Alles oder Nichts: Spiel 7 der World Series

Der Traum jedes neutralen Baseballfans wird heute Nacht ab 1 Uhr mitteleuropäischer Zeit wahr: Die World Series zwischen den Chicago Cubs und den Cleveland Indians geht in ein alles entscheidendes siebtes Spiel.

Nach dem Zwischenstand von 3:1 für die Indians in der Serie hatte ich offen gestanden nicht mehr damit gerechnet, dass die Cubs noch mal zurück kommen. Aber sie sind zurück gekommen – zunächst beim 3:2 in Spiel 5 mit starkem Pitching von Jon Lester und Aroldis Chapman nebst etwas Glück, dann mit relativ furioser Offense beim 9:3 in Spiel 6.

Gerade mal 2.1 Innings hielt Starter Josh Tomlin gestern Nacht für die Indians durch und als er den Mound verließ, war das Spiel durch seine sechs earned Runs bereits so gut wie entschieden. Kris Bryant hatte den Punktereigen mit einem Solo-Homerun im ersten Inning eröffnet, seinem ersten von insgesamt vier Hits in diesem Spiel. Die nächsten sechs Runs gingen allesamt auf das RBI-Konto von Addison Russell, der noch im ersten Inning einen 2-Run-Double sowie im dritten Inning einen Grand Slam nachlegte. Danach tauschten beide Seiten zwar noch ein paar Runs aus, aber mein persönlicher Eindruck war trotz der Schönredeversuche der Kommentatoren, dass nach drei Innings die Luft aus dem Spiel war und sich alle mit dem Ausgang abgefunden hatten.

Das einzig Gute an der früh absehbaren Niederlage aus Sicht der Indians ist, dass Manager Terry Francona die Herzstücke seines Bullpens – Andrew Miller, Bryan Shaw und Cody Allen – auf der Bank sitzen und sich für das alles entscheidende Spiel 7 schonen lassen konnte. So scheint man bestens gerüstet für eine knappe Entscheidung sowie für den Fall, dass das erneut nach nur drei Tagen Pause startende Ass Corey Kluber ein, zwei Innings kürzer durchhält als gewohnt.

Auf der anderen Seite muss sich Joe Maddon die Kritik gefallen lassen, seinen Top-Reliever Aroldis Chapman ohne erkennbare Not für fünf Outs ins Spiel gebracht zu haben, nachdem dieser am Vortag bereits Schwerstarbeit mit einem Acht-Out-Save geleistet hatte. Chapman wird heute Nacht zur Verfügung stehen, aber ein Tag Pause hätte ihm bestimmt trotzdem gut getan. Starter Kyle Hendricks pitcht dafür mit vollen vier Tagen Pause und falls nötig stehen Jon Lester, Jake Arrieta und John Lackey aus dem Bullpen zur Verfügung.

Nachdem ich in dieser Postseason schon oft daneben gelegen habe, werde ich keinen Tipp abgeben, wer das Spiel gewinnt. Aber angesichts der Pitcherriegen, die beide Seiten aufbieten, rechne ich mit sehr wenigen Runs. Der einzige Anhaltspunkt, eines der Teams im Vorteil zu sehen, ist vielleicht das sogenannte Momentum, das nach zwei verhinderten Matchbällen des Gegners sowie der offensiven Explosion von gestern klar auf Seiten der Cubs liegen dürfte. Doch was zählt schon Momentum an so einem Tag, an dem jeder vom Scheitel bis zur Sohle vollgepumpt mit Adrenalin sein und keinen Gedanken an irgendwas verschwenden wird, das vor oder nach dem Spiel liegt?

Auch im Heimvorteil der Indians sehe ich keine Implikation für den Spielausgang. Die letzten beiden Tage haben gezeigt, dass die vielen mitreisenden Cubs-Fans für eine ausgewogene Atmosphäre sorgen, zudem haben beide Teams in der bisherigen Serie nur einen Heim-, aber zwei Auswärtssiege auf dem Konto. Historisch betrachtet ist die Bilanz in siebten Spielen der World Series mit 18-19 aus Sicht der Heimteams quasi ausgeglichen. Apropos historisch: Die Cubs und die Indians haben bisher je zweimal im siebten Spiel einer Postseason-Serie gespielt – und immer verloren. Wer auch immer heute Nacht seine 108- oder 68-jährige Strecke ohne Titel beendet, wird dies mit dem ersten Spiel-7-Sieg seiner Teamgeschichte tun.

November 2nd, 2016 by