World Series 2018: Red Sox vs. Dodgers im 1:1-Vergleich

Endlich ist es soweit: Die World Series steht unmittelbar bevor und schon allein vom Klang der Namen her ist das Matchup ein absoluter Knaller: Die Boston Red Sox und die Los Angeles Dodgers treffen aufeinander, zwei der dominierenden Teams sowohl der jüngeren Vergangenheit als auch der gesamten MLB-Historie. Obwohl beide schon seit Urzeiten dabei sind, hat es das Duell Red Sox gegen Dodgers noch nie in einer World Series gegeben, auch nicht in der Zeit vor dem Umzug der Dodgers von Brooklyn nach Los Angeles. 1916 trafen die Red Sox jedoch einmal auf die Brooklyn Robins, den Vorgängerklub der Dodgers. Die von Babe Ruth angeführten Red Sox gewannen damals mit 4:1 Spielen.

Auch dieses Mal gehen die Red Sox als Favorit ins Rennen, nachdem sie die reguläre Saison mit 108 Siegen und einem Run Differential von +229 das ganze Jahr über dominiert haben. Die Dodgers hingegen mussten lange um den Einzug in die Postseason zittern, da sie ihr ebenfalls herausragendes Run Differential von +194 in „nur“ 92 Siege übersetzten.

Die Dodgers und die Red Sox sind sich in den letzten Jahren erstaunlich konsequent aus dem Weg gegangen: Unter den aktuellen Spielern der Dodgers ist Manny Machado der einzige, der nennenswerte Erfahrungen mit Spielen in Fenway Park hat. Alte Bekannte sind hingegen die Manager der Teams: Sowohl Bostons Alex Cora als auch Los Angeles‘ Dave Roberts haben in ihrer Karriere als Spieler für beide Teams gespielt, zeitweise auch gemeinsam.

Von den äußeren Bedingungen her haben die Red Sox eine leicht bessere Ausgangsposition: Zum einen haben sie wegen der besseren Bilanz aus der regulären Saison das günstigere Heimrecht (Spiele eins, zwei, sechs und sieben). Zum anderen gehen die Red Sox ausgeruhter in die Endspiele, für die sie das Ticket bereits letzten Donnerstag gebucht haben, während die Dodgers sich noch bis Samstagnacht mit den Brewers herumschlagen mussten. Das muss aber alles nichts heißen – letztes Jahr waren es die Dodgers, die in der World Series gegen die Houston Astros genau die gleichen beiden Vorteile auf ihrer Seite hatten und am Ende unterlagen.

Um ein besseres Bild über die Stärken und Schwächen der Kontrahenten zu bekommen, gehe ich Position für Position durch:

Starting Rotation
Mit Clayton Kershaw (Dodgers) und Chris Sale (Red Sox) bieten beide Teams je einen der weltbesten Starter der letzten Jahre auf. Die kurzfristigen Vorzeichen für diese beiden sind jedoch recht unterschiedlich: Kershaw überzeugte mit einem starken Start in Spiel fünf der NLCS und obendrein als Closer in Spiel sieben. Sale hingegen hielt bei seinem einzigen Auftritt in der ALCS nur vier Innings von Spiel eins durch, hatte offensichtliche Probleme, seine Pitches zu platzieren und musste einen Tag später wegen Magenproblemen ins Krankenhaus. Hätte es ein Spiel sechs gegeben, hätte Sale wohl starten können, aber wie fit er tatsächlich ist, bleibt ein Fragezeichen. Hyun Jin-Ryu, Walker Buehler und Rich Hill runden eine Dodgers-Rotation ab, die es in der Postseason auf einen ERA von 3.92 gebracht hat. Das ist ein ebenso durchwachsenes Ergebnis wie der ERA von 3.86 der Red-Sox-Starter, die neben Sale aus David Price, Nathan Eovaldi und Rick Porcello bestehen. Insgesamt eine recht ausgeglichene Sache, die in meinen Augen wegen der eingangs erwähnten Vorteile von Kershaw gegenüber Sale knapp zu Gunsten von Los Angeles entschieden wird.
Vorteil Dodgers

Bullpen
Der Bullpen der Dodgers war in der bisherigen Postseason eine regelrechte Offenbarung. In gut 41 Innings ließen die Reliever im Schnitt nur 1.3 Runs pro Spiel zu. Von solchen Traumwerten sind die Reliever der Red Sox weit entfernt und ausgerechnet deren eigentlicher Star Craig Kimbrel brachte in vier seiner fünf Oktober-Einsätze die Bostoner Fans mit wackeligen Auftritten ins Schwitzen. Die Red Sox versuchten, die Löcher im Bullpen durch mehrere Relief-Einsätze ihrer Starter zu stopfen. Letzten Endes haben sie auf diese Art Erfolg gehabt, aber gegen die Dodgers können sie in diesem Mannschaftsteil nicht anstinken.
Vorteil Dodgers

Catcher
Vor den Serien um die Conference Championships hätte ich auch diesen Vergleich zu Gunsten der Dodgers gesehen: Yasmani Grandal ist offensiv ein klares Upgrade gegenüber den Red Sox Sandy Leon und Christian Vazquez und schien den beiden defensiv mindestens gleichwertig. Das hat sich durch die NLCS geändert, in der Grandal plötzlich nicht mehr er selbst war und sich eine Abwehrschwäche nach der anderen leistete. Klar, jeder hat mal einen schlechten Tag, aber mein Eindruck ist, dass Grandals Selbstvertrauen unter den Fehlern gelitten hat und er zurzeit einen Unsicherheitsfaktor darstellt. Das scheint auch Dodgers-Manager Dave Roberts so zu sehen, der mehrfach auf Ersatzmann Austin Barnes zurückgreift, welcher ungefähr auf dem Niveau von Leon und Vazquez einzustufen ist.
Unentschieden

First Base
Bei den Dodgers wechseln sich je nach Händigkeit des Pitcher meistens David Freese und der Senkrechtstarter des Jahres, Max Muncy, ab, nachdem der 1B-Senkrechtstarter des vorherigen Jahres, Cody Bellinger, seine Wirkungsstätte ins Outfield verlegt hat. Die Red Sox setzen dem ebenfalls ein Platoon entgegen, bestehend aus Steve Pearce und Mitch Moreland. Da die Dodgers drei Linkshänder in ihrer Rotation haben, wird es meistens auf Pearce hinauslaufen. Für mich ein:
Unentschieden

Second Base
Hier schien sich für die Red Sox durch den langfristigen Ausfall von Dustin Pedroia ein Problemfeld aufzutun. Doch Utilityman Brock Holt sowie der aus Los Angeles (von den Angels, nicht von den Dodgers) akquirierte Veteran Ian Kinsler haben die Lücke nahtlos geschlossen. Bei den Dodgers sieht es oberflächlich betrachtet ganz ähnlich aus, denn auch hier teilen sich ein Allrounder (Enrique Hernandez) und ein zur Trade-Deadline erworbener Veteran (Brian Dozier) die Position. Beide sind jedoch seit Wochen in schwacher Offensivform, sodass dieser Punkt klar nach Boston geht.
Vorteil Red Sox

Shortstop
Nach Corey Seagers Verletzung zogen die Dodgers kräftig an der Notbremse und tradeten fünf Prospects nach Baltimore für das Recht, die letzten dreieinhalb Monate des auslaufenden Vertrags von Manny Machado nutzen zu dürfen. Machado ist ein polarisierender, unsympathischer Zeitgenosse, anders kann man es nicht sagen. Aber verdammt, er ist gut. Bostons Xander Bogaerts ist auch ein guter Shortstop, sowohl offensiv als auch defensiv, aber gegen Machado zieht er in meinen Augen leider den Kürzeren.
Vorteil Dodgers

Third Base
Kommen wir zum sympathischeren Teil des linken Infields der Dodgers: Justin Turner hat sich von einem bei den Orioles und den Mets mehr oder weniger gescheiterten Spieler in Los Angeles zu einem absoluten Leistungsträger entwickelt, der sowohl durch sein markantes Äußeres als auch durch seine Neigung zu entscheidenden Hits das Gesicht des Klubs prägt. Bei den Red Sox halte ich Rafael Devers für offensiv stärker als Eduardo Nunez, welcher hingegen der bessere Feldspieler ist. Die beiden werden sich abwechseln, wobei man gegen die Dodgers wohl häufiger auf Rechtshänder Nunez setzen wird. Beide unterliegen im Vergleich mit Turner.
Vorteil Dodgers

Left Field
Chris Taylor ist fast immer im Lineup der Dodgers, allerdings auf häufig wechselnden Feldpositionen. Im linken Außenfeld findet man ihn vor allem gegen linkshändige Pitcher, gegen Rechtshänder macht er Platz für Joc Pederson. Taylor ist der besere Fielder und kommt etwas häufiger auf Base, während Pederson mehr Power mitbringt. Die Red Sox müssen sich keine Gedanken über Matchups und Händigkeiten machen, denn mit Andrew Benintendi haben sie links hinten einen jungen Topspieler, der offensiv und defensiv das komplette Paket mitbringt, das man sich von einem Baseballer wünscht.
Vorteil Red Sox

Center Field
Chris Taylor ist auch hier zu finden, doch meistens dürfte das Centerfield die Domäne von Cody Bellinger sein. Bellinger ist ebenfalls ein sehr vielseitiger Spieler, der zwar keine feste Position hat, aber als einer von nur sieben Spielern der Liga in 162 Spielen der regulären Saison aktiv war. In der NLCS wurde Bellinger zum MVP gewählt, da er trotz eines Batting Averages von nur .200 ein paar entscheidende Hits und einen großartigen Catch hatte. In verblüffendem Gleichschritt wurde auch sein Bostoner Gegenpart Jackie Bradley Jr. zum MVP gewählt, der ebenfalls einige entscheidende Szenen hatte und ebenfalls nur .200 schlug. Die beiden teilen nun den Rekord für den niedrigsten Average, mit dem ein Positionsspieler MVP einer League Championship wurde. Nach meiner Einschätzung teilen sie sich auch diesen Vergleich.
Unentschieden

Right Field
Man weiß nie so recht, was man von Yasiel Puig erwarten darf. Sein Talent an der Platte, seine Geschwindigkeit und sein Wurfarm suchen ihresgleichen, doch seine Emotionalität und seine Neigung zur Selbstüberschätzung stehen ihm auf dem Pfad zum ganz großen Durchbruch oft im Weg. Ganz anders Mookie Betts, der ähnliche Anlagen mitbringt und das beste daraus macht. Betts ist offensiv wie defensiv der wohl stärkste Rightfielder der Liga und der aussichtsreichste Kandidat für den MVP-Titel der American League.
Vorteil Red Sox

Designated Hitter
Die Position des DH gibt es immer dann, wenn das Team aus der American League Heimrecht hat, dieses Mal also in den Spielen eins, zwei, sechs und sieben. Naturgemäß sind die Red Sox besser auf das Spiel mit DH eingestellt und haben mit J. D. Martinez den besten reinen Hitter der Liga. Martinez ist so gut, dass man in Boston bereits wild spekuliert, wie man ihn auch in den NL-Heimspielen ins Lineup bringen kann. Eine denkbare Variante wäre, ihm das Rightfield zu überlassen und dafür Betts an der zweite Base einzusetzen. Die Dodgers haben so viel Tiefe und Flexibilität im Kader, dass sie kein Problem damit haben werden, einen brauchbaren DH aufzustellen – Turner, Muncy, Pederson und Matt Kemp wären dafür zum Beispiel Kandidaten.
Vorteil Red Sox

Fazit
Ich komme auf viermal Dodgers, viermal Red Sox und dreimal Unentschieden. Das ist erstaunlich ausgeglichen angesichts dessen, dass mein genereller Eindruck und auch die Saisonbilanzen dafür sprechen, dass die Red Sox als Favorit ins Rennen gehen. Für mich persönlich waren die Red Sox schon immer das Team, dem ich in der AL die Daumen drücke, daher schlägt mein Herz auch in dieser Serie für Boston. Vor allem aber wünsche und erwarte ich eine spannende Serie mit einem hoffentlich verdienten Sieger und wenn dieser am Ende die Dodgers sind, dann sei es ihren Fans – schöne Grüße an Thomas und Arvid – herzlich gegönnt.

Heute Nacht um 2:09 Uhr mitteleuropäischer Zeit geht es los mit Clayton Kershaw gegen Chris Sale. Ich freue mich riesig auf die World Series und werde trotz beruflicher und privater Verpflichtungen die eine oder andere Nachtschicht einlegen, um die Spiele wenigstens teilweise zu sehen. Zum Schlafen ist schließlich von November bis Februar genug Zeit…

Zu guter Letzt noch eine Einschaltempfehlung: Wenn ihr die Spiele live sehen wollt, dann habt ihr die Möglichkeit dazu im deutschen Free-TV, denn Sport1 überträgt die World Series. Besonders freue ich mich auf das Kommentatoren-Duo Andreas Thies von meinem Lieblings-Podcast Just Baseball und Matthias Ondracek, der früher für die Regensburg Legionäre spielte und nun außer für Sport1 auch für die offizielle Seite der Baseball-Bundesliga arbeitet. Die beiden sind für mich Grund genug, ausnahmsweise mal meinem geliebten mlb.tv den Rücken zu kehren.

Oktober 23rd, 2018 by