World Series 2017: Dodgers vs. Astros im 1:1-Vergleich

Schon zum All-Star-Break Mitte Juli sprach alles für eine World Series zwischen den Los Angeles Dodgers (damals 61-29) und den Houston Astros (60-29). Beide hatten in der zweiten Saisonhälfte die eine oder Durststrecke zu überwinden, beendeten den regulären Spielplan aber mit 104 bzw. 101 Siegen und setzten sich in den Playoffs ihrer jeweiligen Liga durch – die Dodgers sehr deutlich gegen die Arizona Diamondbacks und die Chicago Cubs, die Astros zuerst klar gegen die Boston Red Sox und dann knapp gegen die New York Yankees. Zum ersten Mal seit den Reds und den Orioles 1970 treffen in der Finalserie zwei Teams mit jeweils über 100 gewonnenen Saisonspielen aufeinander. Passenderweise prognostiziert die Wettervorhersage für Los Angeles auch über 100 Grad – Fahrenheit, versteht sich, aber nach unserer Temperaturskala sind das immer noch schweißtreibende 39 Grad Celsius.

Mit den Astros fordert das offensivstärkste (896 gescorte Runs) Team der gesamten MLB die Dodgers als defensivstärkstes Team (580 zugelassene Runs) der NL. Um es in fortgeschritteneren und besser vergleichbaren Statistiken auszudrücken: Der Angriff der Astros bringt es auf 121 wRC+, das heißt er war in der regulären Saison 21% besser als der MLB-Durchschnitt (Zweiter waren die Yankees mit 108 wRC+, die Dodgers brachten es auf 104 wRC+). Die Dodgers bieten dagegen ein Pitching-Personal auf, das mit 118 ERA+ um 18% besser war als der Durchschnitt (Astros: 103 ERA+).

Noch ein interessanter Fakt am Rande: Die Astros, die vor fünf Jahren die Liga gewechselt haben, sind das erste Team im modernen Baseball, das die World Series sowohl für die National League (2005) als auch für die American League (2017) erreicht hat.

Von den äußeren Bedingungen her haben die Dodgers eine leicht bessere Ausgangsposition: Zum einen haben sie wegen der besseren Bilanz aus der regulären Saison das günstigere Heimrecht (Spiele eins, zwei, sechs und sieben) – falls die World Series so läuft wie die ALCS, in der jedes Team alle Heimspiele gewann, geht der Titel also an LA. Zum anderen gehen die Dodgers ausgeruhter in die Endspiele, für die sie das Ticket bereits letzten Donnerstag gebucht haben, während die Astros sich noch bis Samstagnacht mit den Yankees herumschlagen mussten.

Um ein besseres Bild über die Stärken und Schwächen der Kontrahenten zu bekommen, gehe ich mal Position für Position durch:

Starting Rotation
Mit Dallas Keuchel und Clayton Kershaw haben beide Teams einen linkshändigen Star und beide haben während der Saison noch eine rechtshändige Verstärkung als Nummer zwei der Rotation an Land gezogen: die Dodgers Yu Darvish, die Astros Justin Verlander. Rich Hill und Alex Wood bzw. Charlie Morton und Lance McCullers vervollständigen zwei sehr starke Pitcherriegen. Der Punkt geht knapp an die Dodgers, einfach weil sie den besten Pitcher der Welt haben.
Vorteil Dodgers

Bullpen
Houstons Bullpen hat in der bisherigen Postseason nicht allzu viel Anteil daran, dass die Astros so weit gekommen sind. Es spricht Bände, dass A.J. Hinch keinem seiner Reliever zutraute, Spiel sieben gegen die Yankees nach Hause zu bringen, sondern nach Starter Charlie Morton Starter Lance McCullers aufs Feld schickte. In 34 Relief-Innings erreichte der Pen der Astros in den Playoffs einen ERA von nur 5.03 und da ist der Auftritt von McCullers schon beschönigend mit eingerechnet. Die Dodgers hingegen bieten mit Leuten wie Kenley Jansen, Brandon Morrow oder dem umfunktionierten Starter Kenta Maeda eine Top-Einheit auf, die es in 28.2 Innings auf einen ERA von 0.94 brachte.
Vorteil Dodgers

Catcher
Die beiden Astros Brian McCann und Evan Gattis sind solide Catcher, sowohl am Schlag als auch in der Defensive. Solide ist allerdings nicht genug, um den Vergleich gegen Austin Barnes und Yasmani Grandal zu gewinnen. Die Dodgers-Catcher bringen mehr offensive Produktion (116 wRC+ gegenüber 104 wRC+), werfen mehr Runner aus (29% zu 12%) und weisen die deutlich besseren Werte im Pitch-Framing auf (+34 Runs zu -6 Runs).
Vorteil Dodgers

First Base
Hier sind beide Teams mit starken Neulingen besetzt: die Dodgers mit Cody Bellinger (.267/.352/.581), der wohl relativ sicher davon ausgehen darf, zum Rookie of the Year der National League ausgezeichnet zu werden; die Astros mit Yuli Gurriel (.299/.332/.486), einem mit 33 Jahren eher untypischen Rookie, der letztes Jahr nach seiner Flucht aus Kuba unter Vertrag genommen wurde und bisher eine fantastische Postseason (.366/.409/.512) spielt. Ein Duell auf hohem Niveau, bei dem Bellinger vor allem defensiv leicht die Nase vorn hat.
Vorteil Dodgers

Second Base
Bisher gingen alle meine Vergleiche an die Dodgers, aber das eindeutigste aller Matchups holen sich die Astros: Darüber, wie gut Jose Altuve (.346/.410/.547) ist, könnte man ganze Bücher schreiben und es würde mich sehr wundern, wenn er nicht zum MVP der American League gewählt wird. Seine bereits sensationellen Zahlen aus der regulären Saison hat er in der Postseason noch einmal übertroffen (.400/.500/.775). Die Dodgers haben hier mit Logan Forsythe (.224/.351/.327) und dem abgehalfterten Chase Utley (.236/.324/.405), der in fünf Postseason-Einsätzen dieses Jahr noch keinen Ball getroffen hat, kaum etwas entgegen zu setzen.
Vorteil Astros

Shortstop
Wir dürfen uns auf zwei der besten jungen Shortstops der Liga freuen: auf Houstons Carlos Correa (.315/.391/.550) und auf LAs Cory Seager (.295/.375/.479). Ich schätze Correa als etwas besser in der Offensive und Seager als etwas besser in der Defensive ein, sodass sich hier im Prinzip ein Unentschieden ergibt. Doch Seager hat die gesamte NLCS wegen einer Rückenverletzung verpasst und obwohl er nun wieder zum Roster gehört, ist es unklar, wie fit er in die World Series geht. Deshalb sehe ich Correa hier vorne.
Vorteil Astros

Third Base
Justin Turner (.322/.415/.530) ist mehr und mehr zum Star und Führungsspieler der Dodgers herangereift. Mit seinem Walkoff-Homerun gegen die Cubs hatte er einen der großen Momente der Championship Series. Dem gegenüber haben die Astros in Alex Bregman (.284/.352/.475) einen tollen jungen Spieler, der mit einem sensationellen Wurf an die Homeplate seinerseits der ALCS seinen Stempel aufdrückte. Offensiv lief es für Bregman in den Playoffs (.190/.244/.381) bisher nicht so gut.
Vorteil Dodgers

Left Field
Im linken Außenfeld liegt für beide Teams eher ein Problembereich. Bei den Astros hat Marwin Gonzalez (.303/.377/.530) sich mit einer starken regulären Saison einen Platz im Lineup erkämpft, in der Postseason (.162/.244/.216) ist sein Bat bisher aber kalt. Die Dodgers betreiben ein munteres Bäumchen-wechsel-dich mit den allesamt nicht überzeugenden Curtis Granderson (.212/.323/.452), Andre Ethier (.235/.316/.441) und Joc Pederson (.212/.331/.407) gegen Rechtshänder sowie Enrique Hernandez (.215/.308/.421), der in Spiel fünf gegen die Cubs mit drei Homeruns der Held war, aber in der Regel nur gegen Linkshänder trifft.
Vorteil Astros

Center Field
Die Lage bei den Dodgers ist hier nicht ganz klar, denn falls Shortstop Cory Seager nicht fit sein sollte, wird Allrounder Chris Taylor (.288/.354/.496) wohl dort gebraucht und einer der oben beim Left Field genannten Kandidaten wird im Center Field aushelfen müssen. So oder so geht dieses Duell an die Astros und George Springer (.283/.367/.522), der sowohl gegenüber Taylor als auch gegenüber den Alternativen in jeder Hinsicht zu bevorzugen ist.
Vorteil Astros

Right Field
Josh Reddick (.314/.363/.484) hat von den Statistiken der regulären Saison her ein noch besseres Jahr als Yasiel Puig (.263/.346/.487). Dennoch geht der Punkt für mich an den Dodger, zum einen weil Puig das deutlich bessere Fielding betreibt, zum anderen weil er sich in ganz hervorragender Postseasonform zeigt (.414/.514/.655), während Reddick (.171/.227/.171) zur ungünstigsten Zeit im Slump steckt und in der gesamten ALCS nur einen einzigen Hit hatte.
Vorteil Dodgers

Designated Hitter / Bench
Die Position des DH gibt es immer dann, wenn das Team aus der American League Heimrecht hat, also in den Spielen drei, vier und fünf. Naturgemäß sind die Astros besser auf das Spiel mit DH eingestellt, aber Carlos Beltran (.231/.283/.383) scheint seine beste Zeit hinter sich zu haben und hat vor allem mit linkshändigen Pitchern (.185/.228/.277) Probleme, was gegen die Dodgers nicht gerade hilfreich ist. Wahrscheinlich sehen wir an seiner Stelle häufiger den gerade nicht im Einsatz befindlichen Catcher. Die Bank und damit die DH-Auswahl der Dodgers scheint zumindest quantitativ etwas breiter aufgestellt, zum einen mit jenen aus der Gruppe Pederson, Granderson, Ethier, Utley, die gerade nicht im Feld aufgestellt sind, zum anderen möglicherweise mit Seager, falls er nach seiner Verletzung noch nicht wieder Shortstop spielen kann, jedoch als Hitter zur Verfügung steht.
Unentschieden

Fazit
Ich komme auf sechsmal Dodgers, viermal Astros und einmal Unentschieden. Das deckt sich mit meinem Gefühl, dass die Dodgers als Favorit ins Rennen gehen. Da ich generell im Zweifel für den Außenseiter bin und den Astros gönne, nach 55 Jahren Teamgeschichte ihren ersten Titel zu holen, drücke ich Houston ein bisschen die Daumen. In erster Linie aber erhoffe und erwarte ich mir eine spannende Serie mit einem hoffentlich verdienten Sieger. Heute Nacht um 2 Uhr mitteleuropäischer Zeit geht es los mit Clayton Kershaw (2.31 ERA, 3.07 FIP) gegen Dallas Keuchel (2.90 ERA, 3.79 FIP). Es wird auf jeden Fall heiß.

Oktober 24th, 2017 by