World Series 2016: Cubs vs. Indians im 1:1-Vergleich

Manchmal fällt es schwer zu glauben, dass es in der MLB kein heimliches Drehbuch gibt. Ich denke zum Beispiel an den Homerun von Dee Gordon in der ersten Plate Appearance nach dem Tod von José Fernández. Oder daran, wie ausgerechnet Rougned Odor die Niederlage seiner Texas Rangers in der ALDS gegen die Blue Jays besiegelt hat. Oder eben an die nun bevorstehende World Series.

Mit den Cubs und den Indians treten die beiden Teams gegeneinander an, die in der MLB am längsten darauf warten, den großen Titel mal wieder zu gewinnen – die Indians seit 1948, die Cubs sogar seit 1908. Außerdem trifft das Team mit der besten Bilanz der regulären Saison (Cubs, 103-58) auf das mit der besten Bilanz der Postseason (Indians, 7-1); auch hatten die Cubs das beste Pitching der Saison (3.15 Team-ERA), die Indians hingegen das beste der Playoffs (1.77 Team-ERA). Und dann sitzen an den Schaltstellen Theo Epstein als President of Baseball Operations bei den Cubs und Terry Francona als Manager der Indians – ausgerechnet die beiden Väter des Erfolgs der Red Sox im Jahr 2004, der deren historische 85-jährige Durststrecke beendete. Ich bin ganz sicher kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber mal ehrlich: Besser hätte man sich die Konstellation der 112. World Series der MLB nicht ausdenken können.

Einen zählbaren Vorteil haben die Cubs gegenüber den Indians: In den meisten Offensivstatistiken liegt Chicago sowohl für die reguläre als auch für die Postseason klar vor dem Gegner. Cleveland hat dafür den Heimvorteil auf seiner Seite, sowohl in den ersten beiden, als auch – falls die Serie über volle sieben Partien geht – in den letzten beiden Spielen. Um ein besseres Bild über die Stärken und Schwächen der Kontrahenten zu bekommen, gehe ich mal Position für Position durch:

Starting Rotation
Angesichts dessen, dass Chicagos Starter der Saison 2016 einen kombinierten ERA von 2.96 und damit nicht nur als einziges Team einen Wert unter 3 sondern auch einen Riesenvorsprung vor den zweitplatzierten Washington Nationals (3.60) aufweisen, kann man wohl ruhigen Gewissens behaupten, dass die Cubs das beste Starting Pitching im gesamten Baseball haben. Mit Jon Lester, Kyle Hendricks, Jake Arrieta und gegebenenfalls John Lackey bieten die Cubs eine Rotation auf, die nur aus Assen besteht. Die Indians hingegen hatten sowohl während der regulären Saison als auch während der Postseason ständig mit Verletzungen in diesem Mannschaftsteil zu kämpfen. Carlos Carrasco und Danny Salazar (der in der World Series voraussichtlich aus dem Bullpen zur Verfügung stehen wird) fallen seit Mitte September aus und in Spiel 3 der ALCS musste Trevor Bauer schon nach zwei Outs im ersten Inning wegen eines blutigen Fingers das Handtuch werfen. So blieb Corey Kluber als einzige erprobt hochklassige Option übrig, umgeben von Fragezeichen wir Josh Tomlin und Rookie Ryan Merritt. Überraschenderweise machte die aus der Not geborene Rotation der Indians ihre Sache in der bisherigen Postseason mehr als gut; mit einem Starter-ERA von 1.86 ließ sie sogar die Cubs (2.56) hinter sich. Die geringe Stichprobengröße lässt mich jedoch davor zurückschrecken, etwas anderes zu konstatieren als:
Vorteil Cubs

Bullpen
In meinen Augen haben es die Indians mehr als allem Anderen ihrem Bullpen zu verdanken, dass sie so weit gekommen sind. Die Einheit, die schon in der regulären Saison mit einem gemeinsamen ERA von 3.45 ganz vorne dabei war und auch einige Ränge vor den Cubs (3.56) lag, hat in der Postseason noch einmal eine Schippe draufgelegt und mit einem ERA von 1.67 massiv dominiert. Sechs Save-Situationen hat die Truppe um Andrew Miller und Cody Allen während den bisherigen Playoffs gesehen, alle sechs wurden gemeistert, zudem gelang ihr ein 8.1-Inning-Shutout in dem Spiel, das Starter Trevor Bauer schon nach zwei Outs verletzt verlassen musste. Die Cubs können da mit einem ERA von 3.53 und nur drei von fünf umgesetzten Saves nicht mithalten, obwohl auch sie mit großen Namen wie Aroldis Chapman und Hector Rondon gespickt sind. Das Kräfteverhältnis könnte noch ein Stück weiter kippen, wenn die Indians während der World Series tatsächlich den wiedergenesenen Danny Salazar aus dem Bullpen pitchen lassen.
Vorteil Indians

Catcher
Die Indians werden in der Regel mit Roberto Perez (.183/.285/.294) antreten, der in allen bisherigen Spielen der Postseason hinter der Platte hockte, obwohl auch Yan Gomes (.167/201/.327) inzwischen wieder zur Verfügung steht. Beide sind gute Catcher, offensiv aber zu vernachlässigen. Für die Cubs sieht es in dieser Hinsicht deutlich besser aus: Mit Willson Contreras (.282/.357/.488), David Ross (.229/.338/.446) und Miguel Montero (.216/.327/.357) sehen gleich drei Catcher regelmäßig Spielzeit und jeden einzelnen davon hätte ich lieber im Lineup als einen der Indians-Catcher.
Vorteil Cubs

First Base
Chicagos Anthony Rizzo und Clevelands Mike Napoli sind sich in mancher Hinsicht ähnlich: Beide sind Power Hitter (jeweils über 30 Homeruns und über 100 RBIs), beide warten auch mit sehr ordentlicher Plate Discipline auf (je über 70 Walks), allerdings mit unterdurchschnittlicher Defense; und beide gerieten mit Beginn der Postseason in einen Slump. Jenseits der Gemeinsamkeiten ist zu konstatieren, dass Rizzo seinen Slump in den letzten drei Spielen dank eines geliehenen Schlägers abgeschüttelt hat (vorher 2 von 26, seitdem 7 von 14) und dass er auch während der regulären Saison deutlich bessere Gesamtwerte (.292/.385/.544) erzielte als Napoli (.239/.335/.465).
Vorteil Cubs

Second Base
Von den Batting Slashlines der regulären Saison her ist Clevelands Jason Kipnis (.275/.343/.469) gegenüber Chicagos Javier Baez (.273/.314/.423) leicht im Vorteil. Diesen Vorteil gleicht Baez jedoch durch Zweierlei mehr als aus: Zum einen ist er in der Defensive stärker als sein Gegenüber, zum anderen spielt er eine unglaublich starke Postseason, in der er .342/.366/.526 schlägt und mit offensiven und defensiven Glanztaten mehrere Spiele maßgeblich zu Gunsten seines Teams beeinflusst hat.
Vorteil Cubs

Shortstop
Auf dieser Position drängen sich die Gemeinsamkeiten wieder auf: Sowohl die Indians mit Francisco Lindor (.301/.358/.435) als auch die Cubs mit Addison Russell (.238/.321/.417) treten mit einem 22-jährigen Shortstop an, der offensiv wie defensiv überzeugt. Die Slashline und alle daraus ableitbaren Offensivwerte sprechen für Lindor, wenngleich Russell mit 21:15 ein paar mehr Homeruns und RBIs erzielt hat und auch in der Defensive (19 Runs saved gegenüber 15 von Lindor) einen Hauch besser dasteht. Insgesamt sehe ich einen leichten Vorteil für Lindor, zumal dieser bislang auch eine erfolgreichere Postseason spielt als Russell.
Vorteil Indians

Third Base
Mit José Ramirez (.321/.335/.409) haben die Indians einen sehr guten jungen Third-Base-Man mit hohem Average und 22 gestohlenen Bases, aber das Matchup gegen MVP-Kandidat Kris Bryant (.292/.385/.554, 39 Homeruns) ist dennoch eine klare Angelegenheit zu Gunsten des Gegners.
Vorteil Cubs

Left Field
Hier haben sich bei beiden Teams in der Postseason Überraschungsstarter herauskristallisiert, die in der regulären Saison keine regelmäßigen Einsätze im Left Field hatten. Beide sind erfahrene Veteranen, die bereits je eine World Series gewonnen haben. Auf Seiten von Cleveland spielt Coco Crisp, der Ende August per Trade von den Oakland Athletics geholt wurde. Mit .231/.302/.397 erweckt Crisp, der in einer Woche 37 wird, den Eindruck, seine besten Zeiten hinter sich zu haben. Von dem nur eineinhalb Jahre jüngeren Ben Zobrist (.272/.386/.446) kann man das nicht behaupten. Er spielt auf konstant hohem Niveau und die Frage bei ihm ist immer nur, auf welcher Position man den Allrounder einsetzt – momentan eben im Left Field.
Vorteil Cubs

Center Field
Im Center Field bieten beide Teams Spieler auf, deren größte Stärke darin besteht, auf Base zu kommen – die Cubs den All-Star Dexter Fowler (.276/.393/.447), die Indians Rookie Tyler Naquin (.296/.372/.514). Weil Naquin mit mehr Power hittet, schlägt er Fowler in Sachen OPS. Auf der anderen Seite sprechen für Fowler die deutlich größere Erfahrung sowie die Fähigkeit, von beiden Seiten zu batten. Für Naquin könnte es hingegen zum Problem werden, dass die Cubs diverse linkshändige Pitcher aufbieten und er bisher nur wenige At-Bats gegen Linkshänder hatte.
Unentschieden

Right Field
Auf kaum einer Position unterscheiden sich die Stammspieler der beiden Teams so sehr wie auf dieser: Für Cleveland spielt Lonnie Chisenhall, ein grundsolider Batter (.286/.328/.439) mit allenfalls durchschnittlicher Defensive (4 Runs saved). Chicago hingegen tritt mit Jason Heyward an, dessen Bat (.230/.306/.325) eher mit durchgeschleppt wird, um nicht auf seine überragenden Fielding-Fähigkeiten verzichten zu müssen (28 Runs saved).
Unentschieden

Designated Hitter
Vier der bis zu sieben Spiele werden in Cleveland stattfinden und da die Regeln vom jeweiligen Heimteam abhängen, werden diese Spiele mit DH gespielt. Hier eine Einschätzung zu treffen fällt mir schwer, da die Lage der Cubs unklar ist: Die Frage ist, ob sich die Hoffnung bewahrheitet, Kyle Schwarber rechtzeitig fit zu bekommen und als DH einsetzen zu können. Der 23-jährige Slugger könnte, wenn er nach seiner die gesamte bisherige Saison umfassenden Verletzungspause wirklich wieder voll da wäre, einen Unterschied zu Gunsten seines Teams verkörpern. Wird er nicht oder nicht hundertprozentig fit, so müssen die Cubs mit weniger aufregenden Alternativen wie Miguel Montero (.216/.327/.357) oder Jorge Soler (.238/.333/.436) vorlieb nehmen. In dem Fall wären die Indians mit Carlos Santander (.259/.366/.498) oder Mike Napoli im Wechsel mit Santana auf 1B und DH besser besetzt.
Unentschieden 

Fazit
Ich komme auf sechsmal Cubs, zweimal Indians und dreimal Unentschieden. Meine Einschätzung spiegelt somit die Mainstream-Meinung wider, dass die Cubs als klarer Favorit in die World Series gehen. Andererseits haben die Indians mich und viele andere dieses Jahr schon so oft überrascht, dass es auf einmal mehr nun auch nicht mehr ankommt. Der Schlüssel für die Indians dürfte darin liegen, die Entscheidung möglichst oft in die späten Innings zu verlegen, um mit ihrem fantastischen Bullpen auftrumpfen zu können.

Ich erhoffe und erwarte mir eine spannende Serie. Dienstagnacht um 2 Uhr mitteleuropäischer Zeit geht es los mit Jon Lester gegen Corey Kluber.

Oktober 24th, 2016 by