Wo sind die Zuschauer hin?

Es ist mal wieder eine großartige Baseballsaison mit atemberaubenden Plays, epischen Spiele, hautengen Divisionsrennen, Geschichten zum Lachen und zum Weinen. Aber eines ist in diesem Jahr bislang alles andere als erfreulich, sondern geradezu besorgniserregend: die Zuschauerzahlen. Je nach Quelle und Rechenmodell sind 2018 bislang zwischen 5% und 7% weniger Besucher in die Ballparks gekommen als bis zum vergleichbaren Zeitpunkt im letzten Jahr.

Die Entwicklung ist vor allem deshalb erstaunlich, weil die Zahlen in diesem Jahrzehnt bislang ziemlich stabil waren. Ein Rückgang um 1,1% von 2015 auf 2016 war bereits die größte Schwankung in diesem Zeitraum. Sollte es bis Saisonende bei dem bisherigen Rückgang von 5% oder mehr bleiben, wäre das ein echter Erdrutsch. Erstmals seit 2003 könnten die Gesamtzahl der Stadionbesuche unter die Schwelle von 70 Millionen und der Zuschauerschnitt pro Spiel unter 28.000 fallen.

Es ist sicher noch zu früh, in Krisenstimmung zu verfallen, aber man kann und sollte sich zumindest fragen, woran es liegt, dass dieses Jahr so viel weniger Menschen die Ballparks besuchen. Zwei Gründe scheinen sich aufzudrängen: das Wetter und die gefühlt außergewöhnlich hohe Zahl von Teams, die die Jagd nach sportlichen Erfolgen auf kommende Jahre vertagt haben.

Tatsächlich war das Wetter dieses Jahr im April und bis in den Mai hinein außergewöhnlich schlecht, das heißt es hat häufiger geregnet und die Temperaturen waren niedriger als in der Jahreszeit üblich. Das gilt mehr oder weniger für die gesamten USA und ganz besonders für den Norden und den mittleren Westen. Der lange Winter führte zu einer Rekordzahl von Spielverlegungen, aber auch dazu, dass viele Spiele unter ungünstigen äußeren Bedingungen stattfanden und/oder bis kurz vor Beginn noch auf der Kippe standen. Dass unter solchen Umständen weniger Zuschauer in die Ballparks kommen als an sonnigen Frühlingstagen, ist logisch. Es reicht jedoch bei weitem nicht aus, einen Rückgang von rund 2 Millionen Zuschauern zu erklären; außerdem ist inzwischen das Wetter besser geworden, die Zuschauerzahlen aber nicht.

Somit kommt der zweite Erklärungsansatz ins Spiel: die sehr hohe Anzahl von Teams, die sich im Modus des Tanking, Rebuilding oder wie auch immer man es nennen möchte, befinden. Der Ansatz, sich für ein paar Jahre aus dem Konkurrenzkampf auszuklinken und sich Zeit für einen fundierten Neuaufbau mit jungen Spielern zu nehmen, ist in einem System ohne Auf- oder Abstiege zweifelsohne ein sinnvoller. Das unterstreichen nicht zuletzt die Erfolge der jüngsten World Champions Houston Astros und Chicago Cubs, die genau diesen Weg gegangen sind. Aktuell haben sie damit aber leider so viele Nachahmer gefunden, dass die Spannung der Liga merklich beeinträchtigt wird. Mindestens zehn Teams, also ein Drittel der MLB, sind dieses Jahr ganz bewusst nicht konkurrenzfähig. Fünf von ihnen stehen derzeit bei einer Siegquote von unter 40% – das sind so viele wie in den vergangenen drei Jahren zusammen.

In Toronto, Detroit, Kansas City, Süd-Chicago, Baltimore, Pittsburgh und anderen Städten mit Rebuilding-Teams sind die Zuschauerzahlen besonders massiv eingebrochen. Am krassesten zeigt sich die Auswirkung der absichtlichen Nicht-Wettbewerbsfähigkeit auf den Zuschauerzuspruch in Miami. Mit 10.267 Besuchern pro Heimspiel bilden die von der neuen Ownergruppe um Derek Jeter entkernten Marlins das Schlusslicht der Liga. Letztes Jahr, als man zwar auch nicht besonders erfolgreich, aber zumindest aufrichtig bemüht war und dabei Stars wie Giancarlo Stanton und Christian Yelich in die Arena schickte, wurden fast doppelt so viele Zuschauer gezählt. Man muss allerdings auch erwähnen, dass die Marlins vor der Saison angekündigt hatten, ab diesem Jahr ehrlicher zu zählen als bisher – ein Teil des extremen Rückgangs ist vermutlich dadurch erklärbar.

Natürlich lassen sich weitere potenzielle Gründe für die schwachen Zuschauerzahlen finden. Laufen die Länge und das Tempo der Spiele zu sehr dem Zeitgeist zuwider? Ist das Spiel langweiliger geworden durch die Zunahme von Strikeouts und Homeruns? Sitzt den Menschen das Geld nicht mehr so locker, um die hohen Eintrittspreise bezahlen? Bieten Fernsehen und Streaming inzwischen zu viele Möglichkeiten, die Spiele bequem auf dem Sofa zu verfolgen? Vermutlich spielt all das eine gewisse Rolle, doch ich bin relativ optimistisch, dass die Besucherzahlen sich erholen werden, sobald ein nennenswerter Teil der Rebuilding-Teams sich zurück im Konkurrenzkampf meldet.

Juni 19th, 2018 by