter dem Leftfield und der Sheffield Avenue hinter dem Rightfield. Es handelte sich in der Regel nur um ein paar Dutzend Anwohner oder Bekannte mit Klappstühlen. Erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts uferte die Sache aus, indem von den Hauseigentümern regelrechte Tribünen aufgebaut und Tickets verkauft wurden. Den Cubs war dies ein Dorn im Auge und sie versuchten, gerichtlich dagegen vorzugehen. Schließlich kam es zu einer Einigung mit den meisten der Eigentümer, dass die Plätze weiter verkauft werden dürfen und ein Teil des Erlöses an die Cubs abzuführen ist. Es kam dennoch immer wieder zu Rechtsstreitigkeiten, zum Beispiel über den Bau einer neuen Anzeigetafel, die für einige der sogenannten Rooftop-Plätze die Sicht behindert. Um die Streitigkeiten dauerhaft zu beseitigen, haben die Cubs begonnen, die betreffenden Häuser zu kaufen und inzwischen einen Großteil davon unter ihre Kontrolle gebracht.

Im Hintergrund die vielleicht außergewöhnlichsten Zuschauerplätze der MLB3

Spielbezogene Eigenheiten
Die Ballparks der MLB sind so verschieden, dass es in fast jedem davon spezifische Groundrules gibt, also Regeln, die nur für diesen Ballpark gelten. Wrigley Field ist die Heimat der wohl berühmtesten Groundrule: Wenn ein Ball im Efeu der Outfieldwand stecken bleibt, rücken der Batter und alle Runner automatisch je zwei Bases vor; das gilt allerdings nur, wenn der Outfielder keinen Versuch unternimmt, den Ball zu befreien, und wenn der Ball nicht von alleine wieder herausfällt. Andernfalls bleibt der Ball im Spiel.

Eine andere besondere Regel lautet, dass jeder Ball, der innerhalb der „Baskets“ landet – das sind die über den Outfieldwänden angebrachten nach innen geneigten Maschendrahtzäune –, ein Homerun ist. Das außergewöhnliche daran ist, dass wegen der Neigung der Zäune Homeruns möglich sind, die kürzer sind als die eigentliche Distanz bis zur Outfieldwand.

Laut den Ballpark-Faktoren von ESPN für die Saison 2017 ist Wrigley Field einer der hitterfreundlicheren Ballparks der Liga. Das ist allerdings allenfalls die halbe Wahrheit, denn bei näherer Betrachtung zeigt sich erstens, dass das Stadion zu rechtshändigen Battern deutlich freundlicher ist als zu linkshändigen, und zweitens, dass die berühmten Chicagoer Winde eine wichtige und größtenteils unvorhersagbare Rolle dabei spielen, wie leicht oder schwer es an einem gegebenen Tag ist, einen Homerun aus dem Feld zu schlagen. Wenn dies  gelingt, fliegt der Ball übrigens oft nicht nur aus dem Feld sondern gleich ganz aus dem Stadion. Aus diesem Grund halten sich während des Batting Practices und des Spiels regelmäßig Ballhawks, also nach Bällen gierende Menschen, auf den Waveland und Sheffield Avenues auf, den Straßen zwischen dem Ballpark und den Rooftop-Tribünen.

Wo sitzt man am besten?
Wrigley Field ist eines von drei MLB-Stadien (die anderen sind Fenway Park und AT&T Park), die sehr häufig ausverkauft sind. Möchte man ein Spiel besuchen, so findet man meist nur wenige Tickets im direkten Verkauf, aber über die gängigen Weiterverkaufs-Plattformen wie Stubhub wird man in der Regel – mal mehr, mal weniger günstig – fündig.

Bei der Sitzauswahl ist zu beachten, dass es durch die altmodische Bauweise viele Plätze gibt, von denen die Sicht durch tragende Pfosten eingeschränkt ist. Insbesondere die oberen Bereiche der Sections 205 bis 239 und 503 bis 538 sind davon betroffen. Sehr gute Sicht auf Höhe des Infields hat man in den Sections 111 bis 131 (ganz nah am Geschehen) und 411 bis 430 (aus der Vogelperspektive und relativ preiswert).

Wer das ganz besondere Erlebnis sucht, muss natürlich auf eines der Rooftops. Die meisten Anbieter der Dachplätze haben sich auf Gruppen von zehn oder mehr Personen spezialisiert, man findet aber auch Angebote für Einzeltickets. Diese kosten in der Regel 100 bis 200 Dollar, oft als All-inclusive-Deal mit Essen und Getränken. Man bekommt auch diese Tickets über die gängigen Plattformen, zudem gibt es ein paar eigene Websites der Betreiber.

1 Quelle: Wikimedia, Urheber: Unbekannt (Public Domain)
2 Quelle: Wikimedia, Urheber: jimcchou (CC BY 2.0)
3 Quelle: Wikimedia, Urheber: Unique View (CC BY 2.0)

Januar 30th, 2018 by